Autor: Heiko Kunert

  • Musik: Mein Leben in 25 Songs

    Musik-Sammlungen sind eine Reise durch das eigene Leben. Das fiel mir mal wieder auf, als ich mich kürzlich durch meine iTunes-Matsch-Songs klickte und mir zu vielen Liedern eine kleine Geschichte, ein Erinnerungsfetzen oder einfach nur eine Stimmung einfiel. Da kam mir die Idee dieser Liste: mein Leben in 25 Songs:

    1. Ich weiß gar nicht, ob meine Eltern Peter Alexander wirklich mochten, ob sie ihn hörten, als ich im Bauch meiner Mutter und danach in den 70er Jahren in Wanne-Eickel aufwuchs, aber er erinnert mich bis heute an meine Kindheit.
    2. Ich war frisch erblindet. Da landete die blinde Soul-Legende Stevie Wonder mit „I just called to say I love you“ einen Mega-Charterfolg. Mein Freund Tobi und ich liebten den Song, aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Damals wollten wir so werden wie Stevie. Blind waren wir ja immerhin schon.
    3. Ich war zwölf. Da schleppten meine großen Brüder eine Kassette an. Auf der waren zwei Ärzte-Alben. Die Musik und die Texte hatten etwas Wildes, Verbotenes, Lustiges. Ich fuhr damals jeden Tag mit dem Schulbus aus dem Niedersächsischen Hechthausen zur Blinden- und Sehbehindertenschule nach Hamburg. Auf der Fahrt hörten wir immer wieder die Ärzte über unsere scheppernden Walkmen. Danach sollte mich die „beste Band der Welt“ rund 20 Jahre begleiten.
    4. Mit knapp 14 Jahren ging es ins Internat. Täglich vier Stunden im Schulbus vertrugen sich nicht mit Nachmittagsunterricht am Gymnasium und immer mehr Hausaufgaben. Im Blindenjugendheim hörten wir eigentlich ständig Musik. Wenn nicht Okay-radio – das war Anfang der 90er in Hamburg das Größte – lief, hörten wir Kuschelrock, Techno oder Hiphop. Besonders hoch im Kurs stand unter der pubertierenden männlichen Jugend die 2-Live-Crew.
    5. 1995 war ich zum ersten Mal in England – Klassenfahrt in der Zehnten. Wir waren bei dubiosen Gastfamilien untergebracht, bei denen 24 Stunden am Tag der Fernseher lief und alle Familienmitglieder – von Kind bis Großvater – in hektischen Aufruhr gerieten, als die Fernbedienung verloren ging. London ist mir seitdem die wohl liebste Stadt. Ich habe sie seitdem etliche Male wieder besucht. 1995 nahm ich die Fools-Gold-Single-CD der Stone Roses als Erinnerung mit nach Hamburg.
    6. Apropos, Urlaub: Gut ein Jahr später luden mich mein Lieblingsonkel und meine Lieblingstante zu einer dreiwöchigen Reise nach Kanada ein. Noch heute erinnere ich mich lebhaft an das enorm laute Rauschen und an die Gischt der Niagara-Fälle, an das ungewohnte Pfeifen der Vögel und das laute und raue Quaken der Ochsenfrösche im Nationalpark und an die Unmenge an Verwandten, die man der Einfachheit halber allesamt als Cousins und Cousinen bezeichnete. Im Radio, im Auto und im Zimmer des damals vielleicht 12jährigen Clifton liefen Oasis mit „Don’t look back in anger“ rauf und runter.
    7. Die Zeit zwischen 1994 und 1999 kann mit Fug und Recht als wild bezeichnet werden, war ich doch 1993 in eine Außenwohngruppe des Blindenjugendheims gezogen. Vier junge Erwachsene in einer- von Erzieher-Seite wenig kontrollierten – WG. Sie können sich das ungefähr vorstellen. Die WG hieß im Freundeskreis bald nur noch „der Club“, und sie war eine beliebte Anlaufstelle für alle, die noch Zuhause lebten und unter Aufsicht der Eltern wenige Freiheiten genossen. Sprich: Die Bude war voll, die Musik war laut, was der bürgerlichen Winterhuder Nachbarschaft wenig gefiel, so dass diese regelmäßig schimpfend vor unserer Tür stand oder gleich die Polizei schickte. Verständlich, war doch Marcus Wiebusch damals noch nicht bei der Kettcar-Ruhe heutiger Tage angekommen, stattdessen machte er mit But Alive Punk und mit den damals noch großartigen Rantanplan Ska.
