Bürokratie statt Arbeitsplatz: „Ich könnte vielen Frauen helfen“

Arbeitsplatz und Sehbehinderung scheinen in Deutschland beinah unvereinbar. Vorurteile bei Arbeitgebern, bürokratisches Wirrwarr und unflexible Sachbearbeiter sind einige Ursachen dafür. Janine Zehe hat ihren Traumberuf gefunden, kann ihn aber nicht ausüben. In einem Gespräch mit mir beschreibt die blinde Frau ihren Werdegang und ihre Erfahrungen bei der Jobsuche und mit der Arbeitsagentur.

Janine Zehe
Janine Zehe

Heiko: Janine, magst Du den Blind-PR-Lesern ein bisschen über Dich erzählen, wie alt Du bist, wodurch Du erblindet bist, was Du in Deiner Freizeit so treibst?

Janine: Hallo! Ja gern. Also ich bin 30 Jahre alt, seit meiner Geburt durch einen Gendeffekt blind. Davon habe ich mich allerdings nie einsperren lassen. Seit meinem 9. Lebensjahr reite ich, wenn das Geld es mir gestattet, mehr oder weniger regelmäßig. Außerdem gehe ich sehr gern segeln, mit Freunden ins Kino, Bars, auf Konzerte(Deutschlandweit auch ohne Begleitung), ins Theater, einfach aus. Dazu bin ich passionierte Schauspielerin und Sängerin, spiele seit zwei Jahren in einer Hamburger Theatergruppe, bestehend aus blinden und sehenden Schauspielern, mit. Außerdem liebe ich es, Gedichte zu schreiben, zu kochen und spazieren zu gehen. Auch Hörspiele und deren Live-Präsentationen vor der Veröffentlichung oder auch danach sind meine große Leidenschaft.

Heiko: Blinde Kinder kommen heutzutage immer häufiger auf Regelschulen. Zu Deiner Zeit war das die absolute Ausnahme. Wo bist Du zur Schule gegangen und wie fällt im Nachhinein Dein Fazit aus – bist Du für Sonderschulen oder für integrative Klassen?

Janine: Ich besuchte von 1986 bis 1997 die Blinden- und Sehbehindertenschule Borgweg, von 97 bis 2000 die Höhere Handelsschule für Blinde und Sehbehinderte in der Carl-Cohn-Straße in Hamburg. Ganz ehrlich gesagt, bin ich, als ich im Jahr 2000 die Höhere Handelsschule verließ, mittelschwer geschockt gewesen, was wir alles nicht gelernt haben. Gott sei Dank bin ich ein sehr offener, wissbegieriger Mensch, so konnte ich diese Defizite nachholen. Integration ab der 1. Klasse finde ich problematisch, da man, insbesondere für Mathematik und Rechnungswesen, die Blindenschrift braucht, um effektiv und schnell arbeiten zu können. Ab der 5. Klasse aber sollte eine integrative Beschulung stattfinden, damit das blinde Kind beide „Perspektiven“ kennenlernt: einerseits nicht allein auf der Welt mit seiner Blindheit zu sein, andererseits die einzige mit einer Behinderung zu sein, ich denke das hilft, später im Leben gut zurechtzukommen. Mein Vorteil waren halt meine sehenden Freunde, die ich während meiner gesamten Kindheit und Jugend hatte.

Heiko: Nach der Schule hast Du studiert. Wie war es mit sehenden Kommilitonen zusammen zu arbeiten? Wie kooperativ waren die Dozenten?

Janine: Es war WUNDERBAR! Natürlich gab es auch Probleme, insbesondere in der Praxisphase unseres Studiums, (Sozialpädagogik an einer evangelischen privaten Fachhochschule) aber die Dozenten waren immer sehr kooperativ. Meine Probleme waren auch einfach dadurch gemacht, dass wir in einem Stadtteil mit einer hohen Anzahl von Migranten arbeiteten. Da kam die Sprachbarriere, aber auch das Misstrauen, das aus verschiedenen Kulturen Menschen mit Behinderung gegenüber entstanden ist. Wenn es darum ging, etwas von Overheadprojektoren oder Stellwänden vorgelesen zu bekommen, fand sich immer jemand. Mein Arbeitsmaterial bekam ich meist vorher, so dass ich es einscannen und mich dementsprechend an den Seminaren beteiligen konnte.

Heiko: Nach dem Studium stellt sich die Frage nach dem Job. Intuitiv denken viele Menschen, dass man als blinde Sozialpädagogin wenig Probleme bei der Arbeitsplatzsuche haben sollte – schließlich passen für viele die Begriffe „Sozial“ und „Behindert“ doch perfekt zusammen. Welche Erfahrungen hast Du bei Deinen Bewerbungsgesprächen gemacht? War Deine Behinderung ein Problem?

