Perspektiven (10): „Den Betroffenen eine Stimme geben“

Ann-Britt Petersen greift das Thema „Blinde Schönheit“ im Hamburger Abendblatt erneut auf. In ihrem Artikel kommt die Herausgeberin des Hörbuches, Heike Herrmann, zuwort:

„Mit Mitte dreißig stellte ich plötzlich fest, dass ich gar nichts mehr sah. Ich zog mich immer mehr zurück, benutzte nur noch drei mir bekannte Wege. Ich war wütend und traurig, dass ich nicht mehr einfach losgehen konnte. Trotzdem wollte ich auf keinen Fall den verhassten Langstock benutzen, der mich als Blinde, als behinderte Frau,outen würde“, so die studierte Religionswissenschaftlerin und psychotherapeutische Heilpraktikerin. Fast sechs Jahre dauerte dieser schmerzhafte Prozess, in dem sie sich ihr Blindwerden eingestehen musste. Schließlich rang sich die Frau mit den langen braunen Haaren zu einem Orientierungs- und Mobilisierungstraining durch, um die Nutzung des Langstockes zur lernen. Sie machte eine ungeahnte Erfahrung: „Der Stock verschaffte mir neue Freiheit, ich konnte mich wieder sicher und unabhängig bewegen“, so Heike Herrmann. Das stärkte ihre Selbstsicherheit und ließ sie auch über das Thema Schönheit nachdenken.

Frank Gutzeit verlor seine Sehfähigkeit durch Diabetes. Er fand Halt in seinem Engagement für Gleichbetroffene. Seinen Fall schildert Janina Darm in der Tageszeitung Welt:

Auf der Suche nach Hilfe zur Bewältigung seines Alltags wandte sich der in Unterlüß wohnende Niedersachse schließlich an den Blinden und Sehbehindertenverein in Hamburg. Hier nahm man ihn auf, kümmerte sich um die Sorgen und Nöte des 49-Jährigen. Heute ist Frank Gutzeit mehrmals im Monat in der Hansestadt, um die Treffen der Diabetiker-Gruppe „Süße Typen“ zu besuchen. Betroffene tauschen sich hier zum Beispiel über Produktentwicklungen für Sehbehinderte aus. „Die Gespräche helfen einem, mit der Situation klarzukommen“, sagt Gutzeit, der sich auch beim Deutschen Diabetikerbund engagiert. Seit Dezember fungiert er dort als Bundesbeauftragter für sehbehinderte und blinde Diabetiker. „27 Erkrankte erblinden täglich in Deutschland“, sagt Gutzeit, „da ist es wichtig, den Betroffenen eine Stimme zu geben.“ Frank Gutzeit hat aus seinen Erfahrungen gelernt. Gemerkt, dass man sich Gehör verschaffen muss, wenn man als sehbehinderter Mensch etwas erreichen will. „Wer nicht fragt, hat selber Schuld – das habe ich verstanden“, sagt Gutzeit. Für ihn ist sein soziales Engagement eine Kraftquelle, die ihm hilft, den Verlust der Sehkraft zu kompensieren.

Wie kann ich jetzt noch entspannt verreisen? Vor dieser Frage stehen viele Menschen, wenn ihr Augenlicht schwindet. Eva-Maria Mester hat für die Deutsche Presseagentur das AURA-Hotel Timmendorfer Strand besucht. Ihr Bericht über das Hotel voller Kontraste wurde bundesweit abgedruckt, so auch in den Ruhr-Nachrichten:

Sobald Arno Sorg aus Hamburg das «Aura»-Hotel betritt, klappt er seinen weißen Langstock zusammen. «Den brauche ich hier nicht», sagt er. Obwohl er seit zehn Jahren fast blind ist, bewegt er sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch das Haus. Seit sieben Jahren verbringt er mehrmals im Jahr seinen Urlaub in dem Hotel, das dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg gehört. «Hier ist alles auf die Bedürfnisse von Sehbehinderten ausgerichtet, von der Einrichtung der Zimmer bis zum Service im Restaurant. Für mich kommt kein anderes Ferienziel mehr infrage», sagt Sorg.

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

Perspektiven (8): Technischer Fortschritt?

Der technische Fortschritt hat sehbehinderten und blinden Menschen in den vergangenen Jahrzehnten ein Mehr an Selbstständigkeit gebracht. Und es wird fleißig weiter geforscht.

Blinde PC-Nutzer können jetzt auch Grafiken und Tabellen „sehen“. Möglich gemacht hat dies das Forschungsprojekt HyperBraille, das heute auf der SightCity (28.-30. April 2010), der größten deutschen Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel, erstmals das funktionsfähige HyperBraille-Gesamtsystem – eine Art grafikfähigen Laptop für blinde und sehbehinderte Menschen – vorgeführt hat.Nachdem im letzten Jahr auf der SightCity bereits der Prototyp des Flächendisplays, das im Vergleich zu herkömmlichen Braillezeilen interaktiv, zweidimensional und grafikfähig ist, präsentiert wurde, sind nun auch die zur Ansteuerung notwendige Software sowie die Software-Anpassungen für die gängigen Office und Internet-Programme fertig gestellt.

