Berührungsängste: Tausend Worte können schön sein

Berührungsängste zwischen Behinderten und Nichtbehinderten sind häufig. Im Nachgang zu meinem Post über den Umgang mit behinderten Menschen wies mich Christian Ohrens via Twitter auf einen seiner Texte hin, den ich Ihnen gern ans Herz legen möchte. In ihm stellt der Autor seine Vorschläge vor, wie Berührungsängste gegenüber blinden Menschen abgebaut werden können. Er schreibt u. A.:

Die Tatsache, dass vieles in der menschlichen Kommunikation über Blickkontakt, Mimik und Gestik abläuft, trägt indirekt natürlich auch dazu bei, dass ein Ansprechen (beispielsweise auf einer Party) nicht stattfindet oder stattfinden kann, weil es im Vorfeld keine nonverbale Kommunikation via Augen-Blicke gegeben hat – und gezielt auch nicht geben kann.

Man kann also nur wissen, ob jemand Hilfe benötigt, ob jemand einer Unterhaltung nicht abgeneigt ist, ob man etwas fragen darf und so weiter, wenn man die Person wirklich anspricht. Auch wenn dies beim ersten Mal Überwindung kostet und vielleicht beim Angebot von Hilfe ein „Nein“ zurück kommen könnte, wer weiß, was eine zweite blinde Person antworten wird. Dies gilt ja nicht nur im Bezug auf Blindheit.

Und noch ein Wort zur nonverbalen Kommunikation und Blindheit. Was gesagt werden soll, kann man auch wirklich sagen und in Worte fassen, auch wenn viele der Meinung sind, dass ein Blick mehr als tausend Worte sagt, obwohl diese tausend Worte doch auch sehr schön sein können, oder?

Den vollständigen Artikel finden Sie auf christian-ohrens.de.

Bürokratie statt Arbeitsplatz: „Ich könnte vielen Frauen helfen“

Arbeitsplatz und Sehbehinderung scheinen in Deutschland beinah unvereinbar. Vorurteile bei Arbeitgebern, bürokratisches Wirrwarr und unflexible Sachbearbeiter sind einige Ursachen dafür. Janine Zehe hat ihren Traumberuf gefunden, kann ihn aber nicht ausüben. In einem Gespräch mit mir beschreibt die blinde Frau ihren Werdegang und ihre Erfahrungen bei der Jobsuche und mit der Arbeitsagentur.

Janine Zehe
Janine Zehe

Heiko: Janine, magst Du den Blind-PR-Lesern ein bisschen über Dich erzählen, wie alt Du bist, wodurch Du erblindet bist, was Du in Deiner Freizeit so treibst?

Janine: Hallo! Ja gern. Also ich bin 30 Jahre alt, seit meiner Geburt durch einen Gendeffekt blind. Davon habe ich mich allerdings nie einsperren lassen. Seit meinem 9. Lebensjahr reite ich, wenn das Geld es mir gestattet, mehr oder weniger regelmäßig. Außerdem gehe ich sehr gern segeln, mit Freunden ins Kino, Bars, auf Konzerte(Deutschlandweit auch ohne Begleitung), ins Theater, einfach aus. Dazu bin ich passionierte Schauspielerin und Sängerin, spiele seit zwei Jahren in einer Hamburger Theatergruppe, bestehend aus blinden und sehenden Schauspielern, mit. Außerdem liebe ich es, Gedichte zu schreiben, zu kochen und spazieren zu gehen. Auch Hörspiele und deren Live-Präsentationen vor der Veröffentlichung oder auch danach sind meine große Leidenschaft.

Heiko: Blinde Kinder kommen heutzutage immer häufiger auf Regelschulen. Zu Deiner Zeit war das die absolute Ausnahme. Wo bist Du zur Schule gegangen und wie fällt im Nachhinein Dein Fazit aus – bist Du für Sonderschulen oder für integrative Klassen?

Janine: Ich besuchte von 1986 bis 1997 die Blinden- und Sehbehindertenschule Borgweg, von 97 bis 2000 die Höhere Handelsschule für Blinde und Sehbehinderte in der Carl-Cohn-Straße in Hamburg. Ganz ehrlich gesagt, bin ich, als ich im Jahr 2000 die Höhere Handelsschule verließ, mittelschwer geschockt gewesen, was wir alles nicht gelernt haben. Gott sei Dank bin ich ein sehr offener, wissbegieriger Mensch, so konnte ich diese Defizite nachholen. Integration ab der 1. Klasse finde ich problematisch, da man, insbesondere für Mathematik und Rechnungswesen, die Blindenschrift braucht, um effektiv und schnell arbeiten zu können. Ab der 5. Klasse aber sollte eine integrative Beschulung stattfinden, damit das blinde Kind beide „Perspektiven“ kennenlernt: einerseits nicht allein auf der Welt mit seiner Blindheit zu sein, andererseits die einzige mit einer Behinderung zu sein, ich denke das hilft, später im Leben gut zurechtzukommen. Mein Vorteil waren halt meine sehenden Freunde, die ich während meiner gesamten Kindheit und Jugend hatte.

Heiko: Nach der Schule hast Du studiert. Wie war es mit sehenden Kommilitonen zusammen zu arbeiten? Wie kooperativ waren die Dozenten?

Janine: Es war WUNDERBAR! Natürlich gab es auch Probleme, insbesondere in der Praxisphase unseres Studiums, (Sozialpädagogik an einer evangelischen privaten Fachhochschule) aber die Dozenten waren immer sehr kooperativ. Meine Probleme waren auch einfach dadurch gemacht, dass wir in einem Stadtteil mit einer hohen Anzahl von Migranten arbeiteten. Da kam die Sprachbarriere, aber auch das Misstrauen, das aus verschiedenen Kulturen Menschen mit Behinderung gegenüber entstanden ist. Wenn es darum ging, etwas von Overheadprojektoren oder Stellwänden vorgelesen zu bekommen, fand sich immer jemand. Mein Arbeitsmaterial bekam ich meist vorher, so dass ich es einscannen und mich dementsprechend an den Seminaren beteiligen konnte.

Heiko: Nach dem Studium stellt sich die Frage nach dem Job. Intuitiv denken viele Menschen, dass man als blinde Sozialpädagogin wenig Probleme bei der Arbeitsplatzsuche haben sollte – schließlich passen für viele die Begriffe „Sozial“ und „Behindert“ doch perfekt zusammen. Welche Erfahrungen hast Du bei Deinen Bewerbungsgesprächen gemacht? War Deine Behinderung ein Problem?

Janine: Oh ja! Meine Behinderung war und ist, gerade im sozialen Sektor, ein Problem. Oft scheint es mir, aber das ist nur mein Eindruck, dass Sozialarbeiter und Pädagogen zu viel reden und sich daher selbst im Wege stehen und dadurch keine Veränderung stattfinden kann. Bei meinen Bewerbungsgesprächen, so überhaupt welche stattfanden und nicht vorher eine Absage kam, wurde sich sehr oft hinter sehr wagen, sozialpädagogisch-höflichen Formulierungen verschanzt. Nur von meiner ehemaligen Anleiterin, die mich aus einem einjährigen Praktikum zum Erlangen der Fachhochschulreife kannte, und sogar wusste, dass ich gut arbeite, bekam ich folgende Aussage: „Janine, wir haben so viele Sozialpädagogen auf dem Arbeitsmarkt. Da können wir uns welche aussuchen und nehmen… entschuldige meine Offenheit… lieber die Gesunden.“ Das aus dem Mund von ihr zu hören, war einerseits ein Schock, andererseits war DAS wenigstens mal ehrlich und es wurde nicht vorgeschoben, dass leider in der sozialen Einrichtung zu wenig Platz sei, oder dass Bedenken vorherrschten, die „Klienten“ würden mit einem blinden Menschen nicht zurechtkommen. Wer weiß, vielleicht verstekct sich dahinter auch ein Gedanke wie: „Wir sehen jeden Tag so viel Elend, dann nicht auch noch eine Kollegin mit Behinderung“. Und dann ist ja auch viel Aufwand mit der Beschaffung von Hilfsmitteln zu betreiben, und bei einem Behinderungsgrad von 100 % besteht ja auch ein sehr fester Kündigungsschutz. Sehr oft sind die Sozialpädagogenstellen auch noch befristet, wodurch die Förderung von Hilfsmitteln durch das Integrationsamt wegfällt, ebenso wie die Lohnförderung der ersten zwei bis drei Jahre.

