Perspektiven (2): „auf das Niveau von Tieren heruntergezogen“

Darf man blinde und sehbehinderte Menschen als Tiere darstellen, um damit Spenden zu sammeln? Das Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich ist diesen Schritt gegangen. In ihm leben überwiegend Senioren, die häufig durch altersbedingte Augenerkrankungen wie Makuladegeneration sehbehindert werden. Mit dem provokativen Spot wird auf zurückgehende staatliche Unterstützung reagiert, berichtet Christina Neuhaus in der NZZ vom 20.11.:

Die Geschichte mit dem Huhn führt weit zurück in die Vergangenheit. Sie führt in ein kleines deutsch-ungarisches Dorf in Transnubien. Frau H. war damals noch ein kleines Mädchen. Ihre Mutter hielt sich eine Glucke, die liebevoll und aufopfernd Generationen von kleinen Küken auszubrüten pflegte. Wenn Frau H. von diesem Huhn erzählt, glänzen ihre Augen, und sie breitet ihre Hände aus, um zu zeigen, mit wie viel mütterlicher Liebe dieses Huhn seine Flügel zu spreizen pflegte, wenn es seine Kinder um sich scharte. (…) Für Frau H., die heute im Blindenwohnheim Mühlehalde in Zürich lebt, war es deshalb selbstverständlich, dass sie in einem kurzen Werbefilm, den das Heim drehen liess, das Huhn spielen wollte. Andere verkörperten Pandabären oder Löwen. Im Abspann des oft gezeigten TV-Spots steht zu lesen: «Für Tiere wird in der Schweiz viel Geld gespendet. Für Blinde jetzt hoffentlich auch.»

Viele blinde und sehbehinderte Menschen fühlen sich durch den Spot diskriminiert und herabgesetzt. Sie wollen nicht als Mitleidheischende Randgruppe, sondern als vollwertige und selbstständige Bürger wahrgenommen werden. Bereits am 13. November zitierte die NZZ in einem Artikel aus empörten Leserbriefen von Betroffenen:

Während die Verantwortlichen mit dem Film zur Nachdenklichkeit anregen wollen, sehen viele Betroffene im Gezeigten eine Geschmacklosigkeit. Blinde Menschen würden auf das Niveau von Tieren heruntergezogen, schreibt Leu. Dabei sei der grösste Teil der blinden Menschen in der Schweiz erwerbstätig und führe ein eigenständiges Leben. Die meisten Blinden seien deshalb weder auf die Fürsorge eines Blindenwohnheims noch auf Spendengelder angewiesen. Der mitleidheischende Spot sei deshalb nur beschämend.

Ähnlich umstritten wie der Schweizer Werbespot dürfte auch die neue britische TV-Realsatire „Cast Offs“ sein, von der Wolfgang Koydl am 16.11. auf Jetzt.de berichtet. In dem Format werden sechs behinderte Menschen – darunter ein blinder Mann – auf einer einsamen Insel ausgesetzt.

Denn die sechsteilige Serie will nebenbei zum ersten Mal zeigen, dass Behinderte „nicht mehr und nicht weniger am Arsch sein können wie jeder andere auch“, wie Joel Wilson, einer der Produzenten, es drastisch formulierte. Bislang habe das Fernsehen Menschen mit Behinderungen entweder als „verbittert“ oder als „tragische Opfer“ gezeigt. Er hoffe, dass „Cast Offs“ zu einem unverkrampften Umgang mit Behinderten führt. „So was hat man nie im Fernsehen gezeigt“, sagte die Schauspielerin Victoria Wright. „Man zeigt uns als Erwachsene, die trinken, fluchen und Sex haben. Ich bin sicher, dass viele Leute sagen werden: Ach du meine Güte, ich wusste gar nicht, dass Behinderte so was tun.“

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

HörBIZ: 20 Jahre Hilfe für schwerhörige Menschen

Der Austausch zwischen Behinderten in Deutschland ist ausbaufähig. Viel zu häufig kocht jede Gruppe ihr eigenes Süppchen, dabei gibt es gemeinsame Interessen. Hör-, seh-, geh- und geistigbehinderte Menschen kennen alle das Gefühl des Ausgegrenztwerdens. Sie profitieren alle von Barrierefreiheit. Und sie spüren Sozialeinschnitte, wie sie in Hamburg angekündigt werden, besonders stark. Es gibt Zusammenschlüsse, so zum Beispiel die Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen in Hamburg. Es existieren aber auch viele Berührungsängste. „Wie kann ich als blinder Mensch mit einem hörbehinderten Gegenüber kommunizieren?“, das fragen sich Manche, und statt es auszuprobieren, lassen sie es lieber sein. Und manchmal ist es bei einigen Betroffenen eine Abgrenzungsstrategie nach dem Motto „So behindert wie die Spastiker bin ich ja nicht“.

