In Mainz ist eine blinde Frau in einen offenen, schlecht gesicherten Kabelschacht gestürzt. Glücklicherweise hat sie sich nur leicht verletzt. Dennoch: es hätte auch anders kommen können. Zurecht verlangt der rheinland-pfälzische Behindertenbeauftragte Ottmar Miles-Paul eine bessere Absicherung von Baustellen. Immer wieder höre ich von Fallen, die besonders blinde und stark sehbehinderte Menschen bedrohen. Bisher ist mir noch nichts derartiges passiert. Meist sind die Baustellen auf meinen Wegen mit Metallabsperrungen gesichert. Wenn Bauarbeiter gerade am Werk waren, haben sie mir bisher in der Regel Hilfe angeboten und mich rechtzeitig auf das Loch im Boden aufmerksam gemacht. Ist eine Baustelle aber nur mit einem flatternden Band abgesperrt, dann droht Gefahr. Mit dem weißen Blindenstock fühlt man es nicht oder zu spät und schon ist man mit einem Fuß in der Grube. Bleibt zu hoffen, dass Ereignisse wie das in Mainz die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren.
Autor: Heiko Kunert
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Soviel Glück
Es stand in meinem Regal, ganz oben, unter der Decke, Staub auf dem Deckelrand und auf den von Punkten dicken Seiten. Der Zufall – die Suche nach einer vorlesbaren Kurzgeschichte – ließ es mich herausgreifen. Vor zehn Jahren hatte ich das Buch gekauft, auf eine Anregung meines Oberstufenlehrers hin. Interessant, politisch, ostdeutsch, so fand ich es damals. Nach der Lektüre einiger Texte hatte ich den Band weggestellt und nicht wieder angerührt. Und was finde ich da heute? Doppelbödige, verstörende Literatur. Sie kommt in schlichter Sprache, beinahe nachrichtengleich daher. Nach der Hälfte merkt der Leser, dass es hier Geschichte – historische wie persönliche – in der Geschichte gibt. Und am Ende bleibt man nachdenklich zurück, voller Fragen nach Gerechtigkeit, Lebenssinn und Selbstbestimmung. So ist es zum Beispiel, wenn Käthe am Ende von „Jelängerjelieber Vergißnichtmein“ – nach einem zerrütteten Elternhaus, nach unglücklicher eigener Ehe, nach dem Tod ihres Mannes und nach dem Verlust ihrer lebenslangen Affäre – sagt: „Soviel Glück, wie ich hatte, kann man nicht zweimal in seinem Leben haben.“ Christoph Heins kluge Geschichten sind keine leichte, aber eine lohnende Kost. Und sie zeigen mir, dass manche Bücher einige Jahre reifen müssen, bevor sie ihren vollen Geschmack entfalten können.
Wenn Sie, geneigter Leser, geneigte Leserin, mit einem Buch ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder Sie Ihre Meinung zu Christoph Hein kundtun möchten, dann hinterlassen Sie gern einen Kommentar.
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Dreierlei Rauschen
Juist im Winter: Leere, Ruhe, Weite, Frische! Die bezaubernde Anna und ich waren am vergangenen Wochenende auf der ostfriesischen Insel. Was für ein Kontrast zu Frankfurt am Main. Dort hatte ich zuvor ein PR-Seminar besucht. Auto- und Straßenbahnlärm, Hochhäuser und Abgase wurden durch das Rauschen des Meeres, Dünenwanderwege und eine autofreie Insel abgelöst. Johanna hatte Recht, als sie in ihrem Blog schrieb: „Juist im Januar – einsamer geht es kaum! Wenn sogar die Einheimischen in Teilen die Insel verlassen, bleiben endlose unberührte Strände und ein einzigartiges Gefühl der Ruhe. Muss man machen: Alleine, singend, im Regen am Strand tanzen!“
Schon die Anreise war ein Spaß: mit dem Miniflieger von Norddeich auf die Insel. Acht Leute fanden Platz, eng an eng, direkt über meinem Kopf war das Dach. Gepäck in den Kofferraum, türen zu, Motoren an. Ich fühlte mich eher wie in einem Bus – einem Bus mit zwei sehr lauten Motoren. Abheben, das Schaukeln im Wind, das Kribbeln im Bauch beim Landen, herrlich. Noch herrlicher war der Bus-Service vom Flughafen Juist in die Friesenstraße im Ortskern. Kutschenbus ist das Stichwort. Gemütlich trabten wir die vier Kilometer zu unserer Pension. Und danach zwei Tage Spazieren, Essen, Schlafen – Energie Tanken.
Die Juister Kinder hatten zwei Wochen Winterferien. Viele Einheimische waren daher im Urlaub. Die meisten Restaurants und Geschäfte waren geschlossen. Wir trafen kaum einen Menschen auf den Straßen, Wanderwegen und am Strand. Die Sonne schien, die Luft zog salzhaltig und rein vom Nordmeer kommend in unsere Lungen. Es lag sogar ein bisschen Schnee, eine Seltenheit auf der Insel.
Am Sonntag stürmte es. Wie wundervoll war es, an diesem Tag am Strand zu sein. Es zog und drückte an der Kleidung. Dreierlei Rauschen hörte ich: das massive, dumpfe Dröhnen der Nordseewellen, das pausenlose, kräftige Wehen des Windes und schließlich das feine Zischen des Sandes, der um unsere Beine stob. Das sind Momente, die sind einfach und gerade deswegen so beeindruckend. Sie werden mir gewiss im Gedächtnis bleiben.