Sushi, Feudalismus und eine Bootsfahrt

Greenwich ist einen Tagesausflug wahrlich wert. Am Sonntag zogen wir zunächst über den famosen Markt. Schon vom kulinarischen Standpunkt her sollte man einen leeren Magen und eine volle Börse mitbringen. Die Entscheidung fiel wahrlich schwer, zumal hier die Speisen auch durchweg von besonders guter Qualität zu sein schienen. Letztlich entschieden sich die fabelhafteste Hessin der Welt und der Verfasser dieser Zeilen für eine bunte Sushi-Box, die voller Geschmack steckte – da könnte so manch ein hanseatischer Lieferservice mit seinen geschmacklosen Matsch-Sushi einpacken. Und zum Nachtisch gab es italienischen Nougat mit Mandeln. Über dessen Kaloriengehalt soll hier geschwiegen werden, aber nicht über seinen grandiosen, süchtig machenden Geschmack. Anschließend schlenderten wir durch das feudale Greenwich, durch den Park, auf einen Hügel mit der – so hab ich mir aus zuverlässiger Quelle versichern lassen – besten Blick über London und kehrten in ein Pub ein, das selbstredend um 16.00 Uhr bereits proppevoll war – ein erstaunliches Völkchen diese Briten.

Und vor unserem Abflug am Dienstag sollte uns ein London Walk noch einmal ins schmucke Viertel führen, diesmal per Schiff. London Walks, also Führungen zu einem bestimmten Thema, sind super, so super, dass wir diesmal gleich zwei gemacht hatten (s. den folgenden Blog-Eintrag). Man bekommt Hintergrund-Infos und lernt schnell die sehenswertesten Ecken der Stadt kennen. Ich jedenfalls hatte nach der Fahrt durch die Docklands und der Wanderung durch das adelig-akademische Greenwich, wo sich Osten und Westen treffen und die Weltzeit ihren Fixstern hat, Lust auf noch mehr London, ich kleiner Nimmersatt.

Greenwich-Tipps von Visit London: http://www.visitlondon.com/fl/de/itineraries/greenwich.html

Mal schnell zu Manu

Das passiert einem nicht in jeder Stadt: „Habt Ihr Lust aufs Lovebox-Festival zu gehen?“, fragte Lisa uns. Ein Blick auf das Samstags-Lineup genügte. „klar“, sagten wir. Und da sahen wir u. A. Groove Armada und Manu Chao, einfach mal so, spontan, unter freiem Sonnenhimmel, im Victoria Park, in London.

Da wir im März so viele weitere Ideen hatten, was wir alles in der englischen Hauptstadt erleben wollten, hatten Rheinhold Messbecher und ich schon damals beschlossen, im Sommer noch einmal wiederzukommen. Die wundervollste Hessin der Welt schloss sich an, und so liegen hinter uns vier faszinierende Tage, die eine Erlebnis- und Eindrucksdichte aufweisen, wie sie vielleicht nur London erzeugen kann, diese pulsierende, vielfältige, multikulturelle Metropole. Pulsierend, vielfältig und multikulti war es dann auch auf dem Lovebox-Festival. Elektrobeats hämmerten, Reggae-Sounds wogten, Klänge einer schüchternen Folk-Gitarre schwebten über die grüne Wiese, über zehntausende Musikfreunde, über Londons Osten. Die Groove Armada zog alle Dancefloor-Register, straight und doch verspielt trieben die Rhythmen direkt bis ins Tanzbein, der Gesang changierte zwischen Hiphop, Soul und Drachenboot, so modern und sphärisch, so kreativ und simpel ist elektronic Dance viel zu selten. Und als Headliner Manu Chao: genial, euphorisierend, einfach Party. Schon häufiger wollte ich ihn und seine Band sehen, bisher hatte ich ihn immer verpasst, oder die Konzerte waren ratzfatz ausverkauft. Und ganz zufällig spielte er an diesem Wochenende in London – welch ein Glück! Seinen größten Hit – „King of the Bongo“ – spielte Manu Chao nicht. Wahrscheinlich kann er selbst ihn nicht mehr ertragen. Ich hätte mich allerdings gefreut. Das war aber auch der einzige Wermutstropfen. Ansonsten gab es über eineinhalb Stunden energiegeladene Musik zum Mitsingen und Abtanzen. Die Mischung aus latein-amerikanischer Folklore, sentimentalen Balladen, schwingendem Reggae, politischem Protest-Song und druckvollem Ska und Punk ist einzigartig. Einzigartig ist vor allem, dass sich die verschiedenen Facetten nicht nur von Stück zu Stück ändern, sondern innerhalb jedes Liedes die Stile bunt durcheinandergewürfelt werden. In einem Moment lagen sich die Pärchen verliebt in den Armen, ein Break weiter kreisten die Körper smooth umher, und noch einen Break weiter sprangen sie pogomäßig auf und ab. Schon für diesen Samstag-Abend hätte sich eine Reise nach London gelohnt, aber es sollten uns noch drei weitere Tage in dieser überraschenden Stadt vergönnt sein. Lesen Sie schon bald mehr über Sushi, Perücken und Schmuck aus Augen…

