Schall- und Stufenschlucker

Gestern und heut lag Schnee. Ich hätte darauf verzichten können. Gut, auch ich habe als Kind Schneemänner gebaut und Schneeballschlachten geschlagen. Deshalb kann ich mich einer gewissen Nostalgie bei diesem Wetter nicht erwehren. Und einen Spaziergang durch einen verschneiten Wald in charmanter Begleitung finde ich auch romantisch. Aber alltagskompatibel ist Schnee für mich nicht.

Schnee bedeutet Ruhe, lästige Ruhe. Plötzlich fehlt mir akustische Kontrolle, die mir sonst meinen Arbeitsweg erleichtert. Der Schnee schluckt den Schall meiner Schuhe und die Geräusche der Autos. Und er begräbt Boden-Unebenheiten unter sich. Ich fühle mit meinem Blindenstock nicht mehr, wo der Bordstein endet und der Sandstreifen anfängt, wo die abgeflachte Bordsteinkante ist. Liegt der Schnee sehr hoch, ist ein selbstständiges Bewegen für blinde Menschen mit Stock kaum möglich. Gut, dass man sich in Hamburg darauf verlassen kann, dass der Schnee nie länger als einen halben Tag liegen bleibt. Und beinah könnte man zum leidenschaftlichen Befürworter der Klima-Katastrophe werden, denn schließlich kontte ich in diesem Winter jeden Tag allein zur Arbeit gehen. Also, Heizung höher drehen und Fenster aufreißen! Aber nein, was wird dann aus Winterromantik und -nostalgie?

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

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