Kinder, Kinder

Kinder allerorten: nicht nur, dass man sie wieder vermehrt in Hamburgs U-Bahnen antrifft – in dieser Stadt scheint es nicht nur ökonomisch steil bergauf zu gehen -, nein, auch im privaten Umfeld und im Dienst sind sie plötzlich da. Mein alter Schulfreund Petrus ist seit Samstag Papa. Das ist schwer zu glauben, haben wir nicht noch eben auf einer Schaukel gesessen und Bier getrunken, haben wir nicht vor Kurzem noch verwirrt stumpfsinnige Radio-Sendungen im Offenen Kanal Produziert? Bei Lichte betrachtet, ist das wohl knapp fünfzehn Jahre her… Und nun ist Lotta-Sophie da, ein schöner Name. Das Mädchen wird es gut haben bei Petrus, jedenfalls wird er gern mit ihr schaukeln.

Montag Vormittag hat uns eine dritte Klasse im Louis-Braille-Center besucht. Als ich in den Stuhlkreis kam, konnte ich nicht einschätzen, ob da fünf oder fünfzig Kinder sitzen. So leise und spürbar gespannt war en sie. Alle hatten sie Fragen vorbereitet. Ich merkte, dass die Lehrerin sie gut vorbereitet hatte, ohne die Fragen vorher diktiert zu haben. „Wieso sind Sie blind?“ „Wie kaufen Sie ein?“ „Woher wissen Sie, dass eine Ampel grün ist?“ Ich zeigte meinen Blindenstock, meine tastbare Uhr, meine Blindenschriftmaschine. Es gab aber auch Fragen, bei denen die Antworten nicht so leicht fielen: „Wie ziehen Sie sich an?“ „Wie bestellen Sie Pommes?“ oder „wie gucken Sie Horrorfilme?“ Meine Kollegin und ich erklärten die Blindenschrift. Und ich schrieb jedem Zwerg seinen Namen auf einen kleinen Punktschriftzettel. Und schon war eine Stunde herum. Wie kurzweilig die Zeit mit Kindern sein kann.

Technik, die integriert

Allmählich trudeln sie ein: die Antworten der Parteien auf Fragen des Blinden- und Sehbehindertenvereins. Sie kommen per Post oder Mail. Und trotzdem kann ich sie lesen.

Die CDU-Geschäftsstelle beantwortet postalisch. Ich halte vier Papier-Seiten in der Hand. Papier, leicht rauh, aber keine erhabenen Punkte in Blindenschrift. Ich lege die Seiten nach und nach auf meinen Scanner. Geduldig surrt er, liest die Seiten ein. Eine Software wandelt die gescannten Bilder in Text um. Mein Computer spricht, synthetisch, schnell – ungeschulte Ohren verstehen kein Wort. Ich verstehe, dass die Union die Kürzung des Landesblindengeldes weiterhin für richtig hält, die Schaffung eines zentralen Jobcenters für schwerbehinderte Arbeitslose als Fortschritt empfindet und die Förderung des UKE auch sehbehinderten und blinden Menschen zugute kommen soll.

Die moderne Technik hilft mir auch, die Antworten von GAL und FDP zu verstehen. Sie kommen per E-Mail. Bei den Grünen als PDF, bei der FDP als Word-Dokument. Auch hier hilft mein PC. Auf ihm ist ein sog. Screenreader installiert, der den Bildschirminhalt so ausliest, dass er für mich in Sprache umgewandelt werden kann. Zusätzlich zeigt eine Braille-Zeile den Text in Blindenschrift an. Die kleinen Stäbchen stellen Blindenschrift dar, die nach ihrem Erfinder Louis Braille benannt ist.

Dass blinde Menschen den Computer nutzen können, ist ein großer Fortschritt. Hierdurch und durch das Internet stehen uns Informationen zur Verfügung, die früher unerreichbar waren. Noch vor fünfzehn Jahren waren wir auf gedruckte Zeitschriften in Blindenschrift angewiesen, die nur wenig Information enthielten – Blindenschrift braucht sehr viel Platz. Und sie waren nicht aktuell, so kamen Artikel aus Stern und Zeit erst ein bis zwei Wochen nach ihrem Original-Erscheinen bei uns im Briefkasten an. Alternativ gab es Bücher und Zeitschriften auf Kassette, die auch nicht tagesaktuell hergestellt werden konnten. Außerdem dauerte es Minuten bis man sich zum gesuchten Artikel gespult hatte. Heute gibt es DAISY: Digital Accesible Information System: CDs, die MP3-Dateien und Zusatz-Infos enthalten, so dass gezielt Abschnitte, Kapitel und Seitenzahlen angesteuert werden können. Endlich können wir im Spiegel blättern. Und es gibt das Internet: allmorgendlich lese und höre ich mich am Rechner durch die Online-Angebote von TAZ, Mopo, Welt… Dank des technischen Fortschritts bin ich so gut informiert wie meine sehenden Kollegen.

