Schall- und Stufenschlucker

Gestern und heut lag Schnee. Ich hätte darauf verzichten können. Gut, auch ich habe als Kind Schneemänner gebaut und Schneeballschlachten geschlagen. Deshalb kann ich mich einer gewissen Nostalgie bei diesem Wetter nicht erwehren. Und einen Spaziergang durch einen verschneiten Wald in charmanter Begleitung finde ich auch romantisch. Aber alltagskompatibel ist Schnee für mich nicht.

Schnee bedeutet Ruhe, lästige Ruhe. Plötzlich fehlt mir akustische Kontrolle, die mir sonst meinen Arbeitsweg erleichtert. Der Schnee schluckt den Schall meiner Schuhe und die Geräusche der Autos. Und er begräbt Boden-Unebenheiten unter sich. Ich fühle mit meinem Blindenstock nicht mehr, wo der Bordstein endet und der Sandstreifen anfängt, wo die abgeflachte Bordsteinkante ist. Liegt der Schnee sehr hoch, ist ein selbstständiges Bewegen für blinde Menschen mit Stock kaum möglich. Gut, dass man sich in Hamburg darauf verlassen kann, dass der Schnee nie länger als einen halben Tag liegen bleibt. Und beinah könnte man zum leidenschaftlichen Befürworter der Klima-Katastrophe werden, denn schließlich kontte ich in diesem Winter jeden Tag allein zur Arbeit gehen. Also, Heizung höher drehen und Fenster aufreißen! Aber nein, was wird dann aus Winterromantik und -nostalgie?

Blindes Bolzen

Die Kollegen der journalistischen Zunft interessieren sich dieser Tage für Blinden-Fußball. In Deutschland ist die Sportart recht neu. Sie kam mit der WM 2006 in unser Land. Die blinden Bolzer versuchen den Klingelball im Tor der sehenden Torwarte unterzubringen. Ihnen helfen Zurufe der sehenden Trainer.

In der vergangenen Woche wurde in Berlin die Blinden-Fußball-Bundesliga vorgestellt. Schirmherr ist HSV-Legende Uwe Seeler. Ab dem 29. März werden acht Teams aus Deutschland den ersten Meister ausspielen. Initiatoren der Liga sind die Herberger-Stiftung des Deutschen Fußballbundes und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband.

Auch aus Hamburg kommt ein Bundesliga-Team. Der Kultclub FC St. Pauli hat eine eigene Blinden-Fußball-Mannschaft, an die ich schon häufiger Presse-Vertreter verweisen konnte. Blinden-Fußball ist medial spannend: Es gibt zum einen ein vertrautes Equivalent im Sport der Sehenden, und es ist Action auf dem Platz. Bleibt zu hoffen, dass die Gründung der Liga dem Sport einen Schub verleiht. Mein Freund Trevor immerhin will jetzt auch damit anfangen…

Links zum Thema

Offizielle Homepage zum Blindenfussball: http://www.blindenfussball.net

Mehr Infos auf der BSVh-Homepage: http://www.bsvh.org/news/44/37/

Kobinet-Artikel zur Bundesliga: http://www.kobinet-nachrichten.org/17623/1

Energetischer Trübsinn

Am Dienstag schrieb die Mopo über das Editors-Konzert: „ein recht merkwürdiges Schauspiel bei jedem nachfolgenden Stück: Fan goutiert das Intro mit einem Jubelschrei, hopst etwa 20 Sekunden euphorisch drauflos und verfällt sodann in andächtige Zuschau-Starre. Bei allem guten Willen und trotz des bebenden Baritons von Sänger Tom Smith – der Funke will hier einfach nicht überspringen.“ Hier ist dringend eine Kritik der Konzert-Kritik geboten.

Ich frage mich, ob die Kollegen der Mopo auf dem selben Konzert wie Julia, die von Musik und Konzerten weitestgehend viel versteht, und ich waren? Das Editors-Konzert, auf dem wir am Sonntag waren, war geprägt von einer unglaublichen Euphorie des Publikums, von druckvoller Musik, die dennoch düster war. Die Fans jubelten schon bei den Vorbands – für Hamburger Verhältnisse – enthusiastisch. Und bei den Editors gab es kein Halten mehr – und nicht nur in den ersten zwanzig Sekunden. Wahrscheinlich mussten die Mopo-Journalisten nach 20 Sekunden zu ihrem nächsten Konzert-Termin. Denn bei fast jedem Solo gingen die Hände in die Höhe, jeder Scherz des Lead-Sängers wurde mit überwältigendem Applaus gewürdigt.