Heiko: Und wie ging es dann jobmäßig bei Dir weiter?

Janine: Ich diplomierte im Februar 2006, woraufhin ich erst einmal für 9 Monate arbeitslos war. Ich versuchte es überall, sogar in Obdachlosenberatungsstellen. Schließlich erfuhr ich durch eine Rundmail, die der „Dialog im Dunkeln“, wo ich damals als Aushilfe arbeitete, verschickte, dass die „Unsicht-Bar“, ein vollkommen dunkles Restaurant öffnete. Hier sah ich meine Chance, denn damals schon hatte ich die Nase von den ganzen Ausreden gestrichen voll. Das Glück wollte es also, dass ich am 01.11.06 fest eingestellt wurde. Also kellnerte ich ein Jahr und zwei Monate vor mich hin, was mir auch viel gegeben hat, es machte Freude, und ich lernte einiges über mich selbst. Dann allerdings merkte ich, dass mir das nicht mehr reichte, ich betrieb sogar meine eigene private „Sozialforschung“ nebenher, indem ich beobachtete, wie Menschen in einer solchen Situation miteinander umgehen, welche Menschen was essen usw. Also ging ich im Februar 08, um mich weiterzuentwickeln und zu orientieren.

Heiko: Unsicht-Bar und Dialog im Dunkeln sind wichtige Institutionen. Du wolltest aber nicht den Rest Deines Lebens im Dunkeln arbeiten. Aktuell versuchst Du Tastuntersucherin zu werden. Was genau ist das?

Janine: Eine medizinische Tastuntersucherin ist eine blinde Frau, die Gynäkologen bei der Brustkrebsdiagnose hilft. Hierbei tastet sie Cm für Cm die weibliche Brust nach Knötchen ab. Dies geschieht nach einem gewissen System, welches Dr. Frank Hoffmann aus Duisburg entwickelt und daraus das projekt „Discovering hands“ gemacht hat. Hierbei wird die erhöhte sensibilität in den Händen eingesetzt, die bei blinden Frauen mehr ausgeprägt ist, weil wir unsere Hände ja ganz anders zum Tasten einsetzen müssen. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir uns viel mehr Zeit nehmen können für die Tastuntersuchung, eine MTU untersucht sehr vorsichtig und in entspannter Atmosphäre ca. eine halbe Stunde lang die Brust, was im normalen Praxisalltag eines Gynäkologen nicht möglich ist. So wird das „Serviceangebot“ einer Praxis ergänzt.

Heiko: Das klingt doch nach dem perfekten Arbeitsplatz für eine blinde Frau. Deine Behinderung ist hier kein Hindernis, sondern geradezu die Qualifikation. Warum konntest Du dennoch die Ausbildung noch nicht beginnen? Legen Dir Behörden Steine in den Weg?