Janine: Oh ja! Meine Behinderung war und ist, gerade im sozialen Sektor, ein Problem. Oft scheint es mir, aber das ist nur mein Eindruck, dass Sozialarbeiter und Pädagogen zu viel reden und sich daher selbst im Wege stehen und dadurch keine Veränderung stattfinden kann. Bei meinen Bewerbungsgesprächen, so überhaupt welche stattfanden und nicht vorher eine Absage kam, wurde sich sehr oft hinter sehr wagen, sozialpädagogisch-höflichen Formulierungen verschanzt. Nur von meiner ehemaligen Anleiterin, die mich aus einem einjährigen Praktikum zum Erlangen der Fachhochschulreife kannte, und sogar wusste, dass ich gut arbeite, bekam ich folgende Aussage: „Janine, wir haben so viele Sozialpädagogen auf dem Arbeitsmarkt. Da können wir uns welche aussuchen und nehmen… entschuldige meine Offenheit… lieber die Gesunden.“ Das aus dem Mund von ihr zu hören, war einerseits ein Schock, andererseits war DAS wenigstens mal ehrlich und es wurde nicht vorgeschoben, dass leider in der sozialen Einrichtung zu wenig Platz sei, oder dass Bedenken vorherrschten, die „Klienten“ würden mit einem blinden Menschen nicht zurechtkommen. Wer weiß, vielleicht verstekct sich dahinter auch ein Gedanke wie: „Wir sehen jeden Tag so viel Elend, dann nicht auch noch eine Kollegin mit Behinderung“. Und dann ist ja auch viel Aufwand mit der Beschaffung von Hilfsmitteln zu betreiben, und bei einem Behinderungsgrad von 100 % besteht ja auch ein sehr fester Kündigungsschutz. Sehr oft sind die Sozialpädagogenstellen auch noch befristet, wodurch die Förderung von Hilfsmitteln durch das Integrationsamt wegfällt, ebenso wie die Lohnförderung der ersten zwei bis drei Jahre.

Heiko: Und wie ging es dann jobmäßig bei Dir weiter?

Janine: Ich diplomierte im Februar 2006, woraufhin ich erst einmal für 9 Monate arbeitslos war. Ich versuchte es überall, sogar in Obdachlosenberatungsstellen. Schließlich erfuhr ich durch eine Rundmail, die der „Dialog im Dunkeln“, wo ich damals als Aushilfe arbeitete, verschickte, dass die „Unsicht-Bar“, ein vollkommen dunkles Restaurant öffnete. Hier sah ich meine Chance, denn damals schon hatte ich die Nase von den ganzen Ausreden gestrichen voll. Das Glück wollte es also, dass ich am 01.11.06 fest eingestellt wurde. Also kellnerte ich ein Jahr und zwei Monate vor mich hin, was mir auch viel gegeben hat, es machte Freude, und ich lernte einiges über mich selbst. Dann allerdings merkte ich, dass mir das nicht mehr reichte, ich betrieb sogar meine eigene private „Sozialforschung“ nebenher, indem ich beobachtete, wie Menschen in einer solchen Situation miteinander umgehen, welche Menschen was essen usw. Also ging ich im Februar 08, um mich weiterzuentwickeln und zu orientieren.

Heiko: Unsicht-Bar und Dialog im Dunkeln sind wichtige Institutionen. Du wolltest aber nicht den Rest Deines Lebens im Dunkeln arbeiten. Aktuell versuchst Du Tastuntersucherin zu werden. Was genau ist das?

Janine: Eine medizinische Tastuntersucherin ist eine blinde Frau, die Gynäkologen bei der Brustkrebsdiagnose hilft. Hierbei tastet sie Cm für Cm die weibliche Brust nach Knötchen ab. Dies geschieht nach einem gewissen System, welches Dr. Frank Hoffmann aus Duisburg entwickelt und daraus das projekt „Discovering hands“ gemacht hat. Hierbei wird die erhöhte sensibilität in den Händen eingesetzt, die bei blinden Frauen mehr ausgeprägt ist, weil wir unsere Hände ja ganz anders zum Tasten einsetzen müssen. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir uns viel mehr Zeit nehmen können für die Tastuntersuchung, eine MTU untersucht sehr vorsichtig und in entspannter Atmosphäre ca. eine halbe Stunde lang die Brust, was im normalen Praxisalltag eines Gynäkologen nicht möglich ist. So wird das „Serviceangebot“ einer Praxis ergänzt.

Heiko: Das klingt doch nach dem perfekten Arbeitsplatz für eine blinde Frau. Deine Behinderung ist hier kein Hindernis, sondern geradezu die Qualifikation. Warum konntest Du dennoch die Ausbildung noch nicht beginnen? Legen Dir Behörden Steine in den Weg?

Janine: Genau richtig! Hier ist die Blindheit „Bedingung“. Eine Zeitung fasste dies mal in der Schlagzeile „Die Behinderung zur Stärke machen“ zusammen. Ich hätte die Ausbildung schon am 01.02. begonnen, aber die Agentur für arbeit wollte mich erst durch das ganze Procedere (Psychologisches Gutachten) schleusen, um zu sehen, ob ich eine sog. „Rehabilitantin“ bin. Hierbei sollte festgestellt werden ob ich für eine Ausbildung geeignet bin, und ob bei mir eine drohende psychische Behinderung vorläge, denn eigentlich sind Rehabilitanten Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Alerdings wurden auch schon Menschen mit Behinderung zu Rehabilitanten gemacht, weil es in diesem Gesetz bzw. in dem Antrag, den man stellen muss, einen Passus auf „Teilhabe am Arbeitsleben“ gibt. Dieser Status wurde mir leider noch nicht gegeben, weil ich ja geburtsblind bin und meine psychische Verfassung zu gut ist. Wäre sie es aber nicht, würde man mir die Ausbildung aus genau dem Grund verweigern, da man mir und den Patienten sonst den Umgang nicht zumuten könnte, was ja auch verständlich ist. Wer möchte sich schon von wem „behandeln“ lassen, der depressiv ist? Ich verstehe es nur nicht, dass man bei einigen blinden Menschen den Reha-Status erreichen konnte, weil eben in diesen Fällen der Arbeitsmarkt die Hauptargumentation darstellte. Das ist bei mir auch so, seit 4 Jahren versuche ich, eine Arbeit als Sozialpädagogin zu finden und es klappt nicht. Die Arbeitslosenquote bei blinden Menschen liegt bei 70%, bei der reinen Frauenstatistik sogar noