Zwei Hafen-Geburtstage

Hafen-Geburtstag ist eigentlich nicht so meine Welt. Zugegeben: auch ich hab mich schon mal mit Freunden durch die Menschenmassen drücken lassen, um ein Konzert zu sehen oder am Rande des alkoholisierten Treibens im Park Fiction einen Geburtstag zu feiern. Über eine Millionen Besucher auf engstem Raum, das ist trotzdem entbehrlich. Es hatte aber durchaus etwas, am Freitag Nachmittag mit der Fähre nach Övelgönne zu schippern und danach am Elbstrand zu sitzen: ständig fuhren Kreuzfahrt-, Container- und Segelschiffe an Sarah und mir vorbei. Die Hupen tönten mal hoch, mal vibrierend tief, mal kurz, mal lang. Salut-Schüsse donnerten über den Strand. Dazu schlugen die Elbwellen mal leise, mal laut ans Land. Und die Sonne rief: „Genieße das Leben!“

Noch eindringlicher tat sie dies am Samstag. Tante Trevor, Michi und ich fuhren mit dem Zug an die Ostsee. Das ist ein grandioser Vorteil, den Hamburg gegenüber vielen anderen Städten zu bieten hat: Man ist in eineinhalb Stunden am Meer. Schon als wir in Travemünde ausstiegen rochen wir die klare, leicht salzige Luft. Die Sonne strahlte auf unsere Creme-verschmierte Haut. Ein leichtes Lüftchen sorgte für Frische. An der Steilküste liefen wir nach Niendorf. Es war herrlich, dort barfuß durch den Sand zu stapfen und mit den Zehen den ersten Kälteschock am Meeresrand zu erleben. Aber nach knapp zwei Stunden Braten in der Sonne, mit der einzigen Sorge, wie rum man sich denn nun hinlegt, waren wir reif für das Meer. 16-19 Grad hat die Ostsee zurzeit. Und es war archaisch schön, das Meer auf der Haut zu spüren, unbeschwert herumzuplantschen und das Hier und Jetzt zu zelebrieren. Nur ein Mensch fehlte, dann wäre der Augenblick perfekt gewesen. Als Krönung noch ein frisches Krabbenbrötchen, einen Bummel über den Niendorfer Hafengeburtstag (nicht ganz so voll wie sein Hamburger Pendant, aber auch nicht ganz so ausgelassen), einen Spaziergang zum Timmendorfer Bahnhof und schließlich entspannt und zufrieden mit dem Zug nach Hamburg und mit zwei Flaschen Rotwein an die Alster. Als ich gegen Mitternacht nach Haus kam, war ich insgesamt gut neun Stunden unter freiem Himmel gewesen. Und ich habe den Verdacht, da gehört der Mensch auch hin.

Frühling in Hamburg

Wie wundervoll Hamburg ist, merke ich besonders, wenn es Frühling wird. Und Frühling wird es in diesen Tagen endlich. Die Vögel durchdringen die Stadt mit ihrem Gezwitscher und übertönen – scheinbar spielend – den Lärm der Autos. Im Stadtpark weht der mal sanfte, mal fordernde Wind durch vollere Baumkronen, deren Rauschen immer kräftiger wird. Die Erde duftet nach Leben und Zukunft. Am Hafen strömen Hunderte auf die HVV-Fähren, um immer wieder von den Landungsbrücken nach Finkenwerder und zurück zu fahren und an Deck die Sonne zu genießen. Das Hupen der Dampfer, das Rauschen der Elbwellen, die Gischt auf der Haut, lassen die zarten Pflanzen der Hoffnung und Sehnsucht um so schneller wachsen. Auf den Steinen am Elbstrand zu sitzen, während sich Wolken und Sonne abwechseln – so wie Tränen und Lächeln – ist in dieser Jahreszeit wundervoll. Im Frühling liegt noch nicht die Sattheit eines heißen Grilltages auf den Gemütern der Stadtbewohner, sonder die Leichtigkeit eines langen Spaziergangs. Wenn doch nur immer Frühling wär…

Mein verlinktes Hamburg

Es soll ja wirklich sympathische Menschen geben, die Hamburg noch nicht kennen. Kündigt sich ein solcher Besuch aus der Ferne für ein Wochenende an, steht der Einheimische vor der Frage: Was zeige ich in zwei Tagen? Was muss man gesehen haben? Beschränke ich mich auf mein Hamburg oder machen wir, was die Reiseführer für unablässig erachten?

Bleiben wir hier einmal bei meinem Hamburg: Sollte der obligatorische Spaziergang einen Teil des Alsterwanderwegs entlang führen, der über mehr als 30 Kilometer vom waldigen Schleswig-Holstein durch die Alstertäler in die Innenstadt und zum Hafen führt? Oder flaniert man an der Elbe entlang, wo die gediegenen Häuser über bunten, duftenden Gärten und dem Elbstrand thronen? Und wo wird bei Sonnenschein gechillt? Auf einer der kleinen Stadparkwiesen oder in einem Café mit Alstersteg? Ach ja, Essen muss man auch noch: holt man sich frisches Obst und Gemüse, Würstchen vom Bioschlachter, würzigen Käse und betörend duftende Kräuter auf dem Goldbekmarkt, dem wahrscheinlich schönsten Wochenmarkt Hamburgs, direkt am Kanal gelegen? Oder isst man zünftig im Niewöhner, das zurecht seit beinah 90 Jahren seinen Platz in der Gertigstraße behauptet? Oder einfach mal McDonalds, Burger King oder einen Döner? Ist ja alles überall verfügbar.

Und richtig unübersichtlich wird es am Abend. Beginnt man den Abend kuschelig mit einer DVD daheim bei Chips und Gintonic, oder besucht man das Joy in Uhlenhorst, vollkommen zurecht meine Stammkneipe seit 1994? Und dann auf die Sternschanze ins Le Fonque oder in den Konsum, um anschließend im Grünen Jäger abzurocken? Vielleicht aber auch – ganz traditionell – der Kiez: Vielleicht ins Molotow und die Meanie-Bar auf der Reeperbahn oder Sorgenbrecher und Barbara-Bar auf dem Hamburger Berg. Oder man verbringt die Nacht auf einer Datscha-Party. Die Partys mit russischer, ost- und südost-europäischer Livemusik und exzellenten DJ’s sind momentan die extatischsten und tanzbarsten Abende in Hamburg.

Hamburgs Auswahl könnte einen Gastgeber wirklich überfordern. Eigentlich ist aber ja das Gegenteil richtig: man kann hier nichts falsch machen. Erstrecht nicht, wenn der Besuch aus der Ferne so sympathisch ist und gar nicht Hamburg, sondern er die Hauptrolle an diesem Wochenende spielen wird.