Web-Elite: Das ist nicht meine Verschwörung

Allmählich scheint ein Teil der digitalen Meinungsführer abzuheben, sich in einem elitären Wahn zu ergehen, der nicht mehr feierlich ist. Er zeugt von einer vollkommenen Überschätzung der Onlinewelt. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls Michael Seemann in seinem Text „Unsere Verschwörung“. Es habe damit begonnen, dass beinahe alle Hochschulabsolventen einen Auslandsaufenthalt vorweisen könnten. Im Web kommuniziere die Mittel- und Oberschicht in englischer Sprache, sie vernetze sich ganz selbstverständlich, tausche sich auf englischsprachigen Konferenzen aus. Diese angeblich neue Elite flechte ein engmaschiges Netz und löse sich vom Nationalstaat und seinen Denkmustern.

Die gebildete Mittelschicht in meinen Alter hat viel mehr kulturelle Schnittmengen mit seinem Pendant in anderen Ländern (und zwar egal in welchen), als mit meinem Nachbarn. Der Nachbar, der ungebildet ist und jenseits der 40 und statt “The Wire” im Original Nachmittags-Talkshows auf deutsch anschaut. Die kulturellen Unterschiede verlaufen nicht mehr entlang von Entfernungen, sondern immer mehr entlang einer internationalen, kulturell vernetzen Elite.

Seemann geht noch weiter. Für ihn richte sich die Verschwörung der neuen Elite gegen den eigenen Nachbarn:

Es ist eine Verschwörung, die gegen ihn geht. Die Welt wird global und lässt ihn, in dieser verfallenden Struktur namens “Nation” zurück. Da oben, wo er mangels Bildung oder geistiger Mobilität keinen Zutritt hat, werden die wichtigen Beziehungen geknüpft. Dort werden die kulturellen Meme getauscht, die in Zukunft Relevanz haben. Dort werden die Diskurse geführt, die ihm fremd bleiben werden, die aber die Zukunft bestimmen. Dort akkumuliert sich die neue Macht, die sich nicht mehr um sein Wohlergehen schert. Eine Elite, die sich selbstgefällig freut, wenn wieder eine Autofabrik dicht gemacht wird (Umweltschutz!). Die kein Mitleid kennt mit Druckerpressen, Arbeitsplätzen, Lohnfortzahlung, Festanstellung, familiäre Werte, Heimat, kleines Glück, Bauer sucht Frau, korrekten Schreibweisen, Briefmarken und Silberleuchtern.

Der Autor beschreibt im Gestus des aufklärenden Provokateurs ein vermeintlich neues Phänomen, das aber überhaupt nicht neu ist. Schon vor dem ersten Weltkrieg tauschte sich die – damals meist noch adlige – Elite auf einer gemeinsamen Ebene aus, sprach französisch und networkte in Königshäusern und Fürstentümern. Dennoch zog man 1914 gegeneinander in einen gnadenlosen Krieg. Und auch das kosmopolitische Berlin der 20er Jahre konnte den Nationalsozialismus nicht verhindern. Und ich möchte mal sehen, wie frei Deutschlands digitale Oberschicht von nationalen Denkmustern ist, wenn Terroranschläge oder gar Krieg das moderne Office und den trendigen Lebensstil bedrohen oder das hippe Loft in die Luft sprengen. Die Geschichte zeigt, dass dann ein Jahr Studium in den USA oder ein internationales Network weniger Einfluss haben als die Sozialisation im eigenen Land. Unser Denken und Handeln ist maßgeblich vom eigenen Elternhaus, von Kindergarten und Schule beeinflusst – das weiß jeder Küchenpsychologe.

Klar ermöglicht das Web ein umfassenderes Verständnis der Welt, liefert uns mehr Sichtweisen. Wir schauen Al Jazeera im Lifestream, wenn wir etwas über Ägypten wissen wollen, nicht mehr die Tagesschau um 20 Uhr. Dennoch ist der Kosmos der digitalen Elite immer noch stark westlich geprägt – oder wie häufig twittern wir denn mit Indern, chatten wir mit Menschen in Kenia? Wann verlinkt ein deutscher Blogeintrag auf einen Post aus China?

Wir neigen dazu, unsere Erfahrungen zu verallgemeinern. Das, womit wir uns tagtäglich beschäftigen, muss wichtig sein, sonst würden wir es ja nicht tun. Seemann setzt noch einen drauf und spricht von einer Weltverschwörung, an der er sich liebend gern zu beteiligen scheint. Ihm würde ein kleiner Offline-Reality-Check gut tun. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe das Internet, den Austausch mit anderen Menschen und Ideen, Kulturen und Erfahrungshorizonten. Ich bin gern auf Reisen und unterhalte mich mit Menschen im Ausland. Das Web bietet Tools, die diese Kommunikation erleichtern. Diese Tools verpflichten aber nicht dazu, nur im eigenen Mittel- und Oberschichtsaft zu schmoren. Im Gegenteil: es strömen immer mehr Menschen ins Internet, die bisher am Rande der Gesellschaft leben – psychisch Kranke, Behinderte, Arme. Das WWW bietet die große Chance, andere Denkweisen kennen zu lernen und die eigenen zu hinterfragen. Das scheint Seemann nicht zu wollen, stattdessen feiert er die digitalen Verschwörer. Diese scheinen sich nicht nur vom Konstrukt des Nationalstaates zu verabschieden, sondern gleich von jeder sozialen Realität.

Nachtrag: Wie ich Twitter entnehmen konnte, hat Seemann bewusst eine gruselige Wortwahl gewählt, um uns zum Nachdenken zu bringen. Das hat er dann ja wohl geschafft.;-)

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

1 Kommentar zu „Web-Elite: Das ist nicht meine Verschwörung“

  1. Ich hasse es wirklich, meine Artikel erklären zu müssen, aber ach.

    Zunächst geht es eben nicht um eine „Web-Elite“. Die Leute von denen ich rede sind nur zum teil so aktive Internetnutzer wie ich. Einige der krassesten Durch-die-Welt-Leute haben nicht mal einen Facebook- Twitteraccount. Ich schätze, die „Webelite“ wolltest du da nur gerne reinlesen.

    Zweitens bist du anscheinend vollkommen unempfindlich gegen Untertöne in Texten. [Hier ein paar Ausführungen zu Ironie und Übertreibung einsetzen, die mir zu blöd sind aufzuschreiben.]

    Allgemein könnte es vielleicht dein Verständnis des Textes etwas heben, wenn du den Kommentarstrang dazu liest.

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