    8. Wenn uns die politische Wut damals verließ, dann blieb uns immer noch der phlegmatische Weltschmerz von Tocotronic, drückten die Songs doch wirklich ein Lebensgefühl aus, mit dem wir uns damals wahrlich identifizierten. Besondere Highlights waren die Toco-Konzerte in der großen Freiheit oder der Markthalle – auch wenn wir uns danach häufig nur noch an den Hinweg erinnern konnten.
    9. Gern denke ich auch an unsere Gruppenfahrt in der Oberstufe zurück. Während die drei anderen Tutanden-gruppen in die Toskana fuhren, um dort einen Kulturschatz nach dem Anderen zu besichtigen, konnten wir unseren Tutor überreden, mit uns nach Korsika zu fahren – mit Rainbow-Tours. Irgendwie haben wir das mit der historischen Bedeutung der Insel und mit Napoleon begründen können, am Ende wurden es aber vor allem Strandtage und Abende mit Wein aus fünf-Liter-Kanistern. Erstaunlich, woran man sich manchmal so erinnert: Auf der Rückfahrt hab ich wohl etwas laut Nine Inch Nails über Kopfhörer gehört, zumindest bat mich mein Tutor, den Krach leiser zu drehen.
    10. Aber es musste nicht immer laute Musik sein. Großer Beliebtheit erfreute sich damals auch der Bayerische Rebell Hans Söllner. Um seine bitter-bösen, pazifistischen Texte zu verstehen, musste man sich auf das Bayerische einlassen, dafür taten wir es aber gern.
    11. 1998 ging es an die Uni zum Studium der politischen Wissenschaften. Damals studierte man noch auf Diplom. Man brauchte – wenn ich mich richtig erinnere – fünf Hauptfach-Scheine für das Vor-Diplom und weitere vier im Hauptstudium. Wenn ich heutigen Bachelor-Studierenden erzähle, dass uns in der Einführungswoche empfohlen wurde, im ersten Semester nur die Einführungsvorlesung und den Grundkurs zu besuchen (sprich: drei mal 90 Minuten pro Woche) – „Für das Nebenfach habt Ihr doch später noch Zeit.“ –, dann habe ich fast ein schlechtes Gewissen. Aber: Wir hatten viel Zeit, über den Tellerrand zu schauen, Seminare und Vorlesungen zu besuchen, weil uns die Themen interessierten und nicht weil wir sie erfolgreich abschließen mussten, und wir hatten Zeit für Politik und für Freunde und für die legendären Joint-Venture-Konzerte – mit dem viel zu früh verstorbenen Kleinti – im Hamburger Logo.
    12. Ich war in meinem bisherigen Leben erst einmal zum Fasching oder Karneval in einer der Hochburgen. 1999 machten meine Freunde Rheinhold, Michi und ich einen Rosenmontagsausflug nach Mainz. Ich fand es gar nicht so schlimm wie ich es mir vorgestellt hatte. Warum ich das aber eigentlich erwähne? Ich habe damals (nicht auf der Faschingsfeier, sondern bei einer Freundin unserer Gastgeberin) zum ersten Mal Manu Chao gehört. Diese originelle, einzigartige Musik begleitet mich bis heute.
    13. Damals hörte man Hiphop, deutschen Hiphop. Und der war – anders als bei den Fantastischen Vier – entweder voller Wortwitz wie bei den absoluten Beginnern oder Fünf Sterne Deluxe oder er war radikal-politisch wie bei Freundeskreis.
    14. Im Sommer 2000 ging es zu einem Marxismus-Kongress nach London. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, mit welch einer Überzeugung damals auf den Podien vertreten wurde, dass die sozialistische Weltrevolution unbedingt nötig sei und – was noch erstaunlicher ist – dass es überall deutliche Zeichen gäbe, wonach ein Ende des Kapitalismus auch von der Mehrheit der Menschen gewollt sei. Dennoch waren es spannende Tage, die ich schon allein deswegen nicht missen möchte, weil ich damals (besser spät als nie) zum ersten Mal David Bowies Ziggy-Stardust-Album gehört habe.
