Blindheit und der Glaube an die Wunderheilung (2)

Das Thema „Blindheit und Wunderheilung“ hat mich noch weiter beschäftigt. Dazu beigetragen hat Andre Jaenisch, der meinen letzten Blogpost kritisch kommentiert hat. U.A. schrieb er:

Ich mein, es ist ja nicht so, dass Jesus durch die Gegend gerannt ist und rief “Wen darf ich heilen? Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Och, bitte, darf ich dich heilen?” Nein, er fragte “Was willst du, dass ich tue?” Mit anderen Worten, es geht um DICH. Wenn DU nicht willst, wird ER nichts tun. Aber es soll ja Menschen mit Behinderungen geben, die sich an dieser stören. Die Initiative in dem von dir zitierten Abschnitt ging ja auch von Bartimäus aus …

„Es geht um DICH“, schreibt Andre. Ist das so? Warum gibt es „Menschen mit Behinderungen, die sich an dieser stören“? Ist nicht ein Hauptgrund hierfür, dass sie sich hilflos fühlen und von der Gesellschaft ausgegrenzt? Geht es wirklich um den Menschen mit Behinderung oder nicht doch viel mehr darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich behinderte Menschen gleichwertig fühlen können? Braucht man in einer solchen Gesellschaft noch das Hoffen auf eine Wunderheilung?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Wunderheilung ist spannend. Momentan wirft sie für mich mehr Fragen auf als Antworten. Aber das muss ja nichts schlechtes sein.

Beim Googeln bin ich noch auf einen spannenden Beitrag gestoßen. Unter der Überschrift „Blindheit – grausames Schicksal oder neue Perspektiven?“ befasst sich Volker König mit dem Thema der Wunderheilung. Seinen Vortrag hielt er 2009 in der Wedeler Auferstehungskirche. Ein kurzer Ausschnitt:

In der Bibel ist an vielen Stellen von Blinden und Wunderheilungen die Rede. Dies trifft auch für die vier Evangelien zu. Doch in keinem Evangelium ist die Ursache der Blindheit näher beschrieben. Blindheit wird als soziale Ausgrenzung dargestellt. Eindrucksvoll wird im Markus-Evangelium (10, 46 – 52) die Geschichte der Wunderheilung des zerlumpten, blinden Bettlers Bartimäus erzählt. Er sitzt am Rande der Straße von Jericho nach Jerusalem, als er Jesus und sein Gefolge vorbeiziehen hört. Gegen den Widerstand der Umherstehenden gelingt es ihm, sich bemerkbar zu machen. Er wird von Jesus erhört und kann wieder sehen. Jesus sagt ihm: Dein Glaube hat Dir geholfen. Dies mag man als ein Wunder ansehen, ein Wunder, das schon Generationen von Kindern im Grundschulalter und Kindergottesdienst vermittelt worden ist. Diese Wunderheilung sollte man nicht kommentarlos übernehmen, wenn man sie auf unsere heutige Zeit übertragen will. Zum einen ist die soziale und damit auch wirtschaftliche Situation blinder Menschen in unserem Lande eine andere als vor 2000 Jahren. Bei uns muss keiner mehr betteln, wenn er sein Augenlicht verloren hat. Auch die medizinische Versorgung ist eine andere geworden. Vor 2000 Jahren gab es keine Brillen oder anderen Sehhilfen, keine Augentropfen. Damals dürften die hygienischen Verhältnisse auch nicht mit denen unserer Zeit vergleichbar gewesen sein.

(…)

Wenn wir also 2000 Jahre zurückspringen, müssen wir fragen, was war die Erblindungsursache des Bartimäus. Könnte es nicht eine einfache Bindehautentzündung mit völlig verklebten Augenlidern gewesen sein. Bartimäus war möglicherweise zu Tränen gerührt, dass Jesus sich seiner angenommen hat, wo ihn doch die übrige Menge eigentlich gar nicht vorlassen wollte. Jesus war für die Menschen ein Hoffnungsträger. Möglicherweise könnten es Bartimäus Tränen gewesen sein, die seinen Heilungsprozess ausgelöst haben. Dann wäre es auch zutreffend, wenn Jesus sagt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wir wissen so gut wie nichts über die Erblindungsursachen jener Zeit. Die Auswirkungen – nicht sehen zu können – stehen dabei ganz außer Frage. Doch man sollte sich darüber im Klaren sein, dass schwerwiegende und länger dauernde Erblindungsursachen – wie oben dargestellt – nicht mit Worten heilbar sind.

