Nicht blind, nicht sehend

Sehbehinderte Menschen leben nicht nur in Hamburg: 20 Blinden- und Sehbehindertenvereine haben sich daher zum Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) zusammengeschlossen. Der DBSV sitzt in Berlin. Und da saß ich Freitag und Samstag auch. In der DBSV-Geschäftsstelle trafen sich die Öffentlichkeitsarbeiter aus der ganzen Republik und planten bundesweite Kampagnen und tauschten sich über die Situation in den jeweiligen Landesvereinen aus. Ich nahm zum erstenmal teil: viele neue Menschen, viele neue Informationen und viele neue Meinungen prasselten auf mich ein. Das Gehirn muss auf Zack bleiben, will man PR in einem Verband machen – und das ist fantastisch.

Ein Thema unserer Tagung war der Sehbehindertentag. Er wird alljährlich am 6. Juni begangen. An diesem Datum machen die Selbsthilfeorganisationen auf die besondere Situation von Menschen aufmerksam, die weder blind nnoch sehend sind. Sehbehinderte Menschen werden von ihrer Umwelt häufig nicht als gehandicapt wahrgenommen. Unter Blindheit können sehende Mitbürger sich vermeintlich etwas vorstellen. Sie schließen einfach die Augen und wissen dann, wie es ist nichts zu sehen. Sich aber vorzustellen, wie das scharfe Sehen nachlässt oder wie das Gesichtsfeld immer kleiner wird, das fällt schon nicht mehr so leicht. Und sehbehinderten Menschen sieht man ihre Behinderung nicht unmittelbar an. Wie häufig werden sehbehinderte Freunde von mir angepöbelt, wenn sie am U-Bahnhof nach einer Fahrplan-Auskunft Fragen? „Steht doch dran! Guck doch hin!“ Und dann gibt es noch den gegenteiligen Effekt: geistig völlig fitte Senioren werden von ihren Mitmenschen behandelt, als seien sie senil. Grund: die Senioren sind neu mit einer Augenkrankheit konfrontiert. Ihr Sehvermögen lässt rapide nach. Sie werden unsicher, weil sie ihren Nachbarn auf der Straße nicht mehr erkennen, Stufen übersehen, im umgebauten Supermarkt die Taschentücher nicht finden oder in der U-Bahn keinen freien Platz. Die Unsicherheit wird häufig als Senilität wahrgenommen. Zu der Krankheit gesellt sich ein abwertender Umgang durch die Mitmenschen. Der Frust wird stärker. Gut, dass sich die Betroffenen in Gesprächskreisen (z.B. beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg) austauschen und aufbauen können, und gut, dass der DBSV auch in diesem Jahr wieder auf die Lage der sehbehinderten Menschen aufmerksam machen wird.

Eine alte, aber gute Seite des DBSV zum Sehbehindertentag: http://www.dbsv.org/sehbehindertentag/

Ein leider nicht alltäglicher Filmabend

Ergänzt am 14.03.08)

Heute wird in Berlin der Deutsche Hörfilmpreis vergeben. Hörfilme enthalten eine Beschreibung für blinde und sehbehinderte Zuschauer, die sog. Audiodeskription. In den Dialog-Pausen erläutert ein Erzähler die nonverbale Handlung, beschreibt Aussehen, Mimik und Gestik der Akteure. Auch wenn Sie gelegentlich den sehenden Zuschauer verärgern, der nicht herausbekommt, wie er den Zweikanalton an seiner Fernbedienung ausstellt, sind Hörfilme fantastisch. Sie sind gelebte Barrierefreiheit und Integration. Und nicht zuletzt sind sie eine eigenständige Kunstform.

Seit Jahren unterstützt Schauspieler Mario Adorf das Medium Hörfilm. Zufällig spielte er die Hauptrolle in dem letzten Hörfilm, den ich gesehen habe. In „Epsteins Nacht“ spielt er einen KZ-Überlebenden, der unter eigenen Schuldgefühlen leidet. In seiner innigen Freundschaft zu den Brüdern Rose, mit denen er die Lagervergangenheit teilt, liegt eine verstörende Menschlichkeit und die ganze Tragik der NS-Opfer. Dass die Täter die Opfer wieder zu Tätern machten, thematisiert dieser Film bewegend. „Epsteins Nacht“ lebt von seinen Schauspielern. Bei Filmen im Originalton können auch blinde Menschen beurteilen, ob die Schauspieler überzeugen. Sonst sind wir auf professionelle Synchronisation angewiesen. Apropos Stimme: den Hörfilm-Text spricht bei „Epsteins Nacht“ Iris Berben. Sie trifft den Ton des Filmes, ruhig und ernst beschreibt sie die hilflosen Gesten Epsteins, das Berlin der Gegenwart und das Grauen der KZ-Szenen. Ich bin froh, die DVD ausgeliehen zu haben. Zumal auf ihr auch die Menüs vorgelesen werden, ebenso das schriftliche Interview-Material im Bonus-Bereich. Und die Kapitel-Liste liegt sogar in Blindenschrift bei. So war auch für mich ein Abend lang das Filmerlebnis etwas ganz alltägliches. Möge der Hörfilmpreis für noch mehr Produktionen wie „Epsteins Nacht“ sorgen.

