Neujahrsgruß: Von Knallkörpern und Kindheitserinnerungen

Das Knallen der Feuerwerkskörper schallt nur noch selten durch die Stadt. Aus den ekstatisch „Frohes neues“-rufenden Menschen sind verkaterte im Bett-Lieger oder ruhige im-Stadtpark-durch-den-Schnee-Spazierer geworden. Die gestern noch so eingeschüchterte Katze hat den Lärm der Böller längst vergessen und tollt wieder unbeschwert durch die Wohnung. Das alte Jahr, die erste Dekade dieses Jahrtausends ist Vergangenheit. Wir lassen Dinge und Erlebnisse zurück, blicken voller guter Ideen und Vorsätze in die Zukunft. Das Leben liegt wieder vor uns, ein neuer Kalender wird an die Wand gehängt, ein neues Ganzes beginnt, noch vollkommen unberührt. Wir haben in 2011 noch keine Fehler machen können. Wir gestalten das neue Jahr, hoffentlich so, wie wir es uns wünschen: erfolgreich, glücklich, kreativ und inspirierend.

Mein Silvester war ruhig, auch ein wenig nachdenklich. Dennoch tobte vor der Tür das Leben, wie Sie hier hören können. Es heulte, zischte und knallte – mal leise, mal ohrenbetäubend laut. Schon viele Sehende haben Respekt vor Knallkörpern. Für mich als blindem Menschen ist der Schreck manches Mal noch größer, da ich schlechter einschätzen kann, von wo der Knall kommen wird oder kam. War es direkt neben mir oder fünf Meter entfernt? Laufe ich gerade durch die Schussbahn oder werden die Knallenden schon Rücksicht auf mich nehmen? Sprich: Ich könnte gut auf das allgemeine Geballer verzichten – zumal auf Feuerwerkskörper in den Händen sturzbetrunkener Menschen.

Dennoch hat die Soundkulisse an Silvester für mich auch eine andere Seite: Sie steht für das Ritual des Jahresabschiedes und für den Neuanfang. Sie erinnert mich an ausgelassene Feiern mit Freunden und vielen lieben Menschen und an meine Kindheit. Silvester war bei uns immer ein sehr fröhliches und unbeschwertes Fest. Und ich erinnere mich an die bunten Farben am Himmel. Ich bin mit sieben Jahren erblindet und erinnere mich an einige Dinge und Menschen, die ich als Kind gesehen habe. Raketen und Leuchtkugeln gehören dazu. Wahrscheinlich ist Hamburgs Himmel um Mitternacht heute viel bunter gewesen als Anfang der 80er Jahre im dörflichen Hemmoor. Für mich sah er heute Nacht aber ein bisschen so aus.

Ich wünsche Ihnen, liebe Blind-PR-Leserinnen und -Leser, dass Sie die guten Erinnerungen auch in 2011 bewahren und Sie Unerfreuliches hinter sich lassen können, dass Sie 365 glückliche, zumindest bereichernde Tage vor sich haben und Sie Ihr Leben nach Ihren Wünschen gestalten können. Bleiben Sie gesund. Frohes neues Jahr!

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

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