In Hamburg-Altona gibt es Streit. Der Bezirk möchte die Zahl der Aufstellschilder vor Geschäften reduzieren. Die Begründung: die Schilder versperren Personen mit Kinderwagen und blinden Menschen den Weg. In der vergangenen Woche rief mich ein Journalist an: „Ich kann mir das nicht vorstellen, dass die stören“, sagte er mir. Doch, das tun sie. Insbesondere wenn sie nicht direkt vor dem Geschäft, sondern mitten auf dem Bürgersteig stehen. Wie oft schlage ich mit meinem weißen Stock gegen diese Hindernisse – wenn es gut läuft. Wenn es schlechter läuft, dann stehen sie so, dass nicht mein Stock gegen sie stößt, sondern mein Ellbogen oder Knie. „Aber man muss doch abwägen“, gab der Medienkollege zu bedenken, „die Interessen der wenigen Blinden und das Informationsbedürfnis von zwei Millionen Hamburgern.“ Man kann sicher über den Informationsgehalt von vermeintlichen Sonderangeboten streiten. Und 3000 blinde und weit über 40.000 sehbehinderte Hamburger sind auch kein Pappenstiel. Und deren Interessen vertrete ich. Daher: Ich freue mich über jedes Schild, über jedes Hindernis, über jede Barriere, das oder die von Hamburgs Bürgersteigen verschwindet.
Autor: Heiko Kunert
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Zynische Sozialpolitik: Mecklenburg-Vorpommern kürzt Blindengeld
Blindengeld bleibt ein politischer Dauerbrenner: In Niedersachsen stieg die Leistung leicht, der Thüringer Blinden- und Sehbehindertenverein kämpft für eine Erhöhung im Schlusslichtland, von europäischer Seite gibt es Bedenken, ob die Kleinstaaterei beim Nachteilsausgleich rechtens ist. Und in Mecklenburg-Vorpommern hat der Landtag heute eine dramatische Leistungskürzung um 20 prozent beschlossen. Um den Haushalt zu sanieren, wird im Nordosten im sozialen Bereich gespart. Dabei hatte die vermeintlich kleine Gruppe der blinden und sehbehinderten Menschen enorme Schlagkraft bewiesen: Demonstrationen, Mahnwachen, Unterschriften-Aktionen und Gespräche mit Politikerinnen und politikern wurden auf die Beine gestellt. Leider konnte die Kürzung nicht verhindert werden. Immerhin aber konnten die 40prozentigen Streichungspläne des Sozialministeriums reduziert werden. Dass sich SPD und CDU die geringere Kürzung nun auf ihre sozialpolitischen Fahnen schreiben, ist allerdings mehr als zynisch. DBSV-Inform schreibt zum heutigen Landtagsbeschluss:
„acht Monate lang hat der Blinden- und Sehbehinderten-Verein Mecklenburg-Vorpommern (BSVMV) intensiv gegen die geplante Kürzung des Landesblindengeldes gekämpft. Heute fiel die Entscheidung: Der Schweriner Landtag verabschiedete in zweiter Lesung die Kürzung von 546,10 Euro auf 430 Euro im Monat. Dabei stimmten 36 Abgeordnete für und 28 gegen das neue Landesblindengeldgesetz, das zum 1. Mai 2009 in Kraft treten wird.
Nachdem sich der Koalitionsausschuss Ende Januar darauf verständigt hatte, die geplante Kürzung von 40 auf 20 Prozent zu reduzieren, war das Ergebnis der heutigen Landtagssitzung abzusehen. Trotzdem hatte der BSVMV noch einmal zum Protest aufgerufen. Rund 100 blinde und sehbehinderte Menschen versammelten sich heute früh zu einer Mahnwache vor dem Schweriner Schloss, um die Abgeordneten daran zu erinnern, dass sie bei der Abstimmung allein ihrem Gewissen verpflichtet sind.