Links zum Thema

Die Berliner Zeitung über die Preisverleihung: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/berlinberlin/732544.html

Deutscher Hörfilmpreis: http://www.deutscher-hoerfilmpreis.de/

International Movie Data Base über „Epsteins Nacht“: http://german.imdb.com/title/tt0285547/

Tina Manske lobt „Epsteins Nacht“: http://www.filmhai.de/kino/film/0001/epsteins_nacht.php

Ulrich Behrens verreißt „Epsteins Nacht“: http://www.filmzentrale.com/rezis/epsteinsnachtub.htm

Ethnologie in London

Verfasst am Mi.05.03.08

Am Montag gab es den touristisch-obligatorischen Themsen-Spaziergang, vorbei an Big Ben, Globe Theater (da muss ich im Sommer mal rein) und Tower-Bridge. Danach haben Rheinhold, Lisa, ihre mexikanische Freundin Carmen und ich chinesisch gegessen. Wir waren im Chuen Cheng Ku, das mir PR-Coach Christian empfohlen hatte. Wir haben uns Dim Sum gegönnt, d.h. kaum englisch-sprechende Chinesinnen fahren mit einem Wägelchen voller Häppchen an deinem Tisch vorbei, und du sagst yes oder No. Und weil alles so schön Häppchenhaft ist, traut man sich auch die Haifischflossen und Schnecken zu. Nur vor dem Rindermagen haben wir kapituliert (den gibt’s dann auch im Sommer), und Hühnerfüße wurden uns gar nicht erst angeboten. Es war lecker und spannend. Und dass bei Chuen auch viele Asiaten essen – und nicht nur die Touris – spricht ebenfalls für dies Restaurant in London-Chinatown.

Und das Restaurant kam uns vor wie eine Oase. Grund: nach unserem Spaziergang sind Rheinhold und ich in Monumentstation in die U-Bahn eingestiegen, um mit der Centralline zu fahren. Schließlich wollten wir Lisa treffen, um zum Chinesen zu gehen. Dummerweise war es 17.00 Uhr, Rush-Hour. Das ist ein Erlebnis, das wir Hamburger uns nur schwer vorstellen können, selbst wenn wir jahrelange 5er-bus-zur-Uni-Erfahrung haben. Menschenmassen, die sich durch endlos weite Tunnellandschaften schieben, keine Roll- oder sonstige Treppenauf- und Abstiege scheuen, im Kindergärtnerton gebrüllte Lautsprecherdurchsagen, die dem U-Bahn-Nutzer-Hirn einhämmern, erst aussteigen zu lassen und erst danach einzusteigen, im Kindergärtnerton gebrüllte Lautsprecherdurchsagen, die dem U-Bahn-Nutzer-Hirn einhämmern, hinter der Rolltreppe nicht stehen zu bleiben, da einem sonst die ganze Herde in die Hacken rennt, heiße körperliche Nähe im Zug, die sich manch andere Menschen in ihrem Bett wünschen. Aus Touristisch-ethnologischer Perspektive ist U-Bahn-Fahren in London ein Erlebnis. Wie es ist, das jeden Tag im Alltag zu haben, weiß ich nicht. Die Eingeborenen wirkten aber recht stoisch. Ich habe einmal gehört, es gebe in London überdurchschnittlich viele Blindenführhunde. Ich könnte mir vorstellen, dass das stimmt. Möglicherweise ist das der entspanntere Weg, Londons Gewusel als blinder Brite zu beherrschen. Blindenstöcke gehen bei der Enge gewiss häufiger mal zubruch.

Und Dienstag war – nach einem letzten Camden-Bummel, dem Abschicken der Rheinhold’schen Postkarten und extremst fettigen Fish & Chips – auch schon wieder der Rückflug angesagt. Aber wir sind jetzt schon ganz heiß auf unseren nächsten Besuch in UK: Rheinhold und ich planen, im Juli wiederzukommen – mit Paddeln in den Docklands, einem Globetheatre-Besuch und einem englischen Picknick. See You!

Links zum Thema

Restaurant Chuen Cheng Ku http://www.chuenchengku.co.uk/

London aus der Rollstuhl-Perspektive: http://www.behindertenparkplatz.de

Globalisierung und Behinderung

(Verfasst am Mo.03.03.08)

London ist wie ein Rausch. Alles pulsiert und groovt. Wohin sollen wir gehen? Ins Portugiesenviertel, zu den Marokkanern, nach Chinatown? Das ist Welt Kompakt. Wir entscheiden uns am Sonntag für die Brick Lane. Hier reiht sich ein Curry-Imbiss an den nächsten. Über die Gehsteige schallt indische Musik und die Straßenschilder sind in Hindi. Ich stelle mir die Schlagzeilen der Hamburger Boulevard-Presse vor, wenn in Wilhelmsburg plötzlich türkische Straßenschilder stünden – das Ende des Abendlandes wär dann wohl gekommen. Hier in London scheint das Nebeneinander der Kulturen zu klappen. In Markthallen, in verramschten Shops oder direkt auf der Straße, jeder möchte hier etwas verkaufen. Die Angebotspalette reicht bis an den Rand der Illegalität: ob es wirklich der Besitzer ist, der sein altes Fahrrad für fünf Pfund verscherbelt? Ein Funk-DJ hat sein Soundsystem am Straßenrand aufgedreht und bietet selbstgebrannte Compilation-CDs an. Ob es in England etwas wie die Gema gibt? Und sogar die Hütchen-Spieler-Horden vom Balkan gibt es hier noch. Aber auch hier in der Brick Lane sind Überlebenskapitalismus und die hippsten Trends nah beisammen. Denn auch hier gibt es Shirts im Siebdruckstyle, Clubsounds, die ich auf deutschen Straßen und aus deutschen Radios niemals höre. Und wahrscheinlich ist es genau diese Einheit aus den rauhen Gesetzen des freien Marktes und der Ballung internationaler Einflüsse, die das Pulsieren dieser Stadt ausmacht.

Nach unserem Nachmittagsbummel landen wir bei Ziggy. Sprich: in einem Pub. Uns begleitet Camilla, Lisas finnische Freundin, die mit einem Cellisten von Apocalyptica zusammen ist. Während Lisa Konferenzen an einem Gynäkologen-College organisiert, verkauft Camilla Film- und Musik-Pakete an Flug-Gesellschaften – erstaunliche Jobs, die unsere Generation hat. Ziggy hat alles, was man an einem Sonntag braucht: gemütliche Antik-Sofas, hippen Dancefloorjazz, saftige Burger mit Pommes, Cider und acht Sorten Bier vom Fass. In netter Gesellschaft können da schonmal sechs Stunden vergehen.

Und auch an diesem Abend stell ich einmal wieder fest, wie unkompliziert die Menschen hier mit meiner Behinderung umgehen. Schon häufig hab ich in England oder Irland erlebt, dass mich die Leute einfach ansprechen, und sie sagen nicht: „toll wie Sie allein gehen“ oder „wodurch sind Sie blind geworden“ oder „das muss aber schlimm sein“. Nein, die Leute hier sagen „nice Weather, isn’t it?“, „are you on holiday?“ oder „Hamburg, that’s a wonderful city!“ Und auch Camilla reicht mir nach dem Pub-Abend – wie selbstverständlich – ihren Arm. Sie wolle das einfach mal probieren. Ist es meine Urlaubsausstrahlung, die die Menschen hier so locker mit mir umgehen lässt? Oder ist es vielleicht doch so, dass wir Deutschen ein tendenziell verkrampfteres Verhältnis zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen haben? Vielleicht liegt es an der Grundhaltung: in den angelsächsischen Ländern macht jeder aus seiner Situation das Beste, sei er Ausländer, behindert oder blond. Bei uns sehen wir als erstes die Hilfsbedürftigkeit von Menschen, die anders sind. Hoffentlich trägt die Globalisierung den offenen Umgang mit Behinderten auch eines Tages nach Deutschland.

„London Leben“ über die Brick Lane: http://www.londonleben.co.uk/london_leben/2004/07/brick_lane_and_.html