Um so mehr freute ich mich über die Einladung zur Feierstunde 20 Jahre HörBIZ. Das Hörberatungs- und Informationszentrum ist eine Beratungsstelle für schwerhörige Hamburgerinnen und Hamburger. Redner von Sozialbehörde und Paritätischem Wohlfahrtsverband sprachen bei der Feier, eine Gruppe schwerhöriger Jugendlicher trommelte. Angebote wie das HörBIZ in der Wagnerstraße (übrigens im ehemaligen Gebäude des Blindenvereins) sind enorm wichtig. Ambulante Beratung, die behinderten Menschen mehr Selbstständigkeit ermöglicht, ist in der Regel stationärer Pflege, Heimen, Sonderschulen und Anstalten vorzuziehen. Bleibt zu hoffen, dass die politischen Zusagen für das HörBIZ nicht nur Lippenbekenntnisse sind und die Finanzierung auch in den kommenden 20 Jahren gesichert bleibt.

Ein Herz für Blogs

Heut hat die Web2.0-Welt ein Herz für Blogs. Das ist in Zeiten von Twitter ja schon oldschool, vielleicht gerade deswegen so charmant. Ich empfehle die folgenden Blogs:

  • Biopolitik – wegen der ungewohnten Denkweisen und der zu unrecht vernachlässigten Themen rund um Behinderung.
  • 49 Suns – Wegen der formidablen Rock-Expertise und eines fantastischen Musikgeschmacks.
  • Indiskretion Ehrensache – wegen der spitzen Feder und der gnadenlosen Bestandsaufnahmen.
  • J.A. Blog – Wegen der klugen Gedanken und des Mutes zum geschriebenen Wort
  • Menschenbilder – Wegen der literarischen Form und des reflektierten Inhalts.
  • PR-Blogger – Wegen der vielen nützlichen Web2.0-Tipps und des modernen PR-Verständnisses.

Wie soll sein Schnitt?

Friseur-Besuche können doch sehr ernüchternd sein. Ich meine nicht den entstandenen Haarschnitt, sondern dass ich dort einmal mehr mit dem Bild konfrontiert wurde, das ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft von blinden Menschen hat. Eigentlich habe ich bei „Gute Köpfe“ meist positive Erfahrungen gemacht: die MitarbeiterInnen boten mir ihren Arm an, begleiteten mich durch den wuseligen, mit hipper Musik beschallten Laden und plauderten ein Wenig mit mir. Mit den Frisuren war ich auch immer zufrieden. Aber letzten Freitag – wie schon auf Twitter verkündet – war es bizarr. Als ich auf dem Stuhl Platz genommen hatte, legte mir die Friseurin den Umhang um und ging schnurstracks zu meiner Freundin.

„Wie soll sein Schnitt?“, fragte sie Anna.

„Fragen Sie ihn“, antwortete diese.

Verwirrt und etwas unsicher kam die Gute-Köpfe-Dame zu mir. „Ich dachte, Du wärst blind.“

„Das bin ich auch“, antwortete ich, „trotzdem kannst Du mich fragen.“

Nachdem ich ihr beschrieben hatte, was ich wollte, sagte sie kein Wort mehr. Bis sie mich fragte, ob ich einmal anfassen möchte, ob es so okay sei. „Geht doch“, dachte ich.

Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen ist ganz normal. Ich selbst bin zum beispiel oft nervös, wenn ich mit geistigbehinderten Menschen spreche. Aber sollte es nicht selbstverständlich sein, dass wir dann fragen stellen, undzwar dem betroffenen und nicht seiner Begleitung. Ich war beim Friseur und wollte einen neuen Haarschnitt. Da werde ich doch wohl auch wissen, was ich möchte. Zumal man Haarschnitte ja nun wirklich fühlen kann. Stattdessen werden behinderte Menschen viel zu häufig nicht auf einer Augenhöhe betrachtet.

Gerade in Deutschland sehen viele Menschen in uns hilflose, hilfebedürftige und unselbstständige Wesen. Ich erlebe es immer wieder: in der U-Bahn, bei Ärzten und in Geschäften. Ich möchte nicht wie ein Kind behandelt werden. Das ist doch wohl das Mindeste, was behinderte Menschen sich wünschen dürfen. Für die Selbsthilfe-Organisationen – wie dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg – gibt es da noch viel an Öffentlichkeitsarbeit zu tun, um das Behinderten-Bild in Deutschland Stück für Stück zu modernisieren. Und auch jeder Einzelne ist gefordert, den Mund aufzumachen, auch wenn es Kraft kostet. Denn in der Regel ist es kein böser Wille, der hinter dem verhalten der nichtbehinderten Mitbürger steht. Es ist einfach Unwissenheit. Und die muss weg!

Schön, dass es meistens aber anders ist. Beim Curry-Grindel fragte mich der Chef nach meinem Friseur-besuch: „Haben Sie großen Hunger?“ Ich sagte ja. „Na, Sie sehen ja jetzt nicht, was ich hier tue“, sagte er lachend und schaufelte mir dabei einen gewaltigen Pommes-Berg auf den Teller. Ich lachte mit ihm.