Von rauhen Gesellen und verträumten Frauen – oder umgekehrt?

Meine Konzert-Saison 2008 ist endlich eröffnet. Nicht, dass ich selbst auftrete. Im Gegensatz zum Klischée bin ich kein blindes Musik-Genie. Ich lasse musizieren.

Dienstag war ich bei Wir Sind Helden und Tomte. Vier Stunden Konzert für einen guten Zweck, was will man mehr? An meiner Seite Malin, die seit siebeneinhalb Jahren immer mal wieder auftaucht, um dann plötzlich für Monate oder Jahre nach Barmbek, Maiendorf oder Hawaii zu verschwinden. Wacker windet sie sich mit mir durch das ausverkaufte Docks. Das ist Maßarbeit: zu zweit, mit randvollen Colabechern in der Hand, Stufen ab und Stufen auf durch das Getümmel. Zumal der durchschnittliche Konzert-Besucher nicht davon ausgeht, dass der scheinbar endlos verliebte Typ, der nicht auch nur eine Sekunde vom Arm seiner Angebeteten lassen kann, blind seien könnte. Ruppig wird es auch, wenn ich dem Zwei-Meter-Hünen in Lederjacke und Bier-Dunst eisern im Weg stehe. Statt Platz zu machen sing ich lieber ungestört „Soundso“ lauthals mit. Dabei hatte er mir doch nonverbal zu verstehen gegeben, dass ich seinen Weg versperre. Der Normalfall ist das aber nicht: nach einer kurzen Irritation checken die meisten Leute die Situation, berühren mich vorsichtig an Arm oder Schulter und signalisieren mir so, dass sie vorbei möchten.

Gedrängel gab es gestern im Knust nicht. Dort spielte Janina – Support: Goetz Widtmann (einst Jointventure). Familiäre Konzerte wie diese haben ihren eigenen Charme: der kurze Plausch mit dem Mainact am Tresen, ein „Schönen Feierabend“ nach dem Konzert. Das Beste aber: Janinas Stimme. Sie kann betörent verwegen daher kommen, dann wieder soulful bluesig oder lasziv Björkesk. Hinzu kommen grundsolides Gitarren-Handwerk und humorvoll-verträumte – wenn auch manchmal noch etwas kantige – Texte. Also, die Frau hat Zukunft – jedenfalls bei mir.

Politpromis bei Behinderten

Man kann gegen den Wahlkampf sagen, was man will. Er hat einen entscheidenden Vorteil: Es ist selten so leicht, mit führenden Politikern ins Gespräch zu kommen wie vor einer Wahl. Der Elternverein „Leben mit Behinderung Hamburg“ hat es geschafft, Birgit Schnieber-Jastram (CDU), Dora Heyenn (die Linke), Michael Naumann (SPD), Christa Goetsch (GAL) und gestern schließlich Hinnerk Fock (FDP in den Südring 36 einzuladen. Ich immer mittenmang.

250.000 behinderte Menschen leben in Hamburg. Ihre Anliegen spielen im Wahlkampf kaum eine Rolle. Politikern geht es letztlich wie den meisten anderen nichtbehinderten Menschen: Sie sind es nicht gewohnt, sprachbehinderte Redner zu verstehen, sie haben noch nie einen Rollstuhlfahrer aus dem Sitz gehoben, sie haben noch keinen bettlegrigen Menschen gepflegt, und sie sind es nicht gewohnt, auf blinde Menschen, die ihren Blick nicht erwidern, zuzugehen. Dafür sind Veraanstaltungen wie die vor der Wahl so wichtig: Zeigen, dass es dieses Hamburg auch gibt, Zeigen, dass wir da sind und Interessen haben, die wir offensiv vertreten.

Die SPD möchte die Blindengeld-Kürzung zurücknehmen, die GAL möchte integrative oder – wie sie sagt – inklusive Schulen, die CDU möchte das Landesgleichstellungsgesetz mit Leben füllen, die FDP möchte durch mehr Wirtschaftsaufschwung Behinderte in Lohn und Brot bringen, die Linken wollen Unternehmen verpflichten, behinderte Arbeitnehmer einzustellen. Das alles ist richtig und wichtig, doch noch wichtiger ist wohl der direkte Kontakt, das persönliche Gespräch. Häufig sind es nämlich ganz kleine Dinge, die den Alltag z. B. blinder Menschen enorm erleichtern: eine neue Signalampel, damit man wieder sicher zum Tante-Emma-Laden gehen kann, eine zusätzliche Lautsprecherdurchsage bei der U-Bahn, die verhindert, dass man in die falsche Richtung fährt usw. Solche Themen haben im Wahlkampf keinen Platz. Und ich kann nicht erwarten, dass sie in den Köpfen von Behördenvertretern oder Politikern allgegenwärtig sind. Darum werde ich auch nach der Bürgerschaftswahl am 24. Februar mit meinem Blindenstock an die Türen der Entscheider klopfen.