Seefahrtsgeschichte zum Anfassen

Ein Tag auf einem historischen Dampf-Eisbrecher zu verbringen, ist sicher schon für sehende Besucher etwas besonderes. Als blinder oder sehbehinderter Mensch die riesigen Kohleöfen und Dampfkessel anzufassen oder das Ohr an das 75 Jahre alte Sprachrohr des Kapitäns zu legen, das ist aber einmalig.

Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg hat heute seine Mitglieder auf das Museumsschiff Stettin eingeladen. Für Menschen mit starken Sehproblemen ist es meist wichtig, Dinge in Ruhe und mit genügend Zeit ertasten zu können. Haptische Wahrnehmung, das Fühlen mit Händen, bedeutet, dass Gegenstände nacheinander erfasst werden und nicht mit einem Blick erschlossen sind. Im regulären Museumsbetrieb ist dies häufig nicht möglich. Daher versuchen wir immer wieder, Kunst, Geschichte und Wissenschaft für Hamburgs blinde und sehbehinderte Bürger erfahrbar zu machen. Wir fragen nach der Erlaubnis, Exponate ausnahmsweise berühren zu dürfen, bitten um gesonderte Führungen usw. Um so schöner ist es, wenn – wie im heutigen Fall – wir gar nicht bitten müssen, sondern ein Betreiber mit der Frage auf uns zukommt, ob wir nicht einen Veranstaltungstag für unsere Zielgruppe durchführen wollen.

Im Herbst habe ich – zusammen mit zwei Kolleginnen – den Test gemacht: Könnte so ein Tag für sehbehinderte und blinde Menschen interessant sein, wär das Ganze ohne große Unfälle realisierbar? Dr. Olaf Koglin, der Vorsitzende von Dampf-Eisbrecher Stettin e.V., führte mich die steilen Treppen hinauf und hinab, warnte mich vor niedrigen Eisenträgern und hohen Türschwellen. Er legte meine Hand auf die Hebel des Maschinentelegraphen oder drückte mir die schweren Eisenstangen in die Hand, mit denen die Asche aus den Öfen gekehrt wird. Er berichtete fundiert von der Geschichte des Schiffes, das von 1933 bis 1945 als Eisbrecher das Oder-Haff befahrbar hielt und mit dem Kriegsende – voll beladen mit Flüchtlingen – nach Kiel fuhr. Kooglin stellte uns das Engagement von Ehrenamtlern vor, die heutzutage als Heizer tonnenweise Kohle schaufeln, monatelang in winzigen Kajüten schlafen, zum Hamburger Hafengeburtstag, zur Kieler Woche oder zur Hansesail nach Rostock schippern, um ein historisch einzigartiges Schiff zu erhalten. Die Stettin ist das weltweit größte kohlebefeuerte, noch fahrfähige Dampfschiff. Für unseren heutigen Tag hatte der Jurist Koglin in Heimarbeit sogar ein Holzmodell der Stettin geschnitzt, damit unsere Mitglieder eine Vorstellung von Form und Aufbau des Schiffes gewinnen konnten. Für das tolle Engagement und für einen spannenden und lehrreichen Tag bedanke ich mich bei Dr. Koglin und seiner Crew im Namen von rund 50 begeisterten Besuchern, die heute ein Stück Seefahrtsgeschichte begreifen konnten.

Der Dampf-Eisbrecher Stettin kann im Museumshafen Oevelgönne besichtigt werden. Das Schiff ist für Veranstaltungen und Rundreisen buchbar.

Dampf-Eisbrecher Stettin: http://www.dampf-eisbrecher-stettin.de

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

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