    15. Anfang der 2000er hörte man noch Mixtapes. Und man nahm sie regelmäßig auf, um sie auf Partys zu spielen, um sie Freunden zu schenken oder um Frauen zu erobern. In der Küche der damaligen Freundin lagen einige wenige Mixtapes, die so häufig liefen, dass sie mir manch einen Ohrwurm einbrachten, so wie diesen von den Counting Crows.
    16. Zu jener Zeit war man ständig auf Konzerten (sollte man eigentlich immer noch tun). Besonders gern erinnere ich mich an die Manic Street Preachers in der Großen Freiheit. Die Manics sind bis heute eine meiner absoluten Lieblingsbands.
    17. Und wir gingen tanzen. Besonders beliebt um 2005 war Northern Soul aus den Sixties. Schweißtreibend und ganz hervorragend waren die Shelter-Club-Abende im Molotow, das ja leider kürzlich seine Tore schließen musste.
    18. Ich entdeckte in jener Zeit, wie ergreifend klassische Musik sein kann. Jahrelang hatte ich ein Abo für die Konzerte der Philharmoniker Hamburg. Für mich eröffnete sich dadurch eine ganz neue Perspektive auf klassische Musik. All das, was der Musikunterricht meiner Schulzeit zerstört hatte, musste erst wieder aufgebaut werden. Lässt man sich aber auf Werke von Mozart bis Henze ein, ist das enorm bereichernd. Wegen seiner Klarheit und Schönheit wurde Brahms mein absoluter Favorit.
    19. 2007 starb mein Vater, den ich in den Jahren zuvor viel zu selten getroffen oder angerufen hatte. Das war eine schwierige Zeit, in der mir zum Glück die wunderbare Julia und der famose Johnny Cash zur Seite standen. Zum einen war mein Vater zu Lebzeiten Country-Fan gewesen, zum anderen spendeten mir gerade die christlichen Songs von Johnny Cash Trost.
    20. „Wir sind Helden“ haben mich – wie viele andere Menschen meines Alters – durch das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends begleitet. Gesellschaftskritisch, aber nicht mit dem Vorschlaghammer -, emotional, sprachlich grandios und psychologisch einfühlsam. Mehrfach habe ich die Band live gesehen, so einmal bei einem Benefiz-Konzert im Docks und einmal open air im Hamburger Stadtpark.
    21. Turbulent war es zwischen 2006 und 2008. Das Studium war erfolgreich abgeschlossen, eine sechsjährige Beziehung war in die Brüche gegangen. Ich kellnerte ein wenig im Dunkel-Restaurant Unsicht-Bar und war auf der Suche nach einem Vollzeit-Job. Diesen fand ich im Sommer 2007 beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg – welch großes Glück! Emotional waren jene Jahre eine Achterbahnfahrt, die musikalisch vom sentimental-absurden Funny van Dannen
    22. Bis zu den lauten Songs von Madsen mit ihren einfachen Botschaften reichten.
    23. Im Sommer 2008 begann ich mit dem Theater-Spielen, was ich bis heute tue. Bei den Proben von „Blindfische und Sehfische“ lernte ich meine heutige Freundin, die bezaubernde Anna kennen. Und mit ihr zusammen lernte ich – dank eines Kampnage-Newsletter-Gewinnspiels – den großartigen Micah P. Hinson kennen.
    24. Auch schon seit etlichen Jahren begleiten mich die bewegenden, manchmal auch einfach komischen Songs von Element of Crime. Ich habe nur von wenigen Bands die vollständige Discographie, aber bei EoC ist sie ein Muss.
    25. Und nun bin ich beim Heute angekommen. Während ich hier schreibe, zupft Anna im Nebenzimmer auf ihrer Gitarre. Seit einigen Jahren hat sie das Musizieren wieder für sich entdeckt, zum Glück – bei der wunderschönen Stimme.