Janine: Genau richtig! Hier ist die Blindheit „Bedingung“. Eine Zeitung fasste dies mal in der Schlagzeile „Die Behinderung zur Stärke machen“ zusammen. Ich hätte die Ausbildung schon am 01.02. begonnen, aber die Agentur für arbeit wollte mich erst durch das ganze Procedere (Psychologisches Gutachten) schleusen, um zu sehen, ob ich eine sog. „Rehabilitantin“ bin. Hierbei sollte festgestellt werden ob ich für eine Ausbildung geeignet bin, und ob bei mir eine drohende psychische Behinderung vorläge, denn eigentlich sind Rehabilitanten Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Alerdings wurden auch schon Menschen mit Behinderung zu Rehabilitanten gemacht, weil es in diesem Gesetz bzw. in dem Antrag, den man stellen muss, einen Passus auf „Teilhabe am Arbeitsleben“ gibt. Dieser Status wurde mir leider noch nicht gegeben, weil ich ja geburtsblind bin und meine psychische Verfassung zu gut ist. Wäre sie es aber nicht, würde man mir die Ausbildung aus genau dem Grund verweigern, da man mir und den Patienten sonst den Umgang nicht zumuten könnte, was ja auch verständlich ist. Wer möchte sich schon von wem „behandeln“ lassen, der depressiv ist? Ich verstehe es nur nicht, dass man bei einigen blinden Menschen den Reha-Status erreichen konnte, weil eben in diesen Fällen der Arbeitsmarkt die Hauptargumentation darstellte. Das ist bei mir auch so, seit 4 Jahren versuche ich, eine Arbeit als Sozialpädagogin zu finden und es klappt nicht. Die Arbeitslosenquote bei blinden Menschen liegt bei 70%, bei der reinen Frauenstatistik sogar noch höher. Ich bin blind und ich bin Frau, habe im Januar eine Arbeitserprobung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) im Berufsförderungswerk Mainz bestanden. Es ist keine utopische Fortbildung, bei der man nicht weiß, welche Erfolge sie bringt, da es norddeutschlandweit nur eine MTU gibt, ich wäre die zweite, hätte also sehr reale Jobchancen. Durch die vorläufige Ablehnung verzögert sich alles, ich hätte sonst am 01.08.10 beginnen können, wäre ende Mai nächsten Jahres in Arbeit, also nicht mehr in der Statistik der Agentur, und ich hätte eine Aufgabe. Auch würden Kosten durch die Zahlung des Arbeitslosengeldes gespart, auch wenn die Ausbildung auf den ersten Blick sehr viel kostet.

Heiko: Was wünscht Du Dir, für Deine berufliche Zukunft im Speziellen und für den Umgang zwischen blinden und sehenden Menschen im Allgemeinen?

Janine: Hm von den Arbeitgebern mehr Mut dazu, es mit behinderten menschen mal auszuprobieren, da wir oft mehr können als uns zugetraut wird. Für meine persönliche Zukunft wünsche ich mir sehr, MTU zu werden, da ich gemerkt habe, dass mir die Tätigkeit sehr großen Spaß macht und auch noch sinnvoll ist, ich könnte vielen Frauen helfen, da gut ausgebildete MTU’s schon sehr kleine Auffälligkeiten ertasten können. Hm, für den Umgang blinder und Sehender im allgemeinen wünsche ich mir einfach mehr Selbstverständlichkeit von beiden Seiten: Weniger Schüchternheit bei Sehenden, und weniger hm „Erwartungshaltung“ bei vielen Blinden (Die Sehenden müssen schon auf mich zukommen!) Ich glaube, wenn alle Seiten mitmachen, ist erst eine Integration möglich.

Perspektiven (4): „Sie verstehen es einfach nicht“

Das war jetzt das vierte Weihnachtsfest, seitdem Ines Kilias erblindete. Bei einem Auftritt des Chores des Reichenbacher Gymnasiums am 9. Dezember 2006 im Zwickauer Dom verlor das Mädchen binnen weniger Stunden das Augenlicht. Erst glaubten alle an einen entzündeten Sehnerv. Doch als keine Besserung eintrat, stellten die Ärzte psychogene Blindheit fest. Weil ihre Psyche oder irgendein anderer unbekannter Vorgang im Gehirn sie hindert, kann sie nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden. Doch die junge Reichenbacherin gab nicht auf, 2009 machte sie ihr Abitur. Das Goethe-Gymnasium Reichenbach ließ sich auf das Experiment ein. Ihr Abschluss mit einem Durchschnitt von 1,8 ließ aufhorchen und freute Ines Kilias außerordentlich. Nicht fassen konnte sie indes Reaktionen aus dem Sozialamt des Vogtlandkreises. „Da gibt es offenbar Menschen, die meinen, wenn man ein so gutes Abi hinlegt, könne die Behinderung so schwer nicht sein“, sagt sie.

In der Reichenbacher Zeitung (Freie Presse) schildert Gerd Betka den Fall in der Ausgabe vom 28. Dezember 2009. Betka beschreibt weiter, dass die Behörden Ines einen Schwerbehindertenausweis verweigern. Grund: Ihre seltene Krankheit führe lediglich zu einem Grad der Schwerbehinderung von 30%. Einen Schwerbehindertenausweis gebe es aber erst ab 50%. Jetzt entscheiden die Gerichte. Immer wieder sind Menschen, die unter Sehverlust leiden in Deutschland gezwungen gegen unflexible Behörden und Krankenkassen rechtlich vorzugehen. Dabei haben viele von ihnen genug damit zu tun, ihren persönlichen Alltag zu meistern.