Das Lovebox-Festival: http://www.lovebox.net

Groove Armada: http://www.groovearmada.com/

Manu Chao: http://www.manuchao.net/

Ethnologie in London

Verfasst am Mi.05.03.08

Am Montag gab es den touristisch-obligatorischen Themsen-Spaziergang, vorbei an Big Ben, Globe Theater (da muss ich im Sommer mal rein) und Tower-Bridge. Danach haben Rheinhold, Lisa, ihre mexikanische Freundin Carmen und ich chinesisch gegessen. Wir waren im Chuen Cheng Ku, das mir PR-Coach Christian empfohlen hatte. Wir haben uns Dim Sum gegönnt, d.h. kaum englisch-sprechende Chinesinnen fahren mit einem Wägelchen voller Häppchen an deinem Tisch vorbei, und du sagst yes oder No. Und weil alles so schön Häppchenhaft ist, traut man sich auch die Haifischflossen und Schnecken zu. Nur vor dem Rindermagen haben wir kapituliert (den gibt’s dann auch im Sommer), und Hühnerfüße wurden uns gar nicht erst angeboten. Es war lecker und spannend. Und dass bei Chuen auch viele Asiaten essen – und nicht nur die Touris – spricht ebenfalls für dies Restaurant in London-Chinatown.

Und das Restaurant kam uns vor wie eine Oase. Grund: nach unserem Spaziergang sind Rheinhold und ich in Monumentstation in die U-Bahn eingestiegen, um mit der Centralline zu fahren. Schließlich wollten wir Lisa treffen, um zum Chinesen zu gehen. Dummerweise war es 17.00 Uhr, Rush-Hour. Das ist ein Erlebnis, das wir Hamburger uns nur schwer vorstellen können, selbst wenn wir jahrelange 5er-bus-zur-Uni-Erfahrung haben. Menschenmassen, die sich durch endlos weite Tunnellandschaften schieben, keine Roll- oder sonstige Treppenauf- und Abstiege scheuen, im Kindergärtnerton gebrüllte Lautsprecherdurchsagen, die dem U-Bahn-Nutzer-Hirn einhämmern, erst aussteigen zu lassen und erst danach einzusteigen, im Kindergärtnerton gebrüllte Lautsprecherdurchsagen, die dem U-Bahn-Nutzer-Hirn einhämmern, hinter der Rolltreppe nicht stehen zu bleiben, da einem sonst die ganze Herde in die Hacken rennt, heiße körperliche Nähe im Zug, die sich manch andere Menschen in ihrem Bett wünschen. Aus Touristisch-ethnologischer Perspektive ist U-Bahn-Fahren in London ein Erlebnis. Wie es ist, das jeden Tag im Alltag zu haben, weiß ich nicht. Die Eingeborenen wirkten aber recht stoisch. Ich habe einmal gehört, es gebe in London überdurchschnittlich viele Blindenführhunde. Ich könnte mir vorstellen, dass das stimmt. Möglicherweise ist das der entspanntere Weg, Londons Gewusel als blinder Brite zu beherrschen. Blindenstöcke gehen bei der Enge gewiss häufiger mal zubruch.

Und Dienstag war – nach einem letzten Camden-Bummel, dem Abschicken der Rheinhold’schen Postkarten und extremst fettigen Fish & Chips – auch schon wieder der Rückflug angesagt. Aber wir sind jetzt schon ganz heiß auf unseren nächsten Besuch in UK: Rheinhold und ich planen, im Juli wiederzukommen – mit Paddeln in den Docklands, einem Globetheatre-Besuch und einem englischen Picknick. See You!