(…)

Mit einer spontanen Wunderheilung würde man keinem blinden Menschen einen Gefallen tun, sondern ihn vielmehr in ein absolutes Chaos stürzen. Das Gehirn hat sich während der Blindheit auf die Verarbeitung und Nutzung anderer Sinnesreize umgestellt. Das Gehirn eines Blinden wäre bei einer Wunderheilung gar nicht in der Lage die plötzliche Vielzahl an visuellen Reizen zu verarbeiten. Insofern kann es gar keine „Wunderheilung“ für blinde Menschen geben, es sei denn, man würde gleichzeitig ihren gesamten Erfahrungsschatz, d. h. den Speicherinhalt ihres Gehirns austauschen.

(…)

Blinde üben heute nicht nur handwerkliche Tätigkeiten als Korbflechter und Bürstenmacher aus, sondern sind als Telefonisten, Schreibkräfte, Physiotherapeuten, in akademischen Berufen, als Juristen, Psychologen, Journalisten, Programmierer, Archivare, Sozialarbeiter, Lehrer u.ä. tätig. Sie sind keine homogene Gruppe von Menschen, sondern entfalten sich ganz nach ihren natürlichen Fähigkeiten. Sie organisieren ihren Haushalt selbst, nehmen an Freizeitaktivitäten und Studienreisen in ferne Länder teil. Dennoch haftet ihnen das Image an, unselbständig und inaktiv zu sein. Menschen, die ein grausames Schicksal erlitten haben. Ein Menschenbild, das nicht zuletzt unserer christlichen Erziehung und den Bildern der Gleichnisse unserer Bibel über Blindenheilung entspringt. Es ist bedauerlich, dass viele „sehende“ Menschen sich zieren oder Hemmungen haben, zu fragen oder sich mit dem Thema Blindheit zu befassen. Blinde Menschen sind in keiner Weise anders als sehende Menschen. Wenn sie gewisse Eigenarten entwickeln, mag dies nicht zuletzt auf eine soziale Ausgrenzung zurückzuführen sein, weil z.B. der so wichtige Blickkontakt fehlt (Nonverbale Sprache), der Sehende von einer Kontaktaufnahme abhält.

Den vollständigen, lesenswerten Vortag von Volker König finden Sie auf der Website des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und selbst blind. Er ist Vorstandsmitglied der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde, der Norddeutschen Blindenhörbücherei und der Erich-Quenzel-Stiftung. Er ist freier Journalist und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit.

3 Kommentare zu „Blindheit und der Glaube an die Wunderheilung (2)“

  1. Guten Tag, Herr Kunert,

    ich habe Ihren Beitrag seit einigen Tagen wahrgenommen, benötige aber noch mehr Zeit zum Sichten des Materials. Ich vermute, dass wir ein Stück weit aneinander vorbei geredet haben …

    Ich komme also auf diesen Artikel zurück.

    Mit freundlichem Gruß

    André Jaenisch

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  2. Zwei Anmerkungen: Wenn du jemanden fragst, ob er lieber blind oder sehend wäre kenne ich keinen – wirklich keinen – der lieber blind als sehend wäre. Das ist vollkommen unabhängig davon, wie gut er mit seiner Blindheit zurecht kommt oder wie die gesellschaftliche Situation für Blinde ist.

    Zum Anderen die zitierte Bibelstelle auf diese Weise zu interpretieren ist mit Verlaub blauäugig. Solche Texte sind zumeist metaphorisch gemeint. Es kann z.B. heißen, dass der Mann an seiner Blindheit gelitten hat und Jesus ihm geholfen hat, nicht mehr daran zu leiden, sondern sein Schicksal zu akzeptieren. Oder er war blind in sozialer Hinsicht und Jesus hat ihm geholfen, ihm metaphorisch die Augen zu öffnenen.

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