Wie kannst Du das nur Lesen?

„Wie kannst Du das nur lesen?“ werde ich häufig gefragt, wenn meine Finger über die Seiten meiner Blindenschrift-Bücher huschen. Und in der Tat habe ich die Braille-Schrift – benannt nach ihrem Erfinder Louis Braille – nicht an einem Tag gelernt. Drei Schuljahre hat es gedauert, bis ich sie komplett beherrscht habe. Zunächst wurden die Buchstaben überdimensional groß in Steckbretter gesteckt. Dann gab es Sätze auf Papier, aber noch mit großem Zeilen-Abstand. So konnten sich die Finger an das Ertasten der feinen Punkte gewöhnen. Die Blindenschrift basiert im Wesentlichen auf sechs Punkten. Je nach Kombination der Punkte ergibt sich ein Buchstabe. Dabei ist das Erlernen der Buchstaben noch ganz einfach. Hat man die Punkte-Kombinationen von A bis J auswendig gelernt, ergeben sich die weiteren Buchstaben von selbst. K bis T sehen nämlich genauso aus wie A bis K, nur dass sie unten links einen Punkt mehr haben. Bei U bis Z kommt dann noch ein Punkt unten rechts ins Spiel. Außerdem stehen die Buchstaben A bis J auch für die Zahlen 1 bis 0 – zur Unterscheidung wird vor Zahlen ein Ankündigungszeichen geschrieben. Zwischen Klein- und Großbuchstaben wird nicht unterschieden.

Das klingt noch ganz leicht. Diese Basics saßen auch schnell. Doch in klasse 2 und 3 kam die Kurzschrift. Blindenschrift ist groß, die Bücher sind wegen der Punkte sehr dick. Um Platz zu sparen ist eine Art Stenoschrift vonnöten. Und die hat es in sich. Einige Beispiele: ein alleinstehendes B steht für „bei“, ein C für „sich“, ein X für „immer“. Ein X am Ende eines Wortes steht für die Endsilbe -nis, ein H für -heit, ein K für -keit. C, X und Y müssen durch einen Ankündigungspunkt markiert werden, steht nämlich kein Punkt vor ihnen, bedeuten sie ‚en, ‚mm und ‚el. Steht das X unmarkiert am Anfang eines Wortes bedeutet es weder X noch -nis, noch ‚mm, sonder die Vorsilbe Ex. Steht das Y am Anfang bedeutet es nicht Y oder ‚el, sonder welch. Und dann lernten wir auch Abkürzungen, die für Wörte standen, deren Bedeutung ein Drittklässler nur sehr unzusammenhängend erfasst: Ph steht für Philosoph, Pg für Paragraph. Und in der sechsten Klasse lernte ich dann noch die englische Kurzschrift: hier steht B für „but“, C für „can“ und…

Will nun ein sehender Mitmensch die Schrift lernen – so wie es die wundervollste Vertreterin dieser Spezies gerade tut -, dann fängt er lieber nicht mit der englischen Kurz-, sondern mit der deutschen Vollschrift an. Wenn die erstmal sitzt, können schon Mitteilungen zwischen Blinden und Sehenden ausgetauscht werden. In der Regel lesen sehende Menschen die Brailleschrift mit den Augen. Meine Lehrer AM Gymnasium haben, wenn sie die Schrift überhaupt konnten, so meine Klausuren verbessert. Und sicherlich ist es für einen sehenden Menschen, der auf seinen Tastsinn nicht so angewiesen ist wie ein Blinder, schwieriger, mit den Fingern zu lesen. Aber blinde Leser sind auch keine übersinnlichen Wesen. Und meine ehrgeizige Braille-Schülerin ertastet die Buchstaben schon jetzt mit den Fingern – wieder eine Gemeinsamkeit mehr zwischen uns.

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

4 Kommentare zu „Wie kannst Du das nur Lesen?“

  1. :-*
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