Links zum Thema

Restaurant Chuen Cheng Ku http://www.chuenchengku.co.uk/

London aus der Rollstuhl-Perspektive: http://www.behindertenparkplatz.de

Globalisierung und Behinderung

(Verfasst am Mo.03.03.08)

London ist wie ein Rausch. Alles pulsiert und groovt. Wohin sollen wir gehen? Ins Portugiesenviertel, zu den Marokkanern, nach Chinatown? Das ist Welt Kompakt. Wir entscheiden uns am Sonntag für die Brick Lane. Hier reiht sich ein Curry-Imbiss an den nächsten. Über die Gehsteige schallt indische Musik und die Straßenschilder sind in Hindi. Ich stelle mir die Schlagzeilen der Hamburger Boulevard-Presse vor, wenn in Wilhelmsburg plötzlich türkische Straßenschilder stünden – das Ende des Abendlandes wär dann wohl gekommen. Hier in London scheint das Nebeneinander der Kulturen zu klappen. In Markthallen, in verramschten Shops oder direkt auf der Straße, jeder möchte hier etwas verkaufen. Die Angebotspalette reicht bis an den Rand der Illegalität: ob es wirklich der Besitzer ist, der sein altes Fahrrad für fünf Pfund verscherbelt? Ein Funk-DJ hat sein Soundsystem am Straßenrand aufgedreht und bietet selbstgebrannte Compilation-CDs an. Ob es in England etwas wie die Gema gibt? Und sogar die Hütchen-Spieler-Horden vom Balkan gibt es hier noch. Aber auch hier in der Brick Lane sind Überlebenskapitalismus und die hippsten Trends nah beisammen. Denn auch hier gibt es Shirts im Siebdruckstyle, Clubsounds, die ich auf deutschen Straßen und aus deutschen Radios niemals höre. Und wahrscheinlich ist es genau diese Einheit aus den rauhen Gesetzen des freien Marktes und der Ballung internationaler Einflüsse, die das Pulsieren dieser Stadt ausmacht.

Nach unserem Nachmittagsbummel landen wir bei Ziggy. Sprich: in einem Pub. Uns begleitet Camilla, Lisas finnische Freundin, die mit einem Cellisten von Apocalyptica zusammen ist. Während Lisa Konferenzen an einem Gynäkologen-College organisiert, verkauft Camilla Film- und Musik-Pakete an Flug-Gesellschaften – erstaunliche Jobs, die unsere Generation hat. Ziggy hat alles, was man an einem Sonntag braucht: gemütliche Antik-Sofas, hippen Dancefloorjazz, saftige Burger mit Pommes, Cider und acht Sorten Bier vom Fass. In netter Gesellschaft können da schonmal sechs Stunden vergehen.

Und auch an diesem Abend stell ich einmal wieder fest, wie unkompliziert die Menschen hier mit meiner Behinderung umgehen. Schon häufig hab ich in England oder Irland erlebt, dass mich die Leute einfach ansprechen, und sie sagen nicht: „toll wie Sie allein gehen“ oder „wodurch sind Sie blind geworden“ oder „das muss aber schlimm sein“. Nein, die Leute hier sagen „nice Weather, isn’t it?“, „are you on holiday?“ oder „Hamburg, that’s a wonderful city!“ Und auch Camilla reicht mir nach dem Pub-Abend – wie selbstverständlich – ihren Arm. Sie wolle das einfach mal probieren. Ist es meine Urlaubsausstrahlung, die die Menschen hier so locker mit mir umgehen lässt? Oder ist es vielleicht doch so, dass wir Deutschen ein tendenziell verkrampfteres Verhältnis zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen haben? Vielleicht liegt es an der Grundhaltung: in den angelsächsischen Ländern macht jeder aus seiner Situation das Beste, sei er Ausländer, behindert oder blond. Bei uns sehen wir als erstes die Hilfsbedürftigkeit von Menschen, die anders sind. Hoffentlich trägt die Globalisierung den offenen Umgang mit Behinderten auch eines Tages nach Deutschland.

„London Leben“ über die Brick Lane: http://www.londonleben.co.uk/london_leben/2004/07/brick_lane_and_.html