Globalisierung und Behinderung

(Verfasst am Mo.03.03.08)

London ist wie ein Rausch. Alles pulsiert und groovt. Wohin sollen wir gehen? Ins Portugiesenviertel, zu den Marokkanern, nach Chinatown? Das ist Welt Kompakt. Wir entscheiden uns am Sonntag für die Brick Lane. Hier reiht sich ein Curry-Imbiss an den nächsten. Über die Gehsteige schallt indische Musik und die Straßenschilder sind in Hindi. Ich stelle mir die Schlagzeilen der Hamburger Boulevard-Presse vor, wenn in Wilhelmsburg plötzlich türkische Straßenschilder stünden – das Ende des Abendlandes wär dann wohl gekommen. Hier in London scheint das Nebeneinander der Kulturen zu klappen. In Markthallen, in verramschten Shops oder direkt auf der Straße, jeder möchte hier etwas verkaufen. Die Angebotspalette reicht bis an den Rand der Illegalität: ob es wirklich der Besitzer ist, der sein altes Fahrrad für fünf Pfund verscherbelt? Ein Funk-DJ hat sein Soundsystem am Straßenrand aufgedreht und bietet selbstgebrannte Compilation-CDs an. Ob es in England etwas wie die Gema gibt? Und sogar die Hütchen-Spieler-Horden vom Balkan gibt es hier noch. Aber auch hier in der Brick Lane sind Überlebenskapitalismus und die hippsten Trends nah beisammen. Denn auch hier gibt es Shirts im Siebdruckstyle, Clubsounds, die ich auf deutschen Straßen und aus deutschen Radios niemals höre. Und wahrscheinlich ist es genau diese Einheit aus den rauhen Gesetzen des freien Marktes und der Ballung internationaler Einflüsse, die das Pulsieren dieser Stadt ausmacht.

Nach unserem Nachmittagsbummel landen wir bei Ziggy. Sprich: in einem Pub. Uns begleitet Camilla, Lisas finnische Freundin, die mit einem Cellisten von Apocalyptica zusammen ist. Während Lisa Konferenzen an einem Gynäkologen-College organisiert, verkauft Camilla Film- und Musik-Pakete an Flug-Gesellschaften – erstaunliche Jobs, die unsere Generation hat. Ziggy hat alles, was man an einem Sonntag braucht: gemütliche Antik-Sofas, hippen Dancefloorjazz, saftige Burger mit Pommes, Cider und acht Sorten Bier vom Fass. In netter Gesellschaft können da schonmal sechs Stunden vergehen.

Und auch an diesem Abend stell ich einmal wieder fest, wie unkompliziert die Menschen hier mit meiner Behinderung umgehen. Schon häufig hab ich in England oder Irland erlebt, dass mich die Leute einfach ansprechen, und sie sagen nicht: „toll wie Sie allein gehen“ oder „wodurch sind Sie blind geworden“ oder „das muss aber schlimm sein“. Nein, die Leute hier sagen „nice Weather, isn’t it?“, „are you on holiday?“ oder „Hamburg, that’s a wonderful city!“ Und auch Camilla reicht mir nach dem Pub-Abend – wie selbstverständlich – ihren Arm. Sie wolle das einfach mal probieren. Ist es meine Urlaubsausstrahlung, die die Menschen hier so locker mit mir umgehen lässt? Oder ist es vielleicht doch so, dass wir Deutschen ein tendenziell verkrampfteres Verhältnis zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen haben? Vielleicht liegt es an der Grundhaltung: in den angelsächsischen Ländern macht jeder aus seiner Situation das Beste, sei er Ausländer, behindert oder blond. Bei uns sehen wir als erstes die Hilfsbedürftigkeit von Menschen, die anders sind. Hoffentlich trägt die Globalisierung den offenen Umgang mit Behinderten auch eines Tages nach Deutschland.

„London Leben“ über die Brick Lane: http://www.londonleben.co.uk/london_leben/2004/07/brick_lane_and_.html

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

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