Brief an Lotta

Liebe Lotta,

falls Du Dich in zehn bis zwanzig Jahren – wenn Du diesen Eintrag vielleicht liest – nicht mehr daran erinnern können solltest: ich habe Dich gestern zum erstenmal gehalten. Du warst sieben Wochen alt, 50 cm klein, hattest winzig-kleine Hände und einen ganz schön kleinen Kopf, mit vielen Haaren darauf. Du hattest auch Haare auf den Ohren (aber darüber wollen wir lieber schweigen, die wirst Du schon noch los). Du hast leise gequietscht und Dich ein wenig gestreckt. Dabei haben die Glöckchen in Deinen Schuhen – auf die ich ein Bisschen neidisch bin – geklappert. Geschrien hast Du nicht. Ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist. Obwohl vielleicht warst Du einfach von Deinen lieben Eltern so satt und glücklich gestopft, dass es keinen Grund mehr zum Schreien gab und Dir völlig schnurz war, in wessen Schoß Du gerade liegst? Nein nein, ich hatte einen guten ersten Eindruck von Dir! Petrus, Tinka und Du werdet schon Spaß haben. Und gelegentlich kommt Onkel Heiko mal vorbei und sagt erfreut: „Du bist aber groß geworden!“

Schall- und Stufenschlucker

Gestern und heut lag Schnee. Ich hätte darauf verzichten können. Gut, auch ich habe als Kind Schneemänner gebaut und Schneeballschlachten geschlagen. Deshalb kann ich mich einer gewissen Nostalgie bei diesem Wetter nicht erwehren. Und einen Spaziergang durch einen verschneiten Wald in charmanter Begleitung finde ich auch romantisch. Aber alltagskompatibel ist Schnee für mich nicht.

Schnee bedeutet Ruhe, lästige Ruhe. Plötzlich fehlt mir akustische Kontrolle, die mir sonst meinen Arbeitsweg erleichtert. Der Schnee schluckt den Schall meiner Schuhe und die Geräusche der Autos. Und er begräbt Boden-Unebenheiten unter sich. Ich fühle mit meinem Blindenstock nicht mehr, wo der Bordstein endet und der Sandstreifen anfängt, wo die abgeflachte Bordsteinkante ist. Liegt der Schnee sehr hoch, ist ein selbstständiges Bewegen für blinde Menschen mit Stock kaum möglich. Gut, dass man sich in Hamburg darauf verlassen kann, dass der Schnee nie länger als einen halben Tag liegen bleibt. Und beinah könnte man zum leidenschaftlichen Befürworter der Klima-Katastrophe werden, denn schließlich kontte ich in diesem Winter jeden Tag allein zur Arbeit gehen. Also, Heizung höher drehen und Fenster aufreißen! Aber nein, was wird dann aus Winterromantik und -nostalgie?

Blindes Bolzen

Die Kollegen der journalistischen Zunft interessieren sich dieser Tage für Blinden-Fußball. In Deutschland ist die Sportart recht neu. Sie kam mit der WM 2006 in unser Land. Die blinden Bolzer versuchen den Klingelball im Tor der sehenden Torwarte unterzubringen. Ihnen helfen Zurufe der sehenden Trainer.

In der vergangenen Woche wurde in Berlin die Blinden-Fußball-Bundesliga vorgestellt. Schirmherr ist HSV-Legende Uwe Seeler. Ab dem 29. März werden acht Teams aus Deutschland den ersten Meister ausspielen. Initiatoren der Liga sind die Herberger-Stiftung des Deutschen Fußballbundes und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband.

Auch aus Hamburg kommt ein Bundesliga-Team. Der Kultclub FC St. Pauli hat eine eigene Blinden-Fußball-Mannschaft, an die ich schon häufiger Presse-Vertreter verweisen konnte. Blinden-Fußball ist medial spannend: Es gibt zum einen ein vertrautes Equivalent im Sport der Sehenden, und es ist Action auf dem Platz. Bleibt zu hoffen, dass die Gründung der Liga dem Sport einen Schub verleiht. Mein Freund Trevor immerhin will jetzt auch damit anfangen…

Links zum Thema

Offizielle Homepage zum Blindenfussball: http://www.blindenfussball.net

Mehr Infos auf der BSVh-Homepage: http://www.bsvh.org/news/44/37/

Kobinet-Artikel zur Bundesliga: http://www.kobinet-nachrichten.org/17623/1

Energetischer Trübsinn

Am Dienstag schrieb die Mopo über das Editors-Konzert: „ein recht merkwürdiges Schauspiel bei jedem nachfolgenden Stück: Fan goutiert das Intro mit einem Jubelschrei, hopst etwa 20 Sekunden euphorisch drauflos und verfällt sodann in andächtige Zuschau-Starre. Bei allem guten Willen und trotz des bebenden Baritons von Sänger Tom Smith – der Funke will hier einfach nicht überspringen.“ Hier ist dringend eine Kritik der Konzert-Kritik geboten.

Ich frage mich, ob die Kollegen der Mopo auf dem selben Konzert wie Julia, die von Musik und Konzerten weitestgehend viel versteht, und ich waren? Das Editors-Konzert, auf dem wir am Sonntag waren, war geprägt von einer unglaublichen Euphorie des Publikums, von druckvoller Musik, die dennoch düster war. Die Fans jubelten schon bei den Vorbands – für Hamburger Verhältnisse – enthusiastisch. Und bei den Editors gab es kein Halten mehr – und nicht nur in den ersten zwanzig Sekunden. Wahrscheinlich mussten die Mopo-Journalisten nach 20 Sekunden zu ihrem nächsten Konzert-Termin. Denn bei fast jedem Solo gingen die Hände in die Höhe, jeder Scherz des Lead-Sängers wurde mit überwältigendem Applaus gewürdigt.

Die Editors sprechen ein Generationsgefühl an. Wie sagte Julia so schön und verwundert? „Das sind ja alles Erwachsene hier!“ Erwachsene, die dafür sorgten, dass das Konzert – obwohl die Band erst im November in Hamburg gewesen war – ausverkauft war. Erwachsene, die mitsangen und klatschten, dass sich die Balken bogen. Was macht die Band aus? Gut, es stehen ausschließlich studierte Musiker auf der Bühne. Man merkt es, weil jeder feinste Break sitzt, die musikalische Spannung niemals verloren geht. Es ist aber noch mehr. Die Mischung aus Energie und Trübsinn ist bemerkenswert. Waviger kann Musik von heute nicht sein. Und vielleicht ist es der Soundtrack einer Generation, die weiß, dass diese Welt voll von Etschütterung, Unsicherheit und Tod ist, die aber trotzdem das Leben genießen und voran kommen möchte.

Links zum Thema

Mopo-Artikel zum Editors-Konzert: http://archiv.mopo.de/archiv/2008/20080318/hamburg/kultur/eine_mega_musiknacht.html

Offizielle Editors-Homepage: http://www.editorsofficial.com/