Schau- und Blindspiel

Immer schön open-minded bleiben, flexibel sein, neues ausprobieren! Das klingt heutzutage fast schon wieder stereotyp, abgedroschen und verallgemeinernd. Und doch sind Offenheit und Neugier Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit – und für ein spannendes Leben. Aber muss ich deswegen gleich zum Theater gehen?

Die Kulturbühne Bugenhagen möchte ein Stück mit sehenden Ensemble- und blinden Laien-Schauspielern auf die Bühne bringen. In dem Stück soll das Thema Blind versus Sehend verarbeitet werden. Wie kann das gelingen? Wie können die unterschiedlichen Sinneswelten für das Publikum erfahrbar gemacht werden? Wie kann ich mich als blinder Schauspieler auf der Bühne bewegen?

Auf all diese Fragen bekam ich gestern Abend keine Antwort. Bei einem ersten Info-Treffen in dem einstigen Gemeindesaal der Bugenhagen-Kirche, der heute als Theater-Saal dient, tauschten sich blinde Interessenten mit Regisseur und Bühnen-Betreiber aus. Erste Ideen wurden gedacht und formuliert, mehr neue Fragen gestellt als alte beantwortet. Und gerade das hat mich noch neugieriger gemacht. Wir blinden Teilnehmer können von dieser Chance nur profitieren: schauspiel-pädagogisches Training, die Auseinandersetzung mit Mimik und Gestik, die geballte Reflexion über das Verhältnis von blinden zu sehenden Menschen im Brennglas einer Theater-Bühne. Was kann es spannenderes geben? Ich freu mich drauf! Und wenn das Stück noch eine gute Geschichte erzählt, hat das Publikum auch gewonnen, nämlich einen unterhaltsamen Theater-Abend.

Homepage der Kultur-Bühne Bugenhagen: http://www.kbb-hamburg.de

Ankündigung des Theater-Projekts auf der BSVH-Homepage: http://www.bsvh.org/news/39/37/

Unstimmige Zettel statt passende Schablonen

Für meinen Arbeitgeber schon ein Ritual, für mich noch immer aufregend: Landespressekonferenz, Thema Wahlen. Heute war es wieder soweit. Ich sollte die Wahl-Schablonen für Blinde vorstellen.

Die Vorab-Info lautete, dass ich gebeten würde, für eventuelle Nachfragen anwesend zu sein, aber nicht reden müsste. Es kam anders. „Setzen Sie sich nach vorn. Wir haben die Schablonen immer vorgestellt. Das machen wir wieder so.“ Ich hatte meine zwei Schablonen, einen knapp 100 Seiten dicken Punktschrift-Stapel und eine CD mit aufgesprochenen Kandidaten- und Parteinamen dabei, aber keine Notizen. Schnell noch einen Stift schnappen und einige Stichpunkte auf einen Zettel krickeln, ist für mich nicht drin. Und eine Punktschrift-Schreibmaschine sucht man im Rathaus wohl vergeblich.

Das Thema Wahlschablonen kenne ich inzwischen aus dem Effeff. Seit Wochen habe ich Kandidaten- und Parteilisten in Blindenschrift korrigiert. Ich habe Testversionen verschiedener Schablonen-Modelle in Händen gehalten. Ich habe die Pressemitteilung für den BSVH verfasst, Somit brauchte ich keine Notizen, um vor der – ich befürchte, wenig interessierten – Presse auf das Grundrecht der geheimen Wahl für Blinde, auf die Bestell-Hotline für die Schablonen und auf den großen Kraftakt des Blinden- und Sehbehindertenvereins hinzuweisen. Die Journalisten fragten Hamburgs Wahlleiter lieber nach den Pannen beim Versandt der Briefwahlunterlagen, nach falschen oder zuvielen Kandidaten auf den Wahllisten oder nach verwechselungen beim Zusammenstellen der Stimmzettel.

Trotz des geringen Medien-Echos haben wir soviel Schablonen-Bestellungen wie noch nie. Manchmal ist Mund-zu-Mund-Propaganda halt doch die effektivere PR.