Betrachtet man allein die Zahlen, sieht das Ergebnis des Blindengeldkampfes in Mecklenburg-Vorpommern wie ein Kompromiss aus. Die Enttäuschung bei den Vertretern der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe ist trotzdem groß. „Am Ende ging es der Landesregierung nur noch darum, unbeschadet aus dem Blindengeldkampf herauszukommen. Mit großer Enttäuschung müssen wir erkennen, dass es sich um eine rein politische Entscheidung handelt, die nicht mit nachvollziehbaren Gründen belegbar ist“, erklärt Gudrun Buse, Landesvorsitzende des BSVMV. Und auch Renate Reymann, Präsidentin des DBSV, beklagt: „Es entsteht der bittere Beigeschmack, dass wir nur Statisten sind im politischen Theaterstück „Wie es uns gefällt“. Wir werden uns weiter gegen jede Politik der sozialen Kälte zur Wehr setzen und auch nach neuen Wegen suchen, um den Nachteilsausgleich für blinde und sehbehinderte Menschen abzusichern.““
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Wellen der Hoffnungslosigkeit
Während sich weltweit Pärchen bei Candlelight und romantischem Essen mehr oder minder verliebt in die Augen sahen, haben die bezaubernde Anna und ich am Valentinstag lieber „Breaking The Waves“ geguckt. Der Film des Dänen Lars von Trier lässt mich seitdem nicht mehr los. Immer wieder drängen sich Sequenzen und Stimmungen des Streifens in meine Gedanken und Träume – und immer sind sie düster. Der Film bedrückte mich, beengte mich, mir wurde beim Sehen schlecht, ich wollte ausmachen. Und doch haben wir weitergeschaut, gnadenlos, erschütternd. Eine naive Frau liebt ihren Mann. Sie liebt ihn gegen alle Widerstände ihrer christlich-fundamentalistischen Dorfgemeinde. Sie liebt ihn, als er durch einen Unfall vom Hals an gelähmt ist. Sie liebt ihn, als er von ihr verlangt, mit fremden Männern zu schlafen. Sie erniedrigt sich aus Liebe und bleibt doch die Erhabene, weil sie liebt. Aber man ahnt schon früh, dass ihre bedingungslose Liebe scheitern wird. Sie stirbt, von brutalen Männern getötet, von der Kirche verstoßen, von der Mutter geächtet. Ist es die Gnadenlosigkeit, die brutalität des Films, die mich so erschüttert? Ist es die Verlustangst der Protagonistin? Ist es die Enge von familie, Dorf und Doppelmoral? Ja, vielleicht. Darüber hinaus ist es aber auch ein Unbehagen gegen den Film an sich, gegen seine Hoffnungslosigkeit. Eine Ahnung von Hoffnung gibt es nur in der leidenden Hingabe und im Tod, wenn am Ende von „Breaking the Waves“ die Glocken wie aus dem Nichts überm Meer erklingen und für die Heldin läuten.
„Ich brauch doch Hoffnung“, rief vorgestern Marco, eine Figur aus „Vorstellungen“ aus, einem stück im Hamburger Schauspielhaus. Marco ist Regisseur. Er will Shakespeares Versepos „Venus und Adonis“ auf die Bühne bringen. Er schreibt den tragischen Stoff um, eben weil er die Hoffnung braucht – privat wie als Künstler.
Und genau das habe ich auch während der über zweieinhalb „Breaking The Waves“-Stunden immer wieder gedacht: „Wo bleibt denn hier die Hoffnung, der gute Mensch?“ Wenn Lars von Trier sagen wollte, dass es das gute fast nicht mehr gibt, dass es nur noch als Nadel in einem Heuhaufen des Bösen zu finden ist, dann ist ihm das sehr eindrücklich gelungen. Mut machte der Film aber nicht. Die Wellen brechen über dem Zuschauer zusammen, und der bleibt ertrunken in Hoffnungslosigkeit zurück.
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„Ob der im Dunkeln immer so ungeschickt ist?“
Was für ein wochenende. Über fünfzehn Stunden im Zug. Wenig Schlaf. Anspannung vor der Theater-Aufführung, Unsicherheiten während des Stücks. Zweifel, ob sich der Aufwand lohnt. Langanhaltender Applaus. Gestern haben wir „Blindfische und Sehfische“ in Leipheim / Bayern gespielt. Ich könnte jetzt über den unbekannten Raum, seine acht Holzsäulen, die schallschluckende Akustik, den mit 120 Zuschauern mehr als ausverkauften Zehnstadel schreiben. Oder über die Nervosität im Team. Oder über den tollen, offenen Umgang zwischen blinden Laien und sehenden Profi-Schauspielern. Das tue ich aber nicht, sondern verlinke lieber auf die Kritik in der Augsburger Allgemeinen.