Bilder zum Fühlen

Das liest man selten auf einer Bilder-Ausstellung: „Berühren ausdrücklich erwünscht“. Armelle Geydet malt Bilder für Augen und Finger – und sogar für die Ohren. Als ich erstmals von Geydets Kunst hörte, war ich überrascht. Was soll man denn bei gemalten Bildern ertasten können? Skulpturen, Reliefs, all das ertaste ich gern – und selbst das ist in den meisten Museen streng verboten. Aber irgendetwas wird sich die Künstlerin dabei gedacht haben. Originell jedenfalls ist ihr Angebot. Vielleicht ergibt sich aus ihm ja ein Ausflug für unsere blinden und sehbehinderten Vereinsmitglieder. Also fuhr ich zusammen mit einer sehenden Kollegin ins Kinderkrankenhaus nach Altona, wo zurzeit einige Werke Geydets ausgestellt sind. Zunächst ertastete ich das Bild, und erst dann ließ ich mir den virtuellen Eindruck von meiner Kollegin beschreiben. Und es war spannend, wie häufig unsere Eindrücke sich ähnelten. „Dieser Bereich fühlt sich sandig an“, sagte ich. „Er sieht auch so aus“, antwortete sie. Bei einem anderen Bild: „Wenn ich meine Hände hierüber gleiten lasse, machen sie automatisch Wellen-Bewegungen.“ „Es ist blau und sieht nach Meer aus.“ Geydet malt mit acryl-Farbe, die sie für ihre abstrakten Bilder verwendet. Sie schafft dabei nicht nur optisch wirkungsvolle Kunst, sondern – ich frage mich, ob von vornherein beabsichtigt oder rein zufällig – Relief-Landschaften, mal mit rauhen, scharf-kantigen Felsen, mal weich und beinah klebrig, mal rund und glatt. Würfel und Kreuze sind immer wieder zu ertasten, die entweder massiv, mit groben Rändern im Zentrum des Bildes stehen oder über den Rand hinaus flüchten. Und ganz nebenbei entdeckte ich, dass sich die Farben auch noch unterschiedlich anhörten. Strich ich mit meinen Händen über den hellen Teil des Bildes entstand ein zartes Rauschen, glitt ich über den dunklen Teil, klang es verkratzt und nach Stein. Das war endlich mal eine Kunst-Ausstellung nach meinem Geschmack.

Blind im Bild

Eine Foto-Reihe, die blinde Menschen zeigt? Mich hat in der vergangenen Woche eine Design-Studentin besucht, die genau eine solche Reihe als Abschluss-Arbeit erstellt. Sie fotografiert blinde Menschen in deren alltäglicher Umgebung. Was ist daran spannend?

Die Spannung liegt für mich darin, dass das Medium Bild im Alltag der porträtierten Person keine Rolle spielt. Für blinde und viele stark sehbehinderte Menschen sind Tonaufnahmen oder fühlbare Erinnerungen deutlich relevanter als Fotos. Diese Spannung birgt aber auch eine Gefahr: der Fotografierte ist dem Medium ausgeliefert. Er hat keinen oder nur wenig Bezug zur Wirkungsmacht von Bildern. Er kann seine Präsenz auf dem Bild kaum steuern. Er kann nicht einmal das Ergebnis des Shootings eigenständig bewerten. Blinde Menschen mit den Augen zu beobachten, hat etwas voyeuristisches, ganz gleich ob im Film, auf der Bühne oder auf einem Foto. Das ist keineswegs als Vorwurf gemeint, aber ein Fakt, dem sich ein Künstler (sei er blind oder sehend) bewusst sein sollte, will er das Thema verarbeiten. Und letztlich ist es auf der Straße, im Bus oder im Supermarkt nicht anders: Auch hier sind wir ständig Blicken ausgesetzt, die wir nicht erwidern. Und gerade weil das Beobachten für sehende Menschen und Beobachtet werden für blinde Menschen zum Alltag gehört, ist es eine künstlerische Auseinandersetzung wert. Ich wünsche mir, dass eine solche Auseinandersetzung die Unterschiedlichkeit von blinden Menschen thematisiert^und sie nicht nur auf ihre Behinderung reduziert. Es gibt zwar gemeinsame Alltagserfahrungen, die alle Betroffenen teilen, der Umgang mit diesen kann auch gemeinsam (z.B. im Blinden- und Sehbehindertenverein) erfolgen. Aber im Kern sind blinde Menschen Menschen. Und die sind – wie Sehende auch – verdammt unterschiedlich und sehr häufig ein Kennenlernen wwert.

Infos zum Foto-Projekt: http://www.dvbs-online.de/php/dvbs-news288.htm