    Soweit mein musikalischer Trip durch mein bisheriges Leben. Ich bin ja nicht so der klassische Stöckchen-Zuwerfer, aber wenn Sie einen Blog haben und meine Idee aufgreifen möchten, dann posten Sie doch auch einmal Ihre Lebenssongs. Und wenn Sie Ihren Post hier in den Kommentaren verlinken, würde mich das sehr freuen. Spontan fallen mir Christian, Isa, Julia, Katrin und Mark ein, denen ich hiermit ein „Mein Leben in … Songs“-Stöckchen zuwerfe.

  • Don Giovanni mit Audiodeskription: Hoffentlich nicht die letzte Party im Thalia Theater

    Mein kulturelles Highlight in dieser Woche war die Aufführung von „Don Giovanni. Letzte Party“ im Hamburger Thalia-Theater. Wenn ich auch vorher dort schon häufig Stücke genossen hatte, war es diesmal etwas ganz Besonderes. Denn am vergangenen Dienstag – 10. Dezember 2013 – zeigte das Thalia erstmals eine Aufführung mit Live-Audiodeskription. Sprich: blinde und sehbehinderte Zuschauer konnten sich am Einlass einen Ohrhörer mit einem kleinen Empfänger leihen. Über den Ohrhörer konnten sie während des Stückes hören, was auf der Bühne geschah.

    Kostüme wurden beschrieben, Gesten, Mimik und Handlungen der Schauspieler, die nur visuell wahrzunehmen waren. Aber auch das Bühnenbild, der Einsatz der Scheinwerfer und sogar der Theater-Saal wurden beschrieben.

    Das war für mich ein ganz tolles Erlebnis, konnte ich doch so die Inszenierung und das Stück noch wesentlich intensiver wahrnehmen als nur über Sprache, Musik und Geräusche auf der Bühne. Da der Beschreibungstext nach intensiver Vorarbeit entstand und die Macher bereits vorab das Stück mehrfach gesehen hatten, fiel die Beschreibung sehr viel detaillierter aus als es eine sehende Begleitperson hätte leisten können.

    „Don Giovanni. Letzte Party“ war bestimmt eine große Herausforderung für die Texter und Sprecherin der Audiodeskription: Herrschte auf der Bühne doch ein turbulentes Durcheinander von Schauspielern, Musikern und sogar Zuschauern. Das Publikum wurde überhaupt immer wieder in das Geschehen eingebunden. Die Schauspieler haben permanent improvisiert. Das Beschreiber-Team und die Sprecherin haben die Herausforderung aber mit Bravour gemeistert. Für mich war es ein wunderbarer Abend. Und ich hoffe sehr, dass Aufführungen mit Audiodeskription zukünftig immer selbstverständlicher werden – am Thalia-Theater und an allen Bühnen im Land.

    Update (16.12.2013): Das NDR-Hamburg-Journal hat in einem Fernsehbeitrag über das Thema berichtet. Aktuell ist das Video noch in der Mediathek abrufbar.

  • Sparda-Bank und Barrierefreiheit: Bei Blinden hört die Fairness auf

    Vor einigen Wochen berichtete ich hier im Blog, dass die Netbank ihr barrierefreies Onlinebanking eingestellt hat und somit blinde Kunden von wesentlichen Teilen ihres Angebotes ausschließt. Das Gleiche gilt für blinde Kunden der Sparda-Bank. Der Hamburger André Rabe hat daher auf der Petitionsplattform Change.org einen Aufruf gestartet. Rabe schreibt:

    Ich bin seit einem Jahr Kunde bei der Sparda-Online-Bank. Ein Grund für den Wechsel: die BARRIEREFREIHEIT. Denn ich bin 100% blind. Doch seit dem 23. Oktober hat die Sparda-Bank ihr Online-Angebot so umgestellt, das blinde Menschen die Website nur noch eingeschränkt bedienen können. Als Lösung bietet die Bank die Software „Banking 4W“ an, die zwar gutbedienbar ist, allerdings nicht alle wichtigen Funktionen abdeckt. So kann man z.B. wichtige Bank-Nachrichten nicht abfragen. ich kann meine Daueraufträge nicht mehr bearbeiten und auch nicht auf meine gespeicherten Überweisungsvorlagen zugreifen.

    Als er sich mit dem Problem an den Kunden-Service des Kreditinstituts wandte, bekam er eine wenig kundenfreundliche Antwort:

    Barrierefreie eigene Anwendungen werden durch die Sparda-Banken nicht entwickelt, dies wurde in der Vergangenheit auch weder kommuniziert noch in irgendeiner Form beworben. Auch die alte Classic Anwendung ist nicht unter diesen Gesichtspunktentwickelt wurden. Wir können Ihnen leider hier keine andere Auskunft geben, als das derzeit keine Pläne seitens der Sparda Banken bestehen eine Barriere freie Webanwendung zu entwickeln oder die bestehende Anwendung darauf umzubauen.

