Blind Kleidung zu kaufen, ist nicht immer ganz leicht: unübersichtliche Kaufhäuser und überforderte Verkäufer können den Shopping-Spaß schnell verderben. In einem Beitrag zeigen die RTL-Journalistinnen Laura Schneider und Frauke Steffens, dass es auch anders gehen kann. Einkaufsbegleiterinnen im Kaufhof, Online-Shops oder eine Modenschau des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg, bei der die Kundinnen anfassen dürfen, können Sie sich in dem sehenswerten TV-Beitrag anschauen.
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Fundraising: In Deutschland noch 1.0
Selbsthilfe braucht Spenden. So ist auch der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) maßgeblich auf Spenden und Erbschaften angewiesen. Vom 14. bis 16. April fand in Fulda der diesjährige Fundraising-Kongress statt. Rund 700 Spendensammler aus dem deutschsprachigen Raum trafen sich zu Workshops und Seminaren und lauschten Vorträgen. Dabei standen Fragen nach Erwartungen und Wünschen (potenzieller) Spender im Focus. Weiterhin wurde diskutiert, wie Fundraising professionalisiert und optimiert werden kann.
Der Wettbewerb auf dem Spendenmarkt ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Sie kennen das aus Ihrem eigenen Briefkasten. Immer mehr Organisationen werben um Ihre Unterstützung. Neben der Großzahl seriöser Anbieter, sind es zunehmend intransparente Stiftungen und werbewirksame Medien-Aktionen, die es kleineren Vereinen schwer machen, Neuspender zu erreichen. Hinzu kommt eine Internationalisierung, so dass immer mehr Geld an Organisationen im EU-Ausland oder in den USA fließen. Somit sind die hiesigen Organisationen gezwungen, neue Wege zu gehen.
Ein neuer Weg ist sicherlich das Web 2.0. Mit eindrucksvollen Beispielen zeigte Klaus Eck in seinem Workshop über Social Media, wie erfolgreiche Kampagnen auf Twitter, Facebook und Youtube aussehen können. Dennoch scheint das Thema viele Kongress-Teilnehmer immer noch eher zu verschrecken statt zu begeistern. „Das MÜSSEN wir ja auch mal irgendwie machen“, war noch eine der euphorischeren Reaktionen. Die Skepsis gegenüber dem Mitmach-Netz zeigte sich schon daran, dass es keine Facebook- oder Twitter-Seite zum Kongress gab, von einer Twitterwall ganz zu schweigen. Für viele Fundraiser scheint das Internet immer noch vor allem ein Zeitfresser zu sein, für den keine Arbeitszeit frei ist. Das ist ein großer Fehler: die Zahl der Onliner steigt rasant, der Altersdurchschnitt im Netz steigt, das Web wird zur Informations- und Meinungsquelle Nr. 1. Hier sollten wir Öffentlichkeitsarbeiter und Fundraiser der guten Sache zukünftig verstärkt über unsere gesellschaftlich so bedeutenden Organisationen berichten, Projekte vorstellen und den Kontakt zur Öffentlichkeit halten. Tun wir das nicht, wird zum Beispiel der Blinden- und Sehbehinderten-Selbsthilfe in den nächsten Jahrzehnten die finanzielle Grundlage wegbrechen. Werden Sie dann blind oder sehbehindert, kann Ihnen kein Verein mehr mit Hilfe, Rat und Zuversicht zur Seite stehen.
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Shared Space in Hamburg: Ausgrenzung statt Inklusion
Es wird konkret: fünf Hamburger Straßen stehen fest, die zu Shared-Space-Flächen umgewandelt werden sollen. Geht es nach der grünen Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk, gilt in der Langen Reihe in St. Georg, in der Osterstraße in Eimsbüttel, in der Bahrenfelder Straße in Ottensen, in der Tangstedter Landstraße in Langenhorn und im Bergedorfer Weidenbaumsweg ab 2011 das Prinzip Blickkontakt. Statt Ampeln, Bürgersteigen, Zebrastreifen, Verkehrsschildern und vieler Regeln, soll es einen gemeinsam genutzten Verkehrsraum und gegenseitige Rücksichtnahme geben. Dass viele sehbehinderte und blinde Menschen das Konzept kritisch sehen, habe ich hier im blog bereits gepostet. In der vergangenen Woche hat sich der Blinden- und Sehbehindertenverein mit einer Pressemitteilung zu Wort gemeldet. Kobinet, Welt, Saarländer Online-Zeitung, Heimatspiegel, HH-Heute u. A. griffen das Thema auf. Auch die zuständige Behörde reagierte prompt und bot uns weitere Gespräche an. In der kommenden Woche werden BehördenVertreter und BSVH-Verkehrsexperten das Thema im Louis-Braille-Center erneut diskutieren. Gegenüber Altona.info sagte Enno Isermann von der Behörde für stadtentwicklung und Umwelt (BSU), Man habe ein Maßnahmenbündel mit den Verbänden, wie Tempobegrenzung, Leitelemente oder besser strukturierte Überquerungswege besprochen. “Wir werden Lösungen finden, damit die Gemeinschaftsstraße nicht zu Lasten behinderter Menschen geht”, so Isermann.
Das bleibt zu wünschen. Dennoch ist eines auch klar, Tempobegrenzungen, Leitelemente und besser strukturierte Überquerungswege lösen das Problem des fehlenden Blickkontakts nicht. Vielerorts regt sich Widerstand gegen die so genannte Gemeinschaftsstraße. Dabei kritisieren nicht nur Behinderten- und Senioren-Organisationen das Verkehrskonzept, sondern auch Anwohner und Gewerbetreibende. In St. Georg fordert der Stadtteilbeirat die BSU auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen. Die Linke in der Bürgerschaft verweist auf die vielen, vom Frost verursachten Schlaglöcher in der Stadt, die mit den Shared-Space-Millionen repariert werden könnten.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch ich bin für Verkehrsberuhigung und dafür, dass die Vorherrschaft des Autos im öffentlichen Raum in Frage gestellt wird. Das Ziel des schwarz-grünen Senats ist auch im Sinne der blinden und sehbehinderten Hamburger. Mir scheint Shared Space hierfür aber kein geeignetes Mittel. Das Konzept ist auf eine Großstadt wie Hamburg nicht übertragbar. Es grenzt behinderte Menschen aus. Ich hoffe, dass der öffentliche Druck gegen das Konzept anhält. Wir vom BSVH werden alles dafür tun, dass sehbehinderte und blinde Menschen in der Debatte um Shared Space nicht übersehen werden. Über den aktuellen Stand habe ich Ohrfunk.de in einem Interview Rede und Antwort gestanden.
Und was halten Sie von „Gemeinschaftsstraßen“? Ich freue mich auf Ihre Standpunkte und Anregungen in den Kommentaren.