Hörbuch-Sonntag: Drei Kurzrezensionen

Wo sind all die Emotionen hin? Diese Frage stellt sich manches Mal in unserer modernen Welt voller digitaler Zerstreuung, ökonomischer Zwänge und zivilisatorischer Behaglichkeit. Will man mal wieder so richtig sentimental werden, sich den existenziellen Fragen nach Leben und Tod stellen oder denen nach der Gestaltbarkeit des eigenen Daseins, dann nimmt man am Besten ein Buch zur Hand oder genießt ein Hörbuch – so wie ich es beinahe schon exzessiv am vergangenen Sonntag getan habe. Drei Bücher hab ich beendet oder gleich von vorn bis hinten gehört. Hier mein kurzes Fazit:

Melancholisch-sentimental und dennoch leicht kommt die kurze Erzählung „Ein geschenkter Tag“ von Anna Gavalda daher – optimal für einen Sonntagmorgen. Drei Geschwister, die einer garstigen Schwägerin, der steifen Hochzeit ihres Cousins und den starren Konventionen entfliehen und lieber ihren Bruder in einem einsamen Schloss besuchen. Wie immer schreibt Gavalda über die Suche nach dem Glück, über das Erwachsenwerden und die Möglichkeiten, sich dem Ernst des Lebens zu verweigern – zumindest für ein paar glückliche Momente im Kreise der Liebsten, der Menschen, die einem Wirklich etwas bedeuten. Katharina Wackernagel trifft den passenden Ton und leiht der unangepassten, einsamen Ich-Erzählerin schöne zwei Stunden lang ihre Stimme.

Während im vergangenen Jahr Jonathan Franzzens Roman „Freiheit“ gefeiert wurde, habe ich endlich eine Bildungslücke geschlossen und seinen Roman-Durchbruch „Die Korrekturen“ gelesen. Streng und konservativ wachsen drei Geschwister auf. Sie haben zu knabbern an ihren familiären Wurzeln und versuchen die Fehler der Eltern irgendwie zu korrigieren. Dass das gar nicht so leicht ist – zumal wenn der Vater an Demenz und Parkinson leidet und die Mutter in ihren Denk- und Verhaltensweisen erstarrt ist – wird in diesem Roman mehr als deutlich. Es tut weh, der gnadenlosen Erzählweise Franzens zuzuhören, ein Schmerz, der gut tut, der zum Nachdenken anregt: über all das, was wir seit unserer Kindheit mit uns herumschleppen, über die Möglichkeit, unserem Leben eine neue Richtung zu geben. Das Hörbuch wird von Ulrich Pleitgen nüchtern und angemessen vorgetragen. Leider ist der 700-Seiten-Roman auf lediglich zehn CD’s eingedampft.

Philosophisch und nachdenklich ist schließlich Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“. Die Kurzbeschreibung auf Audible.de fasst den Inhalt so zusammen:

Raimund Gregorius, alternder Lateinlehrer, entdeckt in einem Antiquariat das Buch des Portugiesen Amadeu de Prado, dessen Betrachtungen über menschliche Erfahrungen, über Einsamkeit, Endlichkeit und Tod, Freundschaft, Liebe und Loyalität ihn nicht mehr loslassen und am Abend setzt er sich in den Nachtzug nach Lissabon. Er möchte herausfinden, wer dieser Amadeu de Prado war. Es beginnt eine rastlose Suche kreuz und quer durch Lissabon, die Suche nach einem anderen Leben, nach einem ungewöhnlichen Arzt und Poeten, der gegen die Diktatur Salazars gekämpft hat.

Gregorius lässt sein monotones Leben hinter sich, seine Arbeit, sein Land. Er lässt sich vollkommen auf Portugal, seine Menschen und seine Geschichte ein. Er taucht regelrecht in sie ab. Und doch findet er erst hier zu sich, stellt sich die Frage nach seinen eigenen Träumen und setzt sich mit seiner Vergangenheit auseinander. Walter Kreye trägt die gekürzte Lesung gewöhnungsbedürftig ruhig, märchenonkelmäßig vor. Wer eine tiefsinnige und nachdenkliche Lektüre zu schätzen weiß, für den lohnen sich die knappen acht Stunden aber sehr.

Kennen Sie eines der Bücher? Wenn ja, wie fanden Sie es?

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

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