Die Editors sprechen ein Generationsgefühl an. Wie sagte Julia so schön und verwundert? „Das sind ja alles Erwachsene hier!“ Erwachsene, die dafür sorgten, dass das Konzert – obwohl die Band erst im November in Hamburg gewesen war – ausverkauft war. Erwachsene, die mitsangen und klatschten, dass sich die Balken bogen. Was macht die Band aus? Gut, es stehen ausschließlich studierte Musiker auf der Bühne. Man merkt es, weil jeder feinste Break sitzt, die musikalische Spannung niemals verloren geht. Es ist aber noch mehr. Die Mischung aus Energie und Trübsinn ist bemerkenswert. Waviger kann Musik von heute nicht sein. Und vielleicht ist es der Soundtrack einer Generation, die weiß, dass diese Welt voll von Etschütterung, Unsicherheit und Tod ist, die aber trotzdem das Leben genießen und voran kommen möchte.

Links zum Thema

Mopo-Artikel zum Editors-Konzert: http://archiv.mopo.de/archiv/2008/20080318/hamburg/kultur/eine_mega_musiknacht.html

Offizielle Editors-Homepage: http://www.editorsofficial.com/

Schönheit im Ohr

Nach zwei Tagen im Konferenzraum – nur unterbrochen durch einen Besuch in der Legendären Markthalle in Kreuzberg, in der schon Herr Lehmann Schweinebraten aß und die schöne Köchin kennenlernte – ist es am Samstag Nachmittag Zeit für Berliner Freizeit. Ich besuche Tina, ziehe mir mit ihr den Paten rein und gehe mit ihr auf eine Geburtstagsfeier auf ein Party-Schiff.

Tina begleitet mich seit sieben Jahren. Damals machten wir Praktikum in einer Unternehmensberatung. Sie ist inzwischen Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Joachim Lottmann nennt sie in seinem Blog gern Tina Beautiful. Und er wird gewiss streng wahrheitsgemäß schreiben. Was für blinde Menschen beautiful ist, scheint eine reizvolle Frage für sehende Menschen zu sein. Auch auf der Party am Samstag wurde mir die Frage aus den Reihen der versammelten Hauptstadtpresse gestellt. Und auch ich finde sie nicht uninteressant. Wann finde ich einen Menschen schön?

Lerne ich eine Frau kennen, kann ich nicht so früh mit dem Abchecken beginnen wie mein sehendes Gegenüber. Mein erster Eindruck entsteht häufig erst nach dem Beginn einer verbalen Kommunikation. Dabei sind für mich vielleicht die ersten Worte so wichtig wie der erste visuelle Eindruck für einen sehenden Menschen. Ist die Stimme klar, warm, sinnlich? Ist die Aussprache flüssig, natürlich, kantig? Ist der Tonfall unverkrampft, ehrlich und offen? Und natürlich ist es nicht unerheblich, ob mein Gegenüber in meiner Nase angenehm duftet. Passt mir ein Parfum nicht, wird es schon schwerer, mich von der Schönheit der Anderen zu überzeugen. Was aber sehende Menschen schön nennen – Gesichtszüge, Körperbau, Frisur -, spielt für mich erst sehr spät im Prozess des Kennenlernens eine Rolle. Denn auch Blinde betasten ihre Mitmenschen nicht umgehend nach der ersten Begrüßung. Und sicher habe ich dann auch Vorstellungen von schöner Kleidung, die Fingern etwas zum Entdecken bietet, oder von schöner Haut. Ist es aber soweit, dass mir eine Frau von selbst erzählt, welche Haar- oder Augenfarbe sie hat, hab ich schon längst eine Meinung über ihre Schönheit – geformt aus Klang, Duft und Berührung. Und das sind immer noch hinreichend viele Sinne für eine fundierte Empfindung.

Blog von Joachim Lottmann: http://taz.de/blogs/lottmann/