(idw-online.de)

Es sind nicht immer die staatlich geförderten Forschungsprojekte und die Ingenieure der spezialisierten Hilfsmittelfirmen, die Produkt-Neuheiten entwickeln. Manchmal sind es auch drei palästinensische Teenies.

Drei Mädchen aus dem Westjordanland haben einen speziellen Stock für Blinde konstruiert, der vor Löchern und Hindernissen auf dem Gehweg warnt. Die technische Bastelei hat den dreien einen Flug zu einer Ingenieursmesse im kalifornischen San Jose eingebracht. Die 14-jährige Asil Abu Lil habe ihre Tante und Onkel beobachtet, die blind sind, berichtet die israelische Tageszeitung „Ha´aretz“ unter Berufung auf einen Bericht von „Associated Press“. Sie hätten Schwierigkeiten gehabt, Unebenheiten auf den schmalen Bürgersteigen ihres Dorfes zu umgehen. Da beschloss das Mädchen, einen speziellen Blindenstock zu erfinden. Asil und zwei Klassenkameradinnen bauten für ein Schulprojekt ein Gerät, das Hindernisse auf dem Gehweg entdeckt. Der Gehstock der 14-jährigen Mädchen gibt Töne von sich, wenn ein Hindernis auf dem Weg liegt. Am Stock sind zwei Infrarot-Sensoren befestigt. Der eine ist nach unten, der andere nach vorne gerichtet. Die Schülerinnen einer Mädchenschule der Vereinten Nationen haben zwei Prototypen gebaut, nachdem sie mehrmals ins 45 Minuten entfernt gelegene Ramallah gelaufen waren. Dort kauften sie die nötigen elektronischen Bauteile.

(israelnetz.com)

Bei manchen Meldungen habe ich allerdings den Eindruck, dass sehende wissenschaftler an Produkten forschen, ohne auch nur einmal einen Betroffenen gefragt zu haben, ob für die Erfindung Bedarf besteht. Meiner Erfahrung nach kann man ein Lächeln oder einen verdrossenen Gesichtsausdruck über die Stimme hören.

Der Forscher entwickelte nun ein System, das mit einer Webcam Emotionen in den Gesichtern von Menschen erfasst. Ein Erkennungsprogramm analysiert die Bilder und wandelt sie in einen Braille-Code um, der auf einem speziellen Gerät ausgegeben wird. Dieses besteht aus einer Anordnung von motorgetriebenen Elementen, die an einer Stuhllehne befestigt sind.

(ratschlag24.com)

Selbstständige Orientierung außerhalb der eigenen vier Wände ist ein großer Wunsch der meisten sehbehinderten und blinden Menschen. „Drop GPS“ soll hier angeblich helfen.

Das von den beiden Designern Allan Sejer Madsen und Lukasz Natkaniec entwickelte Gadget (…) ist so eine Art Braille-Kompass. Es besteht quasi aus zwei Rundscheiben, die die Ober- und Unterseite des “Drop” darstellen und in der Mitte so miteinander verbunden sind, dass sie sich frei gegeneinander verdrehen lassen. Die kleinen Punkte oder Punktmuster auf der Oberseite des Teils repräsentieren die in einer Gegend vorkommenden Gebäude, die glatten, punktfreien Stellen Straßen und Plätze. Dort, wo (…) der Daumen (…) ist, befindet sich sozusagen die Ausgangsposition des Users. Läuft dieser nun mit dem Teil in der Hand durch die Gegend, dann empfängt es die GPS-Daten zu dem Ort und erkennt entsprechend, wo sich eine Straße oder ein Gebäude befindet.

(basicthinking.de)

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Ihre Perspektive: Was sollte für sehbehinderte und blinde Menschen noch erfunden werden?

Hamburgs Rathaus: Pracht voller Barrieren

Hamburgs Volksvertreter tagen im Rathaus. In dem Prachtbau sitzen Bürgerschaft und Senat. Bisher hat der behinderte Teil der Bevölkerung so seine Schwierigkeiten, die demokratisch gewählten Parlamentarier zu besuchen, den Sitzungen zu lauschen oder an einer touristischen Führung teilzunehmen. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) hat während des Wahlkampfes 2008 bereits auf diesen Missstand hingewiesen. Es gründete sich in der aktuellen Legislatur-Periode eine Kommission zum Thema.

Heute waren Vertreter von Gehörlosen-, Schwerhörigen- und Blinden- und Sehbehindertenvereinen zu Gast bei der Kommission – darunter unser zweiter Vorsitzender Hilding Kißler und ich. Am deutlichsten wird die fehlende Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer, gibt es doch bisher keinen Fahrstuhl, den Betroffene selbstständig nutzen können. Stattdessen müssen sie in Begleitung eines Rathaus-Bediensteten einen schwer zu erreichenden Aufzug benutzen. Grund für die Regelung: Sicherheitsbedenken. Aber auch schwerhörige Menschen haben Probleme z. B. einer Rathaus-Führung akustisch zu folgen. Bisher ist das Personal nicht im Umgang mit gehörlosen oder blinden Besuchern geschult. Führungen werden im Eiltempo durchgezogen. Da bleibt keine Zeit, einmal die prächtigen Säulen der Rathausdiele zu ertasten oder die kunstvolle Gestaltung der Festsäle in Worte zu fassen. „Wie Sie hier sehen…“ ist die gängige Floskel der Guides.