Pressemitteilung des BSVH zu Wahl-Schablonen: http://openpr.de/news/189203/Geheim-und-blind-waehlen.html

Die Krönung des Pop

Gut, die Anreise ist semi-luxuriös – U-Bahn, S-Bahn, vollgestopfter Bus. Die Leibesvisitation am Eingang hat mehr mit Flughafen als mit Konzerthalle gemein (€1 Aufbewahrungsgebühr für mein Taschenmesser – naja, wenigstens keine Extrawurst für den Blinden). Aber sonst: die Krönung des Pop!

The Cure waren Freitag in Hamburg. Sarih – die erste Blind-PR-Kommentiererin und meine Begleitung an diesem Abend- und ich waren weit vorn, hatten die besten Stehplätze, die überhaupt die besten Plätze in der Colorline-Arena sind. Hier ist der Sound am besten, von der Stimmung ganz zu schweigen. Na gut, die Stimmung brauchte auch am Freitag ein Bisschen Zeit, aber als sie erstmal da war, wollte sie sich bis zum Exzess steigern. Robert Smith singt wie vor 30 Jahren. Seine Stimme lässt meinen Magen kribbeln. Die Band kommt mal gruftig, mal überraschend funky daher. Wie in der Musik von the Cure, geben sich auch in mir Melancholie und Euphorie die Klinke in die Hand. Und spätestens bei „Boys don’t cry“ fühl ich mich steinalt und jung wie noch nie – und das gleichzeitig. Dreieinhalb Stunden spielen Smith und Band, umwerfend, großartig, genial.

Wovor mir nur graut: wie soll ich nach diesem grandiosen Gig das Konzert einer anderen Band genießen? Diese ganzen Nachwuchs-Melancholiker können doch einpacken. Ich hoffe nur, dass meine Cure-Begeisterung bis zum Konzert der Editors ein Wenig gesackt ist – schon allein, um dann nicht enttäuscht zu sein.

Offizielle deutschsprachige Cure-Homepage: http://www.the-cure.de.

Blind wählen

Auch blinde Menschen können wählen: heute hab ich es einer Wochenblatt-Journalistin erklärt. Bis vor wenigen Jahren waren wir auf Hilfe angewiesen, wollten wir unsere Stimme abgeben. Da wir nicht wussten, wo welche Partei, welcher Kandidat auf dem Wahlzettel stand, musste eine mehr oder minder vertrauenswürdige Person unser Kreuzchen machen. Wir mussten ihr blind vertrauen.

Das ist heute anders. Die Blinden- und Sehbehindertenvereine vertreiben kostenlos Wahlschablonen. In die Schablonen werden die Wahlzettel eingelegt. Die Schablonen haben Beschriftungen in Braille und im Großdruck. Sie sind aus fester Pappe. Löcher zeigen an, wo die Felder für die Kreuzchen sind. Da der Text des Wahlzettels in Blindenschrift viel Platz benötigt, wird er auf eine CD gelesen oder als Braille-Broschüre beigefügt. In Hamburg hat der Gesetzgeber das Recht auf die Schablonen verankert.

In Hamburg hat der Gesetzgeber auch ein neues Wahlrecht erlassen, das uns vor große Herausforderungen stellt – allerdings stellt es auch sehende Wähler vor eine keineswegs kleine Herausforderung. Siebzehn Wahlkreise, Partei- und Kandidatenlisten, Bürgerschafts- und Bezirksversammlung. Im schlimmsten Fall hätten wir rund 200 Schablonen erstellen müssen. Der einzelne Wähler hätte mit rund fünfzehn Schablonen in die Wahlkabine gehen müssen. Praktikabel geht anders. Der BSVH konnte beim Wahlamt durchsetzen, dass die Wahlzetten – man muss wohl richtiger von Wahlheften sprechen – genormt werden, so dass für ganz Hamburg – und damit auch für jeden einzelnen Blinden – nur zwei Schablonen notwendig sind: eine hat pro Reihe ein Loch, die andere fünf. Puh, das war knapp. Dann kann ich ja doch wählen, geheim, wie sehende Hamburger auch.

Infos zu den Wahlschablonen: http://www.bsvh.org/news/37/37/