Barrierefreie Bahnhöfe: In Hamburg eine Seltenheit

Ich bin U- und S-Bahn-Fan. Der öffentliche Nahverkehr bringt mich durch die Stadt. Für sehbehinderte und blinde Menschen sind die Züge des Hamburger Verkehrsverbundes gleichbedeutend mit Selbstständigkeit. Wer nicht selbst Auto fahren kann, wer nicht allein aufs Fahrrad steigt und losradelt, wer in unbekannten Stadtteilen nicht nach Straßenschildern und Umgebungsplänen Ausschau halten kann, der braucht Bus und Bahn. Und diese muss er eigenständig nutzen können. Das Stichwort hierfür ist Barrierefreiheit. Barrierefreie Bahnhöfe haben zum Beispiel Leitlinien auf dem Boden, die ich mit meinem weißen Stock ertasten kann. Sie führen mich zur Treppe und sie signalisieren mir, wo das Gleis – sprich: Gefahr – ist. Sind diese Rillenplatten nicht vorhanden, fühle ich mich unsicher, da ich nicht weiß, wie nah ich am Gleis bin und ob ich gerade über den Bahnsteig gehe. Barrierefreie Bahnhöfe verfügen über Fahrstühle. Diese sind in der Regel mit Blindenschrift markiert, und über Lautsprecher werden Stockwerke und Infos über Züge und Busse angesagt.

Am vergangenen Freitag haben mehrere hundert Menschen in der Hamburger Innenstadt für einen beschleunigten Umbau der Bahnhöfe in der Hansestadt demonstriert – darunter der Autor dieser Zeilen. Es ist ein Skandal, wie langsam Hamburg beim Umbau ist, und wie wenig Geld vom Senat für Barrierefreiheit zur Verfügung gestellt wird. Mehrere Redner machten bei der Abschlusskundgebung darauf aufmerksam, dass hunderte Millionen für Elbphilharmonie und andere Prestige-Projekte da seien, aber ein bis zwei Millionen für einen Bahnhofsumbau zu teuer seien. Dabei sollte sich eine alternde Gesellschaft fragen, wie lang sie Menschen mit Rollator, Krücken, Rollstuhl oder eine Sehbehinderung – aber auch Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit viel Gepäck – vom öffentlichen Nahverkehr ausschließen kann und will. In Hamburg bilden sich immer mehr Bürgerinitiativen, die sich für einen Umbau ihres örtlichen Bahnhofs stark machen. Behinderten- und Senioren-Organisationen setzen sich zunehmend für das Ziel Barrierefreier Nahverkehr ein. Hoffentlich ist dies Engagement erfolgreich.

Infos zum Thema gibt es in der aktuellen Ausgabe des Hochbahn-Magazins bei Hamburg 1 und im Demo-Aufruf der Landesarbeitsgemeinschaft der behinderten Menschen in Hamburg.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

2 Kommentare zu „Barrierefreie Bahnhöfe: In Hamburg eine Seltenheit“

  1. Ach, in Deutschland hängen wir wirklich hinterher… Ich bin seit gestern wieder aus meinem England-Urlaub zurück und mir ist dort so einiges aufgefallen, wie Blindenschrift im Fahrstuhl.
    Aber auch sonst gibt es einige einfache, aber geniale Dinge, z.B. bei Treppengeländern 1 bis 3 Punkte oben und unten für die Stufen 1 bis 3 angebracht und an allen Straßenübergängen gibt es diese Noppen auf dem Boden.

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