Zehn Jahre zu spät: Eine Dancer-in-the-Dark-Kritik

An diesem Wochenende habe ich eine cineastische Bildungslücke geschlossen. Zehn Jahre nach dem Erscheinen habe ich Dancer in the Dark gesehen. Der Film von Lars von Trier erzählt die Geschichte der sehbehinderten Selma (gespielt von Bjoerk), die sich unmenschlich aufopfert, um ihrem Sohn eine Augen-Operation zu finanzieren. So kann sie ihn vor der von ihr vererbten Krankheit und damit vor der Erblindung bewahren. Aber wahrscheinlich kennen Sie ohnehin den Film, oder Sie können den Inhalt kurz und knapp bei Wikipedia nachlesen.

Daher kann ich ja gleich mit meiner Meinung los legen: Dancer in the Dark ist der dritte Teil der Golden-Heart-Trilogy, zu der auch Breaking the Waves gehört, den ich bereits hier im Blog besprochen habe. Genau wie in Breaking the Waves opfert sich auch in Dancer in the Dark eine Frau vollkommen auf. Sie nimmt alles auf sich – sie arbeitet beinah rund um die Uhr, verschweigt ihre Behinderung, gefährdet ihre Gesundheit, bringt einen Mann um und wird zum tode verurteilt -, um ihrem Kind zu helfen und die Schuld des Vererbens der Augen-Erkrankung zu sühnen. In einem zentralen Punkt unterscheidet sich der Film mit Bjoerk aber von Breaking the Waves. Es gibt Hoffnung. Es gibt Selmas Musical-Träume. Es gibt Menschen, die sich für Selma stark machen, sie unterstützen. Und der Sohn wird erfolgreich operiert. Selma hingegen stirbt durch den Strick, ohne ihren Sohn noch einmal gesehen zu haben.

Vielleicht ist die Sehbehinderung primär eine Metapher. Nimmt man die Geschichte aber so wie sie ist, wird mir bei einigen Punkten doch unbehaglich. Erstens wird im Film mehrfach suggeriert, Selma hätte aufgrund ihrer Erbkrankheit ihr Kind nie bekommen dürfen. Ist behindertes Leben also weniger wert als nichtbehindertes? Oder sollte zumindest belastetes Erbgut nicht weiter gegeben werden? Das hört sich für mich nach Eugenik an. Und selbst wenn man es nicht so hoch hängen und stattdessen nur die individuelle Geschichte einer sich schuldig fühlenden Mutter sehen will: Muss man sich ein Leben lang dem Kind gegenüber schuldig fühlen, wenn man eine Behinderung vererbt hat? Ist es richtig, alles, wirklich alles dafür zu tun, um dem Kind die eigene Behinderung zu ersparen? Dancer in the Dark endet mit der Hinrichtung der Mutter, die kurz vorher erfährt, dass die Operation des Kindes gelungen ist („Er wird seine Enkelkinder sehen können“). Aber wird der 13jährige Junge – so frage ich, nicht der Film – glücklich sein ohne seine Mutter, die für sein Sehen gestorben ist? Vielleicht denken die meisten nichtbehinderten Menschen, dass das Verlieren des Augenlichts das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Vielleicht denken viele Eltern auch, dass man auf gar keinen Fall eine Erbkrankheit weiter geben darf. Ich denke da anders und bin froh, dass ich lebe, und wünsche mir, dass sich die Gesellschaft endlich so öffnet, dass man als blinder Mensch gleichberechtigt und ohne Barrieren in ihr leben kann. Stattdessen wird Behinderung immer noch als etwas gesehen, das ausgemerzt werden muss. Auch wenn er es vielleicht gar nicht wollte, trägt Lars von Trier mit Dancer in the Dark zu diesem Behinderungsverständnis bei.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

5 Kommentare zu „Zehn Jahre zu spät: Eine Dancer-in-the-Dark-Kritik“

  1. Vielen Dank für diese Rezension, die mir aus der Seele spricht. Man sollte es nicht schönreden: Erblinden und Sehbehindert-Sein ist kein erstrebenswerter Zustand, aber mich erschreckt das Horrorhafte, das dem Ganzen in vielen Filmen und anderen Medienbeiträgen auch heute noch beigegeben wird.

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  2. Ich möchte in erster Linie der wichtigen Aussage zustimmen: Auch ein Leben mit Behinderung ist es für mich Wert zu leben. Es bleibt doch immer noch genug Raum einen Großteil dieses Lebens selbst zu gestalten. Ich frage daher nicht primär nach dem Sinn des Lebens, sondern wie ich meinem Leben Sinn geben kann.

