Schönheit im Ohr

Nach zwei Tagen im Konferenzraum – nur unterbrochen durch einen Besuch in der Legendären Markthalle in Kreuzberg, in der schon Herr Lehmann Schweinebraten aß und die schöne Köchin kennenlernte – ist es am Samstag Nachmittag Zeit für Berliner Freizeit. Ich besuche Tina, ziehe mir mit ihr den Paten rein und gehe mit ihr auf eine Geburtstagsfeier auf ein Party-Schiff.

Tina begleitet mich seit sieben Jahren. Damals machten wir Praktikum in einer Unternehmensberatung. Sie ist inzwischen Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Joachim Lottmann nennt sie in seinem Blog gern Tina Beautiful. Und er wird gewiss streng wahrheitsgemäß schreiben. Was für blinde Menschen beautiful ist, scheint eine reizvolle Frage für sehende Menschen zu sein. Auch auf der Party am Samstag wurde mir die Frage aus den Reihen der versammelten Hauptstadtpresse gestellt. Und auch ich finde sie nicht uninteressant. Wann finde ich einen Menschen schön?

Lerne ich eine Frau kennen, kann ich nicht so früh mit dem Abchecken beginnen wie mein sehendes Gegenüber. Mein erster Eindruck entsteht häufig erst nach dem Beginn einer verbalen Kommunikation. Dabei sind für mich vielleicht die ersten Worte so wichtig wie der erste visuelle Eindruck für einen sehenden Menschen. Ist die Stimme klar, warm, sinnlich? Ist die Aussprache flüssig, natürlich, kantig? Ist der Tonfall unverkrampft, ehrlich und offen? Und natürlich ist es nicht unerheblich, ob mein Gegenüber in meiner Nase angenehm duftet. Passt mir ein Parfum nicht, wird es schon schwerer, mich von der Schönheit der Anderen zu überzeugen. Was aber sehende Menschen schön nennen – Gesichtszüge, Körperbau, Frisur -, spielt für mich erst sehr spät im Prozess des Kennenlernens eine Rolle. Denn auch Blinde betasten ihre Mitmenschen nicht umgehend nach der ersten Begrüßung. Und sicher habe ich dann auch Vorstellungen von schöner Kleidung, die Fingern etwas zum Entdecken bietet, oder von schöner Haut. Ist es aber soweit, dass mir eine Frau von selbst erzählt, welche Haar- oder Augenfarbe sie hat, hab ich schon längst eine Meinung über ihre Schönheit – geformt aus Klang, Duft und Berührung. Und das sind immer noch hinreichend viele Sinne für eine fundierte Empfindung.

Blog von Joachim Lottmann: http://taz.de/blogs/lottmann/

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (40) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

2 Kommentare zu „Schönheit im Ohr“

  1. Also, meine Haare sind…nein, das sage ich Dir nicht! Das musst Du schon selbst rausfinden! 😉 Kompliment für diesen Deinen wunderschönen Beitrag!…ich bin ganz hin und weg…aber das weißt Du ja längst…

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  2. Ein Hallo in die Ferne,
    danke für die lieben Worte! Die kann ich beinah voll und ganz erwidern!!! Gut, in Sachen Haaren bist Du mir ein Schritt voraus;-) Aber das krieg ich auch noch raus…
    Ein schönes Wochenende wünscht und eine Umarmung schickt,
    Heiko

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