Ein leider nicht alltäglicher Filmabend

Ergänzt am 14.03.08)

Heute wird in Berlin der Deutsche Hörfilmpreis vergeben. Hörfilme enthalten eine Beschreibung für blinde und sehbehinderte Zuschauer, die sog. Audiodeskription. In den Dialog-Pausen erläutert ein Erzähler die nonverbale Handlung, beschreibt Aussehen, Mimik und Gestik der Akteure. Auch wenn Sie gelegentlich den sehenden Zuschauer verärgern, der nicht herausbekommt, wie er den Zweikanalton an seiner Fernbedienung ausstellt, sind Hörfilme fantastisch. Sie sind gelebte Barrierefreiheit und Integration. Und nicht zuletzt sind sie eine eigenständige Kunstform.

Seit Jahren unterstützt Schauspieler Mario Adorf das Medium Hörfilm. Zufällig spielte er die Hauptrolle in dem letzten Hörfilm, den ich gesehen habe. In „Epsteins Nacht“ spielt er einen KZ-Überlebenden, der unter eigenen Schuldgefühlen leidet. In seiner innigen Freundschaft zu den Brüdern Rose, mit denen er die Lagervergangenheit teilt, liegt eine verstörende Menschlichkeit und die ganze Tragik der NS-Opfer. Dass die Täter die Opfer wieder zu Tätern machten, thematisiert dieser Film bewegend. „Epsteins Nacht“ lebt von seinen Schauspielern. Bei Filmen im Originalton können auch blinde Menschen beurteilen, ob die Schauspieler überzeugen. Sonst sind wir auf professionelle Synchronisation angewiesen. Apropos Stimme: den Hörfilm-Text spricht bei „Epsteins Nacht“ Iris Berben. Sie trifft den Ton des Filmes, ruhig und ernst beschreibt sie die hilflosen Gesten Epsteins, das Berlin der Gegenwart und das Grauen der KZ-Szenen. Ich bin froh, die DVD ausgeliehen zu haben. Zumal auf ihr auch die Menüs vorgelesen werden, ebenso das schriftliche Interview-Material im Bonus-Bereich. Und die Kapitel-Liste liegt sogar in Blindenschrift bei. So war auch für mich ein Abend lang das Filmerlebnis etwas ganz alltägliches. Möge der Hörfilmpreis für noch mehr Produktionen wie „Epsteins Nacht“ sorgen.

Links zum Thema

Die Berliner Zeitung über die Preisverleihung: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/berlinberlin/732544.html

Deutscher Hörfilmpreis: http://www.deutscher-hoerfilmpreis.de/

International Movie Data Base über „Epsteins Nacht“: http://german.imdb.com/title/tt0285547/

Tina Manske lobt „Epsteins Nacht“: http://www.filmhai.de/kino/film/0001/epsteins_nacht.php

Ulrich Behrens verreißt „Epsteins Nacht“: http://www.filmzentrale.com/rezis/epsteinsnachtub.htm

Autor: Heiko Kunert

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind.

3 Kommentare zu „Ein leider nicht alltäglicher Filmabend“

  1. jaaa…da werd ich doch mal mit offenen augen durch die bücherhallen wandern…muss doch noch mehr davon geben…
    achja, ich schreib anonym, weil internet will mein passwort nicht…

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  2. Ich weiß wir haben darüber schon gesprochen aber ich möchte es doch noch einmal hier verschriftlichen:
    Der Film “ Das leben der Anderen“ ist ein wirklich toller Film, der auch mir als Sehende sehr gut als Hörfilm gefallen hat. Durch den Hörfilm wurden mir ein paar Aspekte näher gebracht, die ich schlicht und einfach beim ersten Sehen des Films übersehen hätte. Mein Mann, der auf die Hörbeschreibung angewiesen ist, konnte den Film zeitgleich mit verfolgen und war nicht auf meine Beschreibung angewiesen.So war es für uns beide ein ganz anderes Gefühl zusammen einen Film „zugucken“. Schade nur, dass es diese Möglichkeit nicht bei jedem Film gibt.

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  3. Hallo anonyme Sarih,
    konnte mir – Deinen offenen Augen sei Dank – inzwischen ja auch „Maria Braun“ als Hörfilm anschauen. Die Hörfilm-Beschreibung war qualitativ – wie fast immer – tiptop. Der Film selbst war aber ganz schön anstrengend und bedrückend.

    Hallo Anonyme Tante Trevor,
    „Das Leben der Anderen“ werd ich mir bei nächster Gelegenheit mal reinziehen. Hat ja immerhin einen Oscar gekriegt…
    Schöne Grüße an Deinen Mann,

    Euch grüßt, Heiko

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