Journalismus inklusiv: Freundliche Übernahme bei der taz

Menschen mit Behinderung sind im deutschen Journalismus unterrepräsentiert. Umso erfreulicher ist die Aktion der Tageszeitung taz, die am 2. Dezember 2016 eine komplette Ausgabe von Autorinnen und Autoren mit Behinderung schreiben ließ. Behinderte Fotografen lieferten das Bildmaterial. Die „freundliche Übernahme“ fand anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung statt und ist für den hiesigen Journalismus ein bedeutsames Signal für mehr Teilhabe auch am Medienbetrieb. Hoffentlich wird es zukünftig selbstverständlicher, dass Menschen mit Behinderung In Redaktionen und als freie Journalisten tätig sind – und das nicht nur als Autoren fürs Thema Behinderung.

Ich selbst durfte zur taz.mit Behinderung fünf Artikel beitragen: Sie befassten sich mit der Auswirkung einer Sehbehinderung auf die Angehörigen der Betroffenen, mit der mangelhaften Versorgung mit Blindenschriftbüchern, mit dem Fehlen von Barrierefreiheit im Web, mit Barrieren in Arztpraxen und mit ungewollten Berührungen im Alltag.

Herzlichen Dank an Leidmedien.de und die taz für dieses großartige Projekt!

Accessibility: Google voller Barrieren

Für einen TAZ-Artikel über Barrierefreiheit im Netz hat mich Mark Heywinkel interviewt. In seinem Text heißt es einleitend:

Um seinen Wohnort in Google Street View unkenntlich zu machen, hätte Heiko Kunert mit dem Mauszeiger eine rote Markierung darüber platzieren müssen. Für den 34-Jährigen unmöglich, denn er ist seit seinem siebten Lebensjahr blind.

„Buzz, Wave, die neue Instantsuche – das meiste, was Google neu entwickelt, steckt für Blinde voller Barrieren“, erklärt Kunert. Und wenn schon der Suchmaschinenriese nur zweitrangig Rücksicht auf Blinde und Sehbehinderte nimmt, investieren weniger finanzstarke Websitebetreiber erst recht nicht in barrierefreie Angebote.

Den vollständigen Artikel finden Sie bei taz.de.

Ergänzend möchte ich auf ein Gespräch hinweisen, das ich mit Meike Martin vom Piratenradio zum selben Thema geführt habe. Sie können es auf der Seite der Flaschenpost nachhören.

Theater: Blinde Passagiere suchen neuen Hafen

Blinde Passagiere
Blinde Passagiere

Theater öffnet Räume: Räume der Freude, der Erinnerung und der Begegnung. „Blinde Passagiere“ sind bisher dreimal in See gestochen. In der Kultur Bühne Bugenhagen spielten fünf sehbehinderte und blinde und fünf sehende Schauspieler ein Musical mit Liedern der 50er Jahre. Dabei war auch der Autor dieser Zeilen als Kapitän des italienischen Frachters Tantici II.

Die Erleichterung von Regisseur Jörn Waßmund und der Crew war groß, als die zahlreichen Besucher lachten, mitsangen und frenetisch jubelten. Nach fünf Monaten Proben wurde uns erst bei den Aufführungen wirklich klar, dass das Stück funktionierte, dass es beim Publikum Erinnerungen an Kindheit und Jugend wach rief und dass es Spaß und Freude verbreitete. Und ganz nebenbei zeigt es, dass eine Behinderung keine Rolle mehr spielt, wenn man zusammen an einem Ziel arbeitet.

„Die Darsteller sind bei den Proben für die beiden Stücke weit über sich hinausgewachsen und zu einem eingespielten Team geworden, sodass es auf jeden Fall weiter gehen soll“, sagte Jörn Waßmund im TAZ-Interview. Damit es weitergehen kann, brauchen wir Ihre Hilfe: Haben Sie Kontakte zu Bühnen, die „Blinde Passagiere“ zu einem Gastspiel einladen könnten, haben Sie andere Ideen für originelle Auftrittsorte für ein See-Musical oder kennen Sie Theater-Begeisterte und -Schaffende, die Sie auf unser besonderes Ensemble aufmerksam machen können? Ich freue mich auf Ihre Ideen und Anregungen in den Kommentaren oder per E-Mail.