Sehbehindert shoppen

Heute ist Sehbehindertentag. Deutschlandweit machen Organisationen auf die Lage sehbehinderter Menschen aufmerksam. Nach dem

Gesetz gilt man als sehbehindert, wenn man auf dem besser sehenden Auge weniger als 30 Prozent sieht. Schätzungen zufolge dürften

in Hamburg rund 50.000 Menschen dieses Kriterium erfüllen. Daher liebt es nah, dass wir von unserem Verein auch Aktionen zu diesem

Tag durchführen. Hunderte von Besuchern informieren sich seit gestern auf der Mini-CeBIT über elektronische Hilfsmittel. Und heute

haben wir, darunter der Verfasser dieser Zeilen, in der Galeria Kaufhof in der Mönckebergstraße zum Thema informiert. Die Presse

wurde benachrichtigt. Infomaterial für Kunden lag aus. Die Mitarbeiter erkundeten ihre vertraute Arbeitsumgebung mit einer Brille, die

eine starke Sehbehinderung simuliert. Warum ausgerechnet im Kaufhof? Kaufhof ist die erste Shopping-Kette, die einen Begleitservice

für blinde und sehbehinderte Kunden anbietet. Hoffentlich macht dieses Beispiel Schule. In unserer Konsum-Welt ist selbstbestimmt

einkaufen zu können eine Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Und wenn die Mitarbeiter der Geschäfte so offen und

interessiert sind wie die Kaufhof-Mitarbeiter heut Vormittag, dann ist Integration beim Shoppen bald kein Traum mehr.

Nicht blind, nicht sehend

Sehbehinderte Menschen leben nicht nur in Hamburg: 20 Blinden- und Sehbehindertenvereine haben sich daher zum Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) zusammengeschlossen. Der DBSV sitzt in Berlin. Und da saß ich Freitag und Samstag auch. In der DBSV-Geschäftsstelle trafen sich die Öffentlichkeitsarbeiter aus der ganzen Republik und planten bundesweite Kampagnen und tauschten sich über die Situation in den jeweiligen Landesvereinen aus. Ich nahm zum erstenmal teil: viele neue Menschen, viele neue Informationen und viele neue Meinungen prasselten auf mich ein. Das Gehirn muss auf Zack bleiben, will man PR in einem Verband machen – und das ist fantastisch.

Ein Thema unserer Tagung war der Sehbehindertentag. Er wird alljährlich am 6. Juni begangen. An diesem Datum machen die Selbsthilfeorganisationen auf die besondere Situation von Menschen aufmerksam, die weder blind nnoch sehend sind. Sehbehinderte Menschen werden von ihrer Umwelt häufig nicht als gehandicapt wahrgenommen. Unter Blindheit können sehende Mitbürger sich vermeintlich etwas vorstellen. Sie schließen einfach die Augen und wissen dann, wie es ist nichts zu sehen. Sich aber vorzustellen, wie das scharfe Sehen nachlässt oder wie das Gesichtsfeld immer kleiner wird, das fällt schon nicht mehr so leicht. Und sehbehinderten Menschen sieht man ihre Behinderung nicht unmittelbar an. Wie häufig werden sehbehinderte Freunde von mir angepöbelt, wenn sie am U-Bahnhof nach einer Fahrplan-Auskunft Fragen? „Steht doch dran! Guck doch hin!“ Und dann gibt es noch den gegenteiligen Effekt: geistig völlig fitte Senioren werden von ihren Mitmenschen behandelt, als seien sie senil. Grund: die Senioren sind neu mit einer Augenkrankheit konfrontiert. Ihr Sehvermögen lässt rapide nach. Sie werden unsicher, weil sie ihren Nachbarn auf der Straße nicht mehr erkennen, Stufen übersehen, im umgebauten Supermarkt die Taschentücher nicht finden oder in der U-Bahn keinen freien Platz. Die Unsicherheit wird häufig als Senilität wahrgenommen. Zu der Krankheit gesellt sich ein abwertender Umgang durch die Mitmenschen. Der Frust wird stärker. Gut, dass sich die Betroffenen in Gesprächskreisen (z.B. beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg) austauschen und aufbauen können, und gut, dass der DBSV auch in diesem Jahr wieder auf die Lage der sehbehinderten Menschen aufmerksam machen wird.

Eine alte, aber gute Seite des DBSV zum Sehbehindertentag: http://www.dbsv.org/sehbehindertentag/