Bürgerliche Pflichten und bürgerliches Scheitern

Inspiriert durch die eigene Bühnenerfahrung und durch die zauberhafte Anna mache ich gerade Theater-Wochen. Am vergangenen Mittwoch sahen wir die Buddenbrooks im Thalia-Theater. Die Wieder-Aufführung der John-von-Düffel-Adaption des Thomas-Mann-Klassikers war witzig, schlicht und gelungen. Auf zwei Buddenbrooks-Generationen musste von düffel verzichten. Er konzentrierte sich auf die ökonomischen Zwänge, denen das bürgerliche Leben unterworfen ist. Das war in sich stimmig und klug gelöst, wenngleich die Vielschichtigkeit und breite Anlage des Romans sich nicht auf der bühne fand. Die Schauspieler waren mit enormem Spielwitz dabei und brachten dynamische, kurzweilige, humorvolle und nicht zu nachdenkliche zweieinhalb Stunden Theater auf die Bühne. Sie werden das am 8. Dezember wieder tun

Bedrückender als die Buddenbrooks kam am Samstag Michael Kramer im Ernst-Deutsch-Theater daher. Aber auch bei Gerhart Hauptmann stehen bürgerliche Werte im Zentrum: Pflichterfüllung und Disziplin. Diese fordert der Kunstprofessor Kramer von seinem Sohn Arnold, der sich sein Leben lang dagegen auflehnt und dabei seine Talente verschenkt. Das Scheitern des Sohnes kulminiert in einer unglücklichen Liebe, dem Spott der Gesellschaft und schließlich im Selbstmord des Sohnes. Erst dieser Selbstmord führt zur Reflektion durch den Vater. Uwe Friedrichsen spielt diese viel zu späte Reflektion erschütternd und bewegend. „Michael Kramer“ ist kein schönes, aber ein gutes Stück, das Stoff zum Nachdenken an einem Herbstabend liefert. Vorstellungen finden noch bis zum 15. November statt.

Eine zweite Chance

Viel zu selten erhalten wir eine zweite Chance im Leben. Sowas gibt es nur im Theater. „Wir brauchen Dich“, sagte Jörn mir am Telefon. Ein blinder Laien-Schauspieler war aus dem Projekt ausgestiegen. Seine Rolle war plötzlich unbesetzt. Und jetzt bin ich doch noch dabei und spiele den Leiter einer blinden Schauspieltruppe. Text hab ich nicht so viel. Das Komplizierteste scheinen mir die Auf- und Abgänge zu sein. Das bedarf klarer Ansagen und kluger Koordination. Schließlich müssen sieben blinde und hochgradig sehbehinderte Schauspieler ihre Einsätze und Wege finden. Da geht viel nach Geräusch – von wo kommt die Musik, die Stimmen der anderen Protagonisten – und Gefühl – wo steht in welcher Szene der Hocker, welcher Teil der Bühne wird wann bespielt? Aber bis zur Premiere am 18. September werden die Wege sitzen.

Themenwoche Dorfpunks

Erstaunlich, dass ein Buch wie Dorfpunks etliche Jahre brauchte, um bis zu mir durchzudringen. Viele Freunde hatten es gelesen,

die meisten schwärmend bis nostalgisch. Andere waren enttäuscht, ob der fehlenden Sprachgewalt. Wie dem auch sei: jetzt ist Rocko

Schamoni in meinem Leben angekommen – und das in geballter Form.

Erst liest die liebste Hessin der Welt drei Rocko-Romane am Stück, Dorfpunks laut für mich am Bodensee im Gras, auf der

Blumeninsel Mainau auf einer Bank oder im Zelt liegend. Und ich verstehe, warum Schamoni und Heinz Strunk sich gefunden haben. Wie

in Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ watet Schamonis Humor im modrigen Uferstreifen zwischen Groteske und Grausamkeit. Beide

Autoren haben einen untrüglichen Blick für das Komische, das in der bösen und tristen Welt des Alltags schlummert. In Dorfpunks

verarbeitet Schamoni seine rebellische Landjugend in Schleswig-Holstein: mit Alkohol-Gelagen, plumper Zerstörungswut,

Gewalt-Exzessen und wohl behüteter Auflehnung gegen unerträglich wohlige Behütung. Gut, Charaktere und Szenen stehen häufig etwas

unvermittelt nebeneinander. Wie im echten Leben fehlt es so manches Mal an Stringenz. Und Schamoni ist nicht so böse und so

wortgewandt wie sein Studio-Braun-Companion Strunk. Nichtsdestotrotz: Schamonis Erinnerungen und Geschichten sind liebevolle

Abrechnungen mit der eigenen Jugend, mit jugendlicher Rebellion allgemein, so dass ich die Fortsetzung der Privatlesung kaum

erwarten kann.

Und wie es der Zufall so will, hatte Tante Trevor Theater-Karten für das Schauspielhaus. Gegeben wurde die Inszenierung von

Dorfpunks. Und was die drei Studio-Braun-Jungs (neben Schamoni und Strunk gehört der brutal-rauhe Jacques Palminger zum Trio) da

auf die Bühne gebracht haben, das war famos, grandios, surreal. Der Originaltext war nur in vielleicht drei, vier Szenen erkennbar,

die Handlung war beinah brechtesk gebrochen. Und – nicht gerade zuletzt – es war ein faszinierend bitterer, mystischer und

humorvoller Abend.

Nicht so bitter, dafür einfach mal schön war schließlich Teil 3 meiner Themenwoche Dorfpunks. Vor gut einer Woche quälten wir

uns vom Golden-Pudel-Club, durch den Schlagermove in einen Bus Richtung Ostsee. Es ging nach Behrendsdorf zu den

Pudelseefestspielen. Das Prinzip war denkbar einfach und daher so genial: man nehme die Crème de la Crème der Pudel-DJ’s und

-Musiker, stelle sie zusammen mit Studio Braun auf eine Bühne in ein Festzelt auf einer Wiese hinterm Deich, serviere dazu

Fleischmassen vom Highland-Rind und hektoliterweise Festzelt-Plörre-Pils und habe einen feinen Tag am Meer. Zwischendurch gingen

wir frohgemut an den Strand und in das Meer (leider nur mit den Füßen, ärgerlicherweise hatte keiner von uns ein Handtuch,

geschweige denn Badeklamotten dabei). Die Sonne schien, die Beats trieben, der gnadenlose Studio-braun-Humor drosch geballt auf das

Publikum ein, Heinz Strunk groovte mit seinem Sax und seiner Flöte wie ein junger Gott. Die Sonne schien, die Schafe blökten, so

(ent)spannend kann das Leben sein, wenn Widersprüche für einen Tag aufgehoben werden.

Links zum Thema

Rockos Homepage: http://www.rockoschamoni.de/

Rocko im Interview mit der FAZ: ht

tp://www.faz.net/s/Rub4521147CD87A4D9390DA8578416FA2EC/Doc~E9EC4814E3BDA4A7BB6A324F8B1181627~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Alles zum Buch Dorfpunks: http://www.single-generation.de/pop/rocko_schamoni.htm

Golden Pudel Club: http://www.pudel.com

Eindrücke von den Pudelseefestspielen: http://weltdeswissens.wordpress.com/2008/07/06/pudelseefe

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