Berlin (Efze)

Kennen Sie die Efze? Das muss wohl ein Fluss sein. Und an diesem Fluss liegt ein Städchen, das man vielleicht noch aus dem Verkehrsfunk kennt und das mehr eine Sammeleingemeindung hessischer Dörfer ist. Wenn das für Sie alles böhmische Dörfer sind, dann vergessen Sie es. Als Hanseat könnte man sich wohl auch ruhigen Gewissens über die Institution Hessentag, der in Wahrheit zehn Tage dauert, hinwegsetzen. Alljährlich wird ein mehr oder minder verstaubtes Nest aufgepeppelt und zum Wallfahrtsort für zehntausende Party-Hungrige. Und die Stadt – in diesem Jahr eben Homberg (Efze) – hofft, dass einige dieser Party-Hungrigen nochmal wieder kommen, und so der Tourismus einige Euro ins klamme Gemeindesäckel spült. Außerdem freuen sich die lokale Wirtschaft und die Vereinsmeierei über den Festumzug, auf dem sie sich bei zünftiger Marschmusik präsentieren und durchs Hessische Fernsehprogramm stiefeln können.

Kommen wir nun aber zum eigentlich Relevanten: der Hessentag zieht die erfolgreichsten deutschen Bands in die Provinz. Diesmal spielte u.A. Herbert Grönemeyer. Am Freitag konnte ich auf HR3 einem Konzert von Scooter beiwohnen. Und live war ich – und mit mir noch 39.000 andere Menschen – am Sonntag bei einem Open-Air-Konzert der besten Band der Welt. Die Ärzte („aus Berlin – aus Berlin!“) haben gehalten, was man von ihnen erwartet. Drei Stunden rockten sich die Mitvierziger-Jungs die Seele aus dem Leib, alberten gnadenlos und dennoch nie peinlich über BH’s, Blähungen und vor allem über sich selbst. Die Ärzte ziehen alles zwischen zehn und 40 auf ihre Konzerte. Gut, Wolfgang Petry singende Fans und eine reichlich unoriginell punkige Vorband wären sicherlich entbehrlich gewesen. Aber einmal hanseatisch-arogant die Nase gerümpft, und dann ist das Thema abgehakt. Viel Sonne – auf der Haut und im Herzen -, Musik aus der Jugend und die beste von heute auf den Lippen, ein cooler Regenschauer am Schluss, eine etwas heisere Stimme von so unglaublich vielen Hymnen (und ich habe immer noch das Gefühl, dass sie die meisten gar nicht gespielt haben), freundliche Bekanntschaften, die ich hoffentlich mal wieder treff, all das gab es in Homberg (Efze). Manchmal lohnt sich eben doch der Ausflug in die Provinz.

Hessentag 2008: http://www.hessentag2008.de/

Zwei Hafen-Geburtstage

Hafen-Geburtstag ist eigentlich nicht so meine Welt. Zugegeben: auch ich hab mich schon mal mit Freunden durch die Menschenmassen drücken lassen, um ein Konzert zu sehen oder am Rande des alkoholisierten Treibens im Park Fiction einen Geburtstag zu feiern. Über eine Millionen Besucher auf engstem Raum, das ist trotzdem entbehrlich. Es hatte aber durchaus etwas, am Freitag Nachmittag mit der Fähre nach Övelgönne zu schippern und danach am Elbstrand zu sitzen: ständig fuhren Kreuzfahrt-, Container- und Segelschiffe an Sarah und mir vorbei. Die Hupen tönten mal hoch, mal vibrierend tief, mal kurz, mal lang. Salut-Schüsse donnerten über den Strand. Dazu schlugen die Elbwellen mal leise, mal laut ans Land. Und die Sonne rief: „Genieße das Leben!“

Noch eindringlicher tat sie dies am Samstag. Tante Trevor, Michi und ich fuhren mit dem Zug an die Ostsee. Das ist ein grandioser Vorteil, den Hamburg gegenüber vielen anderen Städten zu bieten hat: Man ist in eineinhalb Stunden am Meer. Schon als wir in Travemünde ausstiegen rochen wir die klare, leicht salzige Luft. Die Sonne strahlte auf unsere Creme-verschmierte Haut. Ein leichtes Lüftchen sorgte für Frische. An der Steilküste liefen wir nach Niendorf. Es war herrlich, dort barfuß durch den Sand zu stapfen und mit den Zehen den ersten Kälteschock am Meeresrand zu erleben. Aber nach knapp zwei Stunden Braten in der Sonne, mit der einzigen Sorge, wie rum man sich denn nun hinlegt, waren wir reif für das Meer. 16-19 Grad hat die Ostsee zurzeit. Und es war archaisch schön, das Meer auf der Haut zu spüren, unbeschwert herumzuplantschen und das Hier und Jetzt zu zelebrieren. Nur ein Mensch fehlte, dann wäre der Augenblick perfekt gewesen. Als Krönung noch ein frisches Krabbenbrötchen, einen Bummel über den Niendorfer Hafengeburtstag (nicht ganz so voll wie sein Hamburger Pendant, aber auch nicht ganz so ausgelassen), einen Spaziergang zum Timmendorfer Bahnhof und schließlich entspannt und zufrieden mit dem Zug nach Hamburg und mit zwei Flaschen Rotwein an die Alster. Als ich gegen Mitternacht nach Haus kam, war ich insgesamt gut neun Stunden unter freiem Himmel gewesen. Und ich habe den Verdacht, da gehört der Mensch auch hin.

Marburg, ein erster Eindruck

Es sind zweieinhalb Monate um, und ich bin wieder zu einer Schulung in Frankfurt. Davor: eine überraschende Einladung nach Marburg. Ein sonniges Frühlingswochenende mit einer Tretboot-Fahrt auf und einem wunderbaren Spaziergang an der Lahn, einem für norddeutsche Beine bemerkenswerten Aufstieg in die kopfsteingepflasterte, lebendige und dennoch ruhige Oberstadt. Auf dem Marktplatz gab’s noch einen amtlichen Fleischkäse im Brötchen. Ich liebe die Atmosphäre auf Märkten: der schnelle Wechsel der Düfte, das geschäftige Stimmen-Gewirr von Kunden und Verkäufern.

Eigentlich erstaunlich, dass ich erst jetzt einmal Marburg besuche. Die Stadt gilt als das deutsche Mekka der Blinden. Mit sieben Jahren hatte ich zum erstenmal das Wort Marburg gehört. Damals befürchteten meine Eltern, dass ich nach Hessen müsste, um als blindes Kind in die Schule gehen zu können. Und in der Tat war Marburg über Jahrzehnte die einzige Stadt in der Bundesrepublik, in der blinde Menschen Abitur machen konnten: auf der heutigen Carl-Strehl-Schule. Ich bin aber damals nach Hamburg gekommen, wo ich integrativ auch mein Abi machen konnte. Bedingt durch die Schule studieren auch überdurchschnittlich viele blinde Menschen in Marburg. Hier sitzen der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf sowie die Blindenstudienanstalt. Menschen mit Blindenstock gehören zum Straßenbild, alle Ampeln sind Signal-Ampeln, die Verkäufer scheinen einen Tick zügiger zu realisieren, wenn sie einen blinden Kunden vor sich haben. Das ist eine interessante Erfahrung für mich, aber kein Grund hier zu bleiben. Dafür gäbe es andere Gründe.

Mit dem Tandem nach Singapur

Ich war Freitag auf einem Dia-Abend. Den Satz hört man nicht allzu häufig aus meinem Munde. Wenn ich mir fast drei Stunden lang Reise-Dias gönne und danach sogar mehr als begeistert bin, dann muss das schon ein ganz besonderer Dia-Abend gewesen sein.

Sebastian Burger hat heut in Hamburg von seiner Blind-Cycle-Tour berichtet. Er ist zusammen mit blinden Menschen von Bremen nach Singapur geradelt: auf einem Tandem. Mit vielen humorvollen Anekdoten gespickt, erinnerte sich Burger an diese einmalige Reise. Der studierte Fotograf zeigte seine Bilder, die Anke Nicolai von Hörfilm e.V. für die blinden und sehbehinderten Besucher beschrieb. Zusätzlich spielte Burger Musik, Ton-Aufnahmen und Videoclips von der Reise ein. Die Vielfalt der Erlebnisse wurde vor den Augen der sehenden Besucher und in den Köpfen der blinden Besucher lebendig: Meterhohe Brennnesseln an deutschen Bahndämmen, der kautzige Opa mit dem gehäkelten Sattelbezug an der ungarischen Grenze, bunte, endlos weite Blumenwiesen in Rumänien, der schroffe Sozialneid in Bulgarien, die Gastfreundschaft türkischer Familien, der Frauenarzt in einem iranischen Dorf, der einen ganzen Schrank voller Kondome in der Praxis hatte, Pakistanischer Benzin-Schmuggel im Reisebus, das Chaos auf Indiens Straßen und der Gestank in den Städten, die Weite thailändischer Strände, der moderne Islamismus in Malaysya, die Gelecktheit Singapurs… Sebastian Burger beschrieb seine Erlebnisse so witzig und menschlich, Anke Nicolai die Fotos so präzise und gekonnt, dass keine Langeweile entstehen konnte. Für die blinden Mitfahrer muss es ein unvergessliches Erlebnis gewesen sein, bei der Blind-Cycle-Tour dabei gewesen zu sein. Und gleichzeitig haben sie Burger eine wesentlich kommunikativere Fahrrad-Tour beschert, als er es mit sehenden Mitfahrern bisher erlebt hatte. Das ist gelebte Integration. Ich jedenfalls würde am liebsten sofort eine Tandem-Fahrt durch Rumänien starten und dort abends auf den feuchten Wiesen, neben den Wasserbüffeln mein Zelt aufschlagen.

Links zum Thema

Infos zur Veranstaltung auf bsvh.org: http://www.bsvh.org/news/41/37/

Sebastian Burgers Homepage: http://www.globetreter.de/

Hörfilm e.V.: http://www.hoerfilmev.de/