Marburg, ein erster Eindruck

Es sind zweieinhalb Monate um, und ich bin wieder zu einer Schulung in Frankfurt. Davor: eine überraschende Einladung nach Marburg. Ein sonniges Frühlingswochenende mit einer Tretboot-Fahrt auf und einem wunderbaren Spaziergang an der Lahn, einem für norddeutsche Beine bemerkenswerten Aufstieg in die kopfsteingepflasterte, lebendige und dennoch ruhige Oberstadt. Auf dem Marktplatz gab’s noch einen amtlichen Fleischkäse im Brötchen. Ich liebe die Atmosphäre auf Märkten: der schnelle Wechsel der Düfte, das geschäftige Stimmen-Gewirr von Kunden und Verkäufern.

Eigentlich erstaunlich, dass ich erst jetzt einmal Marburg besuche. Die Stadt gilt als das deutsche Mekka der Blinden. Mit sieben Jahren hatte ich zum erstenmal das Wort Marburg gehört. Damals befürchteten meine Eltern, dass ich nach Hessen müsste, um als blindes Kind in die Schule gehen zu können. Und in der Tat war Marburg über Jahrzehnte die einzige Stadt in der Bundesrepublik, in der blinde Menschen Abitur machen konnten: auf der heutigen Carl-Strehl-Schule. Ich bin aber damals nach Hamburg gekommen, wo ich integrativ auch mein Abi machen konnte. Bedingt durch die Schule studieren auch überdurchschnittlich viele blinde Menschen in Marburg. Hier sitzen der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf sowie die Blindenstudienanstalt. Menschen mit Blindenstock gehören zum Straßenbild, alle Ampeln sind Signal-Ampeln, die Verkäufer scheinen einen Tick zügiger zu realisieren, wenn sie einen blinden Kunden vor sich haben. Das ist eine interessante Erfahrung für mich, aber kein Grund hier zu bleiben. Dafür gäbe es andere Gründe.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

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