Keine Panik im Gnadensee

Eine Woche Urlaub liegt hinter mir: Camping am Bodensee mit der wundervollsten Frau der Welt und ihrem lustig-sympathisch-niedlichen Anhang. Das durchgeschwitzte Nordlicht kam nach langer Autofahrt im heißen Süden an, räumte sodann den Kofferraum aus und heizte sich beim Stützen des Vorzeltes in der Sonne bei über 30 Grad weiter auf. Danach waren wir reif für den Boden-, genauer für den Gnadensee. Nur wenige Meter vom Zelt entfernt, lockte das kühle Nass. Das Gras unter den Füßen, das erfrischende Wasser auf der Haut, schließlich am ganzen Körper – und schon war der Urlaub in vollem Gange. Ich liebe es, mich im Wasser zu bewegen. Ich genoss es, mit meiner Liebsten zu einer künstlichen Insel oder zu einem Baumstamm zu schwimmen, mit ihr dort auszuruhen, die Sonne oder die klare Abendluft aufzusaugen.

Wie schwimmt ein blinder Mensch? Wie jeder andere auch. Allerdings ist es mit der Orientierung im Wasser nicht so leicht wie auf dem Festland. Es fehlen weitgehend die akustischen Orientierungspunkte. Und sobald man im tiefen Wasser angekommen ist, fehlt auch jede tastbare Information. Das Gefühl der absoluten Leichtigkeit und Freiheit, das wir alle im Wasser so sehr genießen, kann für mich deutlich schneller in die Furcht des Ausgeliefertseins umschlagen als für einen sehenden Schwimmer. Ich kann nicht gezielt auf den Strand zurücksteuern, wenn ich merke, dass mir die Kräfte versagen. Ein Brett, an das ich mich halten könnte, kann unbemerkt nur wenige Meter vor mir vorbeiziehen. Ob der Seegrund zwei oder 20 Meter unter mir ist, kann ich nicht unterscheiden. Daher höre ich immer sehr auf meine Konstitution, wenn ich mich für ein längeres Bad entschließe. Und ich achte darauf, möglichst ausgeglichen und ruhig zu sein, wenn ich mich ins Tiefe wage. Panik kann weder ein sehender, noch ein blinder Schwimmer gebrauchen. Aber wie sollte Panik entstehen, wenn ich mit der wundervollsten Frau der Welt an einem Baumstamm im Gnadensee baumele und eine ganze Woche Urlaub vor uns liegt?

Der Gnadensee bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Untersee_(Bodensee)

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

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