    André Rabe nimmt auf Change.org dazu Stellung:

    Das kann ich nicht hinnehmen. Barrierefreiheit ist kein Extra, was man zusätzlich anbietet, sondern eine Selbstverständlichkeit. Und es ist im Jahr 2013 keine technische Herausforderung die W3C-Sehstandards umzusetzen. Liebe Sparda-Bank, seien Sie nicht nur „freundlich“, sondern auch „fair“!

    Die Petition hat schnell Fahrt aufgenommen. Innerhalb von nur drei Tagen haben bereits über 3.400 Menschen unterzeichnet. Bitte tun Sie das auch, und teilen Sie den Link zur Petition fleißig im Social Web. Schon einmal herzlichen Dank allen Unterstützerinnen und Unterstützern!

    Die Netbank und die Sparda-Bank sind übrigens keine Ausnahme. Viele Onlinebanking-Angebote sind für blinde und sehbehinderte Menschen schlecht nutzbar. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg, in dem André Rabe aktives Mitglied ist, sammelt anlässlich der Petition Beispiele von Hürden auf Banken-Websites. Wenn Sie Beispiele kennen, mailen Sie diese bitte an info@bsvh.org.

  • Angebot für gehörlose Menschen: Zahnärzte mit Senator-Neumann-Preis ausgezeichnet

    Am vergangenen Donnerstag, 21. November 2013, hat der Hamburger Senat den Senator-Neumann-Preis im Rathaus verliehen. Drei Projekte wurden für Ihr Engagement für eine inklusive Gesellschaft ausgezeichnet: Das Stadtentwicklungsprojekt Q8 Altona und das Angebot für gehörlose Menschen des Ernst-Deutsch-Theaters haben den alle fünf Jahre vergebenen Preis erhalten. Dritter Preisträger waren das MVZ Dentologicum Hamburg und die Zahnärztin Marianela von Schuler Alarcón. Als Jury-Mitglied hatte ich die wundervolle Aufgabe, die Laudatio für das letztgenannte Projekt halten zu dürfen. Im Folgenden dokumentiere ich meine Laudatio:

    Eine reibungslose Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist entscheidend für den Erfolg einer Behandlung. Dass das nicht immer ganz einfach ist, kennt jeder, der bereits einmal im Auslandsurlaub gezwungen war, eine Arztpraxis aufzusuchen, ohne die Landessprache zu verstehen. Den rund 80.000 gehörlosen Menschen in Deutschland geht es bei fast jedem Arzt-Besuch so.

    Denn nur eine verschwindend kleine Zahl von Medizinern beherrscht die Deutsche Gebärdensprache. Zwar haben die Betroffenen in der Regel einen Rechtsanspruch auf einen Dolmetscher, die Hemmschwelle ist aber gerade beim sensiblen Thema der eigenen Gesundheit sehr hoch. Die Folge: Viele gehörlose Menschen gehen zu selten zum Arzt. Krankheiten werden zum Teil verschleppt. Medizinisch sinnvolle Eingriffe erfolgen unnötig spät oder gar nicht.

    Die Hamburger Zahnärztin Marianela von Schuler Alarcón ist mit diesem Problem vertraut. Die hörende Medizinerin beherrscht die Gebärdensprache und kann somit direkt mit ihren gehörlosen Patientinnen und Patienten kommunizieren. Seit 2011 arbeitet sie so – zunächst als Assistenzärztin im MVZ Dentologicum Hamburg Bahrenfeld, seit Oktober dieses Jahres in einer eigenen Praxis am Hamburger Mittelweg. Inzwischen hat sie mehrere Hundert Patienten, die teilweise Hunderte von Kilometern Anfahrt auf sich nehmen, um dieses Angebot zu nutzen, das einzigartig in Norddeutschland ist.

    Um dieses Angebot gewährleisten zu können, hat das Dentologicum folgende Maßnahmen durchgeführt:

    • Die Mitarbeiter an der Rezeption und die zahnmedizinischen Fachangestellten mussten Grundbegriffe der Gebärdensprache erlernen, zudem wurden Sie für den Umgang mit gehörlosen Patienten sensibilisiert und geschult.
    • Die weiteren Zahnärzte, Ärzte und Mitarbeiter wurden in Gesprächen und Teambesprechungen auf die Kommunikation und den Umgang mit gehörlosen Patienten eingestellt und sensibilisiert.
    • Für die gehörlosen Patienten wurde eine eigene Internetseite sowie eine eigene Facebook-Seite erstellt. Hier finden sie alle Informationen, die für einen erfolgreichen und barrierefreien Zahnarztbesuch wichtig sind.
    • Für die gehörlosen Patienten wurde zusätzliches Informationsmaterial für die Zahnarztbehandlungen entwickelt, wie z.B. Schautafeln und Videos.
    • Marianela von Schuler Alarcón hält regelmäßigen Kontakt zur Gehörlosen Community, den zuständigen Behörden sowie Gehörlosen Verbänden und anderen maßgeblichen Institutionen.
    • Die Gesellschafter des MVZ Dentologicum haben sowohl die erforderlichen finanziellen Mittel als auch die nötige personelle Unterstützung möglich gemacht, um diese Abteilung ins Leben rufen zu können.

    Von Schuler Alarcón, die aus Venezuela stammt, ist aber noch einen Schritt weiter gegangen. Sie bildet seit 2012 eine gehörlose und eine schwerhörige Frau zu staatlich geprüften Zahnmedizinischen Fachangestellten aus. Somit haben sie und das Dentologicum das Prinzip der Inklusion nicht nur gegenüber ihren Patienten umgesetzt, sondern Menschen mit einer Hörbehinderung auch noch neue Berufschancen ermöglicht.

    Das Dentologicum Hamburg hat hiermit Pionierarbeit geleistet. Bis dahin hatte in ganz Deutschland noch kein gehörloser Mensch diese Ausbildung absolviert.

    Das Dentologicum hat geeignete Bewerber mittels eines selbstgedrehten Videos angesprochen. Dafür wurden das Internet und Facebook für die Kommunikation mit den hörbehinderten Bewerbern genutzt. Ergebnis: Eine gehörlose und eine schwerhörige Bewerberin haben einen Ausbildungsplatz bekommen. Zuvor waren sie arbeitslos.

    Der Weg war nicht immer leicht.

    Über Monate hinweg hat das Dentologicum bei deutschen und Hamburger Behörden Informationen zur Ausbildungsmöglichkeit und möglicher staatlicher Unterstützung und Förderung gesammelt. Es gab für den Beruf der gehörlosen ZFA keine gesonderten Ausbildungsrichtlinien. Auch musste sich das Team durch die verschiedenen Institutionen in Hamburg durchfragen, da es keinen konkreten Ansprechpartner für das Anliegen gab. Schließlich konnte sich das Dentologicum aber mit unterschiedlichen Ansprechpartnern (z.B. Berufsschule, Zahnärztekammer und Behörden) auf einen Ausbildungsweg einigen.

    Durch dieses inklusive Projekt veränderte sich auch in der Berufsschule „die Kultur des Miteinanders“. Die Schule hat die Dimension der „sozialen Inklusion“ in den Berufsschul-Klassen betont. Die Mitschüler in der Berufsschule erfahren, dass hörbehinderte Menschen im Beruf und in der Schule gut einbezogen werden können.

    Eine weitere Herausforderung: Für viele Fachbegriffe der Zahnmedizin gab es bis dahin gar keine Gebärden. Diese entwickelte von Schuler Alarcón gemeinsam mit ihren Auszubildenden. Die temperamentvolle Zahnärztin präsentiert sie in Videos, und sie arbeitet an einem Buch zum Thema. Somit schafft sie die Basis dafür, dass auch in der Zukunft weitere gehörlose Menschen eine Ausbildung in der Zahnmedizin machen können.

    Und schließlich wirkt das Pilotprojekt auch auf eine inklusive Gesellschaft hin, in dem alle nichtbehinderten Patienten in der Praxis erfahren, dass die Inklusion hörbehinderter Menschen als Patienten und als Beschäftigte „ganz unkompliziert“ möglich ist.

    Ein Projekt, das Menschen mit einer Behinderung einen besseren Zugang zur medizinischen Versorgung ermöglicht, ein Projekt, das auf dem ersten Arbeitsmarkt Ausbildungsplätze für bis dahin arbeitslose Menschen mit Behinderung schafft, ein Projekt, das den Grundstein für zukünftige Ausbildungen legt, ein Projekt, dass Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung im Alltag schafft, ein solches Projekt hat den Senator-Neumann-Preis wahrlich verdient. Das MVZ Dentologicum und Marianela von Schuler Alarcón handeln vorbildlich und wegweisend – in Richtung einer inklusiven Gesellschaft.