Eine Führung für uns zeigte heute Vormittag diese Probleme. Es wird ernsthaft – so mein Eindruck nach zweieinhalb Stunden des Gedankenaustauschs – überlegt, wie man z. B. ausführlichere Führungen anbieten kann, die auch behinderten Menschen einen Eindruck der Rathaus-Geschichte und -Architektur vermitteln können. Auch über eine bessere Auffindbarkeit des Einganges für blinde und sehbehinderte Menschen haben wir gesprochen – ggf. durch einen tastbaren Leitstreifen auf dem Boden zwischen U-Bahn und Gebäude. Weitere Ideen: Ein hörbarer Rathausplan auf CD, Schulungen des Personals im Umgang mit behinderten Besuchern, kontrastreiche und sichtbare Beschilderungen, blendfreie Beleuchtung, Umbauten zugunsten einer deutlicheren Akustik. Es bleibt zu hoffen, dass nicht der überwiegende Teil der Ideen am Ende dem Denkmalschutz oder der vermeintlich prekären Finanzlage der Hansestadt zum Opfer fällt. Dass an der heutigen Sitzung die führenden Sozialpolitiker von CDU, SPD und GAL sowie der Bürgerschaftspräsident teilnahmen deutet darauf hin, dass das Thema Barrierefreiheit in den oberen Etagen der Hamburger Politik angekommen ist. Und das ist ein Fortschritt.

Shared Space in Hamburg: Ausgrenzung statt Inklusion

Es wird konkret: fünf Hamburger Straßen stehen fest, die zu Shared-Space-Flächen umgewandelt werden sollen. Geht es nach der grünen Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk, gilt in der Langen Reihe in St. Georg, in der Osterstraße in Eimsbüttel, in der Bahrenfelder Straße in Ottensen, in der Tangstedter Landstraße in Langenhorn und im Bergedorfer Weidenbaumsweg ab 2011 das Prinzip Blickkontakt. Statt Ampeln, Bürgersteigen, Zebrastreifen, Verkehrsschildern und vieler Regeln, soll es einen gemeinsam genutzten Verkehrsraum und gegenseitige Rücksichtnahme geben. Dass viele sehbehinderte und blinde Menschen das Konzept kritisch sehen, habe ich hier im blog bereits gepostet. In der vergangenen Woche hat sich der Blinden- und Sehbehindertenverein mit einer Pressemitteilung zu Wort gemeldet. Kobinet, Welt, Saarländer Online-Zeitung, Heimatspiegel, HH-Heute u. A. griffen das Thema auf. Auch die zuständige Behörde reagierte prompt und bot uns weitere Gespräche an. In der kommenden Woche werden BehördenVertreter und BSVH-Verkehrsexperten das Thema im Louis-Braille-Center erneut diskutieren. Gegenüber Altona.info sagte Enno Isermann von der Behörde für stadtentwicklung und Umwelt (BSU), Man habe ein Maßnahmenbündel mit den Verbänden, wie Tempobegrenzung, Leitelemente oder besser strukturierte Überquerungswege besprochen. “Wir werden Lösungen finden, damit die Gemeinschaftsstraße nicht zu Lasten behinderter Menschen geht”, so Isermann.

Das bleibt zu wünschen. Dennoch ist eines auch klar, Tempobegrenzungen, Leitelemente und besser strukturierte Überquerungswege lösen das Problem des fehlenden Blickkontakts nicht. Vielerorts regt sich Widerstand gegen die so genannte Gemeinschaftsstraße. Dabei kritisieren nicht nur Behinderten- und Senioren-Organisationen das Verkehrskonzept, sondern auch Anwohner und Gewerbetreibende. In St. Georg fordert der Stadtteilbeirat die BSU auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen. Die Linke in der Bürgerschaft verweist auf die vielen, vom Frost verursachten Schlaglöcher in der Stadt, die mit den Shared-Space-Millionen repariert werden könnten.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch ich bin für Verkehrsberuhigung und dafür, dass die Vorherrschaft des Autos im öffentlichen Raum in Frage gestellt wird. Das Ziel des schwarz-grünen Senats ist auch im Sinne der blinden und sehbehinderten Hamburger. Mir scheint Shared Space hierfür aber kein geeignetes Mittel. Das Konzept ist auf eine Großstadt wie Hamburg nicht übertragbar. Es grenzt behinderte Menschen aus. Ich hoffe, dass der öffentliche Druck gegen das Konzept anhält. Wir vom BSVH werden alles dafür tun, dass sehbehinderte und blinde Menschen in der Debatte um Shared Space nicht übersehen werden. Über den aktuellen Stand habe ich Ohrfunk.de in einem Interview Rede und Antwort gestanden.

Und was halten Sie von „Gemeinschaftsstraßen“? Ich freue mich auf Ihre Standpunkte und Anregungen in den Kommentaren.