    Ich verstehe aber auch die Zwickmühle, in der sich die Eltern behinderter Kinder befinden. Als ich 18 war, hat mir mein Vater gestanden, dass er auf eigene Kinder verzichtet hätte, wäre ihm bekannt gewesen, dass ich blind sein würde. Als schnippische 18-jährige Göre habe ich nur gemeint: „Da bin ich aber froh, dass du nicht alles schon vorher weißt.“

    Erst viele Jahre später, knapp vor seinem Tod, hat er mich wissen lassen, dass meine recht flapsige Erwiderung für ihn so etwas wie eine Erlösung war.

    Ich vermute, Eltern fühlen sich schuldig, weil unsere Gesellschaft Behinderung als Stigma oder aus religiöser Sicht sogar als Strafe sieht.

    Um auf den Film zurückzukommen: Gern zu leben und sein Leben auch als behinderter Mensch selbst zu gestalten ist wohl zu wenig dramatisch und spektakulär für einen Film. Eigentlich schade.

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  3. Ist es das Sich-Schuldig-Fühlen? Ich schilderte auf dem Blog http://www.simulantin.wordpress.com die Begegnung einer Hebamme mit (Schwerst-)Behinderten. Sie hielt ein Seminar über Geburtshilfe in Afrika ab. Dabei kam es auch zu den spontanen Äußerungen aller anwesenden Behinderten, sie wollten kein Kind in die Welt setzen, wenn es dieselbe Behinderung haben würde, wie sie. Hier war es wohl eher das Wissen um die Schmerzen, die Qual, die Einschränkungen, die Diskriminierung, um ihr eigenes Leben, das sie einem neuen Menschen nicht antun wollten. Es war das: Ich will nicht, dass dieser Mensch so leiden muss, wie ich.

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  4. Als ich den Film vor einigen Jahren das erste Mal gesehen habe, da hat er mich zutiefst beeindruckt und verstört.
    Ich kann nicht sagen, dass der Film mir suggeriert habe, Blindheit sei das Schlimmste, was einem passieren könne, schon gar nicht habe ich an Eugenik gedacht. Mehrfach wird doch das Gegenteil betont.
    Das Tragische ist, dass die Protagonistin wegen menschlicher Niedertracht schuldlos schuldig wird,
    am Ende hat sie mit allen Konsequenzen ihre Aufgabe, die schon am Anfang des Films bekannt ist – ihren Sohn Gene vor dem Blindwerden zu bewahren – erfüllt – nicht weil Blindheit so schlimm ist, dass man ebenso gut tot sein könnte – sondern weil sie konsequent geblieben ist und die Verkettung der Umstände es nun einmal erfordert hat. Nur deswegen.

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  5. Ich möchte mich meiner Vorrednerin anschließen, mir hat dieser Film, den ich Ende 2000 gesehen habe, ebenfalls nicht suggeriert, dass ein Leben mit Behinderung „weniger wert“ sei. Ganz im Gegenteil, soweit ich mich erinnern kann, meistert Selma ihr Leben soweit gut, tanzt und singt in einer Musical-Gruppe und findet darin auch Erfüllung.

    Dass sie ihrem Kind die Operation bezahlen will und dafür auch in den Tod geht, sehe ich als Zeichen von extremer Mutterliebe. Ihr Tod schockiert den Zuschauer aber mehr, als dass er suggerieren würde, es hätte sich gelohnt, nur damit ihr Sohn die Operation bekommt. In Wirklichkeit spürt man am Schluss die Sinnlosigkeit ihres Todes, denn der Verlust der Mutter dürfte für das Kind weitaus schlimmer sein, als die Augenkrankheit, daran lässt der Film niemals Zweifel.

    Was mir an diesem Film gefällt, ist die Einbindungen von Geräuschen in die Musik und überhaupt die Tatsache, dass hier Musical-Elemente verwendet werden, um eine für ein Musical doch eher ungewöhnlich bedrückende Geschichte in eine Art Anti-Musical zu verwandeln, das auf dem Broadway sicherlich durchfallen würde. Auch die Ouvertüre am Anfang mit der schwarzen Leinwand gefiel mir.

    Ich finde, man tut Lars von Trier unrecht, wenn man ihm unterstellt, er würde mit dem Film Blindheit verteufeln, das Gegenteil ist der Fall.

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