Sina Ruthe ist 23 und vor sieben Jahren durch einen Tumor erblindet. Ihren Weg in ein neues Leben beschreibt Tobias Schneider am 30. Dezember 2009 in der Lippischen Landes-Zeitung:

„Nach der Operation war sehr viel Frust in mir, denn mein altes Leben gab es plötzlich nicht mehr.“ Sina verlässt ihre alte Schule und absolviert ein professionelles Mobilitätstraining in Lage und Marburg. Dabei lernt sie zum Beispiel, wie man sich am besten in Räumen bewegt oder wie man einen Blindenstock benutzt. Zudem macht sie sich mit der Punktschrift vertraut. (…) Ihr Schicksal hat Sina mittlerweile, so gut es geht, akzeptiert: „Es war ein mühsamer Prozess, der noch immer nicht ganz abgeschlossen ist“, räumt sie ein. „Doch ich bin jetzt ein gutes Stück in mir selbst angekommen.“

Oft ist es nicht die Behinderung selbst, die Betroffene behindert, sondern es ist die Umwelt. Vor allem sind es Vorurteile der Mitmenschen. Das erlebten auch Silja und Guido Korn, sie blind, er sehend. Heute hat das Paar einen 18jährigen Sohn. AP-Redakteurin Alexandra Barone schildert die Erinnerungen des glücklichen Ehepaares in der Epochtimes vom 5. Januar 2010:

„Wenige haben Verständnis dafür und für Viele ist das überhaupt nicht vorstellbar, sie verstehen es einfach nicht. Meine Familie war gegen unsere Beziehung. Sie sagten: ‚Die ist doch blind‘, und ich soll mir überlegen, was ich da mache und was alles auf mich zukommt.“ Nicht nur in der eigenen Familie ist Guido Korn auf Unverständnis gestoßen. Die Gesellschaft hat ihn sogar als „Freak“ betrachtet, weil er sich in eine behinderte Frau verliebt hat. Seine Frau Silja hatte mit anderen Problemen zu kämpfen. Wegen schlechter Erfahrungen wollte sie sich zunächst gar nicht auf eine Beziehung einlassen. „Viele Männer sagten einfach: ‚Es ist nett, sich mit Dir zu unterhalten, Du bist ganz hübsch, aber mehr wollen wir nicht.‘ Und andere sagten: ‚Ich möchte gerne nur ausprobieren, wie es sexuell mit Dir ist, denn Blinde haben ein viel feineres Gefühl als Sehende’“, erklärt Silja. Bei ihren ersten Treffen war sie daher noch misstrauisch – doch schnell merkte sie, dass Guido wirklich an ihr interessiert war, nicht an ihrer Behinderung.

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Zu früh

„Zu früh“, denk ich. Kaffee- und Muffin-Duft dringt in meine Nase. Er kündigt mir das Ziel meines frühabendlichen Ausflugs an. Nach 50 Metern vernehme ich das typisch dumpfe, aber konstant laute Murmeln: vor allem weibliches Lachen, dazu männliche Geschäftigkeit und kindliches Fordern. Die glatten Bodenplatten des Eingangs weisen mir den Weg. Die Kugel am Ende meines weißen Stockes rollt gleichmäßig von links nach rechts vor mir her, links, rechts, links, rechts, links, rechts.

„Entschuldigen Sie“, rufe ich auf’s Geratewohl in das Stimmenwirrwarr, „ist noch ein Zweiertisch frei?“

„Nicht wirklich“, sagt eine gequetschte Stimme, die gewiss einer Mutter gehört.

„Doch doch, dahinten“, dröhnt ein rauher Männerbass, der neben der Sachinformation schweren Bierdunst zu mir trägt. „Ich helf Dir!“

ob der Ü-50er jeden duzt oder nur Blinde, frage ich mich. Immerhin zerrt er mich nicht zum freien Platz, sondern bietet mir seinen Arm an. „Ich hab Erfahrung mit Euch“, sagt er und lacht.

Ich ahne schon, dass ich diesen Herren nicht so einfach loswerde. Er legt meine Hand auf die Stuhllehne. Ich setze mich.

„Na, wie hab ich das gemacht?“, fragt er.

„Alles perfekt, danke“, antworte ich.

Er setzt sich auch. Ich wusste es. Wird er mir jetzt von seiner erblindeten Mutter berichten oder von seinem Berufsalltag als Altenpfleger oder Sonderschullehrer, Erzieher für blinde Kinder vielleicht?

„Ich war mal im Dialog im Dunkeln“, platzt es aus ihm heraus. „Ich find Euch voll faszinierend. Ich bin Jürgen!“ Eine fleischige, durch die Sommerhitze feuchtgeschwitzte Hand greift nach meiner.

Jetzt sind wir wohl Kumpel, denke ich und sage: „Ich bin Jan, hallo Jürgen.“

„Und schon immer blind?“ Wenigstens ist er unverkrampft.

„Nein, sechs war ich, ein Unfall.“

„Schlimm, schlimm. Naja, das Leben muss weiter gehen. Jürgen weiß bescheid, denke ich.

„Ja, man findet seinen Weg“, sage ich und möchte von Blindenschrift, sprechenden Uhren und Kochkursen für Blinde reden.

„Ihr entwickelt ja auch einen sechsten Sinn“, unterbricht mich mein Gegenüber.

Ich habe ja nicht einmal einen fünften Sinn, denke ich und sage es auch.

Er schweigt – wer hätte gedacht, dass er das kann? – verdutzt. „Ja, nein, ich meine, Ihr nutzt andere Sinne.“

„Ja, das stimmt“, antworte ich in der Hoffnung, auf sicheres und vertrautes Smalltalk-Terrain gelangt zu sein. „Wenn ich an einer Kreuzung bin, dann höre ich an den parallel anfahrenden Autos, dass ich grün habe.“

„Schon klar. Du kannst bestimmt auch hören, wie ich aussehe“, fragt Jürgen die für einen Sehenden nicht allzu ungewöhnliche Frage.

„Nein, und es interessiert mich auch nicht. Wie jemand aussieht, spielt für mein Leben keine Rolle.“

„Das ist toll!“, findet Jürgen.

Kann nicht mal die Bedienung kommen, denke ich.

„Dieser ganze oberflächliche Quatsch ist Euch egal“! Wären doch alle Menschen so!“ Jürgen schwärmt. „Du siehst das Wesentliche. Sei froh, dass Du den ganzen Scheiß nicht angucken musst. Du siehst, welche Menschen gut sind“, frohlockt er. Und ich bin mir sicher, dass er sich für gut hält.

Ich wünsche mir den guten Menschen herbei, mit dem ich hier verabredet bin.

Ich setze an, Jürgen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Aber da will er gar nicht hin. Er will nicht hören, dass blinde Menschen so unterschiedlich wie sehende sind, dass die einen wissen wollen, wie jemand aussieht, die anderen nicht, dass die einen musikalisch sind, die anderen nicht, dass die einen voll integriert, die anderen lieber unter sich sind, dass die einen oberflächlich und die anderen weltoffen sind. Jürgen holt lieber zum finalen Schlag aus:

„Ich bin mir sicher, Ihr könnt hellsehen!“

Jetzt bin ich verdutzt. Nach einer Pause bricht sich meine Verwirrung in einem kraftvollen Lachen bahn. Ich lache und lache, immer lauter.

„Nein, wirklich“, versucht Jürgen zu begründen. Aber ich kann ihm nicht mehr zuhören. Ich zittere, bebe vor Lachen. Hellsehen. Was kommt noch? Mit Tieren sprechen? Gold scheißen?

„Hier ist ja eine tolle Stimmung“, sagt die weiche, klare Stimme, die sich heut in Rosenduft hüllt. Die zarte Hand des guten Menschen, mit dem ich verabredet bin, streicht über meine Wange. Und ich schwöre mir, nächstes Mal nicht zu früh hier zu sein.

(Dieser Blog-beitrag ist fiktiv. Er ist mein Beitrag zum Themen-Abend „Esoterik“ in der „Mathilde Hamburg“, 7. April 2009.)