Wie werden Menschen mit Behinderung in den Medien dargestellt? Welche Vorurteile haben Einfluss auf Berichterstattung und fiktionale Formate? Und wie sollte die Darstellung sein? All diesen Fragen widmete sich ein Workshop beim NDR. Raul Krauthausen und Lilian Masuhr von Leidmedien.de und ich haben Positiv- und Negativbeispiele vorgestellt und mit den Workshop-Teilnehmern diskutiert. Infos und Stimmen zum Tag finden Sie auf bsvh.org und auf ndr.de.
Kategorie: Berufliches
-
Behindertenpolitik in Deutschland: Eine Liste des Versagens
(Zuletzt aktualisiert am 8. Februar 2016)
Die Behindertenpolitik in Deutschland bewegt sich irgendwo zwischen Trauerspiel und zynischer Frechheit. Der diskriminierende Wolf kommt im Schafspelz der Inklusion daher. Die Hauptverantwortung hierfür trägt die Bundesregierung. Ein #Aufschrei fehlt oder geht im medialen Flüchtlings-Pegida-Terrorismus-AfD-Kriegs-Getöse unter. Eine Liste des Versagens:
- Die Bundesregierung blockiert eine Antidiskriminierungsrichtlinie der EU. Während sich alle anderen EU-Staaten einig sind, hat es das große, reiche Deutschland nicht nötig, seine rund 10 Mio. Bürgerinnen und Bürger mit Behinderung vor Diskriminierung zu schützen.
- Auch auf das Menschenrecht auf Bildung pfeift die Bundesregierung. Sie blockiert die Ratifizierung des Marrakesch-Vertrags, der blinden und sehbehinderten Menschen den Zugang zur Literatur erleichtern sollte.
- Offen verstößt Deutschland gegen EU-Recht, indem Asylbewerber hierzulande keinen Rechtsanspruch haben, in Einrichtungen der Behindertenhilfe aufgenommen zu werden. Dabei sind dies häufig die einzigen Stellen, die auf die besonders prekäre Lage von Flüchtlingen mit Behinderung eingehen.
- Mit großem Trara lässt sich – insbesondere der sozialdemokratische Teil der Bundesregierung – für die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns feiern. Der Schönheitsfehler: Der Mindestlohn gilt nicht für Menschen, die in Behindertenwerkstätten arbeiten.
- Immer noch gibt es in unserem demokratischen Land, Gesetze, die Menschen mit Behinderung das Wahlrecht entziehen.
- Vergewaltigungen behinderter Frauen werden, zumindest noch, weniger hart bestraft als Vergewaltigungen nichtbehinderter.
- Taubblinde Menschen warten seit Jahren auf mehr Teilhabe. Ein erster Schritt sollte die formale Anerkennung von Taubblindheit als eigenständige Behinderung sein. Ausdrücken sollte sich dies durch die Einführung eines Merkzeichens im Schwerbehindertenausweis. Doch die Umsetzung wird bis heute verschleppt.
- Während sich bei der Politik für taubblinde Menschen nichts bewegt, scheint es so, dass es bei Leistungen für blinde Sozialhilfeempfänger sogar einen Schritt zurückgeht. Die Unterstützung für diesen Personenkreis, die Blindenhilfe, soll zu einer Leistung zweiter Klasse werden, wenn es nach dem Willen der Bundesregierung geht.
- Sie schaut auch tatenlos zu, während die Lebensverhältnisse blinder und hochgradig sehbehinderter Menschen in Deutschland immer stärker auseinanderklaffen. Dabei verpflichtet das Grundgesetz sie eigentlich dazu, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen. Statt dies mit einer bundeseinheitlichen gerechten Blindengeldlösung zu tun, nimmt sie die Negativspirale beim Blindengeld in den Bundesländern einfach hin.
- Die Bundesrepublik hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Im vergangenen Jahr hat ein Fachausschuss der Vereinten Nationen den Stand der Umsetzung bewertet und eine Vielzahl von Lücken entdeckt. Der Ausschuss nennt u.A. das Verbot von Sterilisationen behinderter Menschen ohne deren freie Einwilligung, die Schaffung eines inklusiven Notrufs und Katastrophenschutzes und den Rückbau des segregierenden Schulwesens.
- Inzwischen wendet Deutschland sich sogar ganz offen gegen das Verständnis der UNO von inklusiver Beschulung. In einer Stellungnahme verteidigen Bundesregierung und Bundesländer das Sonderschulsystem. Statt vom unveräußerlichen Recht behinderter Menschen auf Teilhabe zu sprechen, faselt Deutschland irgendwas von einem „natürlichen Recht der Eltern, über Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu entscheiden“.
- Und was passiert, wenn die Bundesregierung dann doch mal ein im Prinzip vernünftiges Förderprogramm für Barrierefreiheit in Kommunen auflegt? Dann rufen eben diese Städte und Gemeinden – trotz klammer Kassen – das Geld beim Bund nicht ab.
- In diesem Monat präsentierte Sozialministerin Andrea Nahles das neue Bundesgleichstellungsgesetz. Das bringt zwar einige wenige Verbesserungen, klammert aber den ganzen Bereich von Benachteiligungen durch die Privatwirtschaft aus. Es ist so halbherzig, dass selbst die Beauftragte der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen nicht anders konnte, als das Gesetz öffentlich zu kritisieren.
- Und was ist mit dem größten behinderungspolitischen Projekt dieser Legislaturperiode, dem im Koalitionsvertrag angekündigten Bundesteilhabegesetz? Zunächst einmal brach die Bundesregierung kurzerhand ihren eigenen Koalitionsvertrag, in dem sie die finanzielle Entlastung der Kommunen (rund fünf Mrd. EURO) unvermittelt von der Agenda strich und damit einen großen Wurf von Vornherein beinahe unmöglich machte.
- Seitdem wird verzögert. Ein ausführlicher Beteiligungsprozess von Menschen mit Behinderung erweist sich zunehmend als Augenwischerei.
- Die Menschen mit Behinderung und ihre Organisationen müssen dieser Tage feststellen, dass vom Paradigmen-Wechsel in der Behindertenpolitik wenig bis nichts übrig geblieben ist. Vielmehr scheint das Bundesteilhabegesetz – wenn die Vorzeichen stimmen – für viele Betroffene mehr Nachteile als Vorteile zu bringen. Verständlich, dass die Regierung den Gesetzentwurf so spät wie irgend möglich veröffentlicht, um eine gesellschaftliche Debatte möglichst kurz zu halten.
Aber muss die Regierung überhaupt einen #Aufschrei behinderter Menschen fürchten? Wann berichten denn große Radio- und Fernsehsender, Leitmedien wie Spiegel oder SZ über Deutschlands skandalöse Behindertenpolitik, wann erheben Meinungsführer in Blogs und sozialen Medien ihre Stimme gegen eine Bundesregierung, die bremst und blockiert statt sich für Inklusion und Barrierefreiheit einzusetzen? Wann gehen die Millionen Menschen mit Behinderung – immerhin 11% der Bevölkerung – auf die Straße? Wann werden wir sichtbar? Ich denke, es wird allerhöchste Zeit!
-
#DIALOGHILFT: Blinde und gehörlose Mitarbeiter bekennen Farbe
„DIALOG IM DUNKELN“ und „DIALOG IM STILLEN“ zeigen Solidarität. Am 19. Oktober 2015 öffnet das Hamburger Sozialunternehmen seine Türen und spendet die Einnahmen an #Refugees Welcome.
Hamburg – #DIALOGHILFT, unter diesem Motto öffnet das Dialog-Haus am 19. Oktober seine Türen. Gemeinsam haben die Mitarbeiter beschlossen, ihren freien Tag und die Einnahmen dieses Tages der Organisation #RefugeesWelcome zu spenden. Zwischen 11:00 und 18:00 Uhr können interessierte Hamburger, Besucher der Hansestadt und Hamburger Unternehmen mit ihrem Besuch diese Aktion zum Erfolg führen. #RefugeesWelcome wird den Erlös am gleichen Tag vor Ort entgegennehmen.
Das Dialog-Sonderprogramm bietet alle 15 Minuten Führungen beider Ausstellungen an. Das Dialog-Café in der Lobby serviert Getränke und Speisen, ebenfalls für den Spendentopf. UNICEF, Amnesty, Flüchtlingsrat, Füchtlingslotsen, Basfi, Why Not und das Willkommensbündnis präsentieren sich in der Lobby und klären interessierte Bürger und Besucher zu den Themen „Flucht“ und „Integration“ auf.
Die Teams der Ausstellungen gehen noch einen Schritt weiter. Am 19. Oktober und allen folgenden Freitagen werden kostenfreie Plätze für Asylbewerber in beiden Ausstellungen zwischen 13:00 und 16:00 Uhr angeboten. Erste Anfragen hierfür liegen bereits vor. Hamburger Geflüchtete, die bereits Deutsch lernen, unterstützen das Sonderprogramm als ehrenamtliche Übersetzer. Mit dem #DIALOGHILFT Freitags-Angebot sollen Geflüchtete die Möglichkeit bekommen, die Ausstellungen und die Begegnung mit Besuchern aus Hamburg und aller Welt zu erleben. Gruppen und Einzelpersonen können auch von Hilfsorganisationen angemeldet werden.
DIALOG HILFT!
- Sonderprogramm: 19. Oktober 2015 (Fortlaufend jeden Freitag)
- Uhrzeit: 11:00 bis 18:00 Uhr
- Anmeldung E-Mail: dialog-hilft@dialog-im-dunkeln.de
- Anmeldung Telefon: 040 – 309 634 0
- Adresse: Dialog Haus/DIALOG IM DUNKELN, Alter Wandrahm 4, 20457 Hamburg
Über Dialog im Dunkeln
1989 wurde DIALOG IM DUNKELN® zum ersten Mal in Frankfurt präsentiert. Seitdem gibt es Ausstellungen und Workshops in Kooperation mit lokalen Partnern weltweit. Allein in Hamburg kamen seit der Eröffnung im April 2000 über 1,25 Millionen Menschen in den DIALOG IM DUNKELN®. Seit 2014 trägt dazu in Hamburg die Ausstellung DIALOG IM STILLEN® bei. Hier vermitteln gehörlose Menschen mit Körper- und Gebärdensprache die Welt der Stille.
(Aus einer Pressemitteilung von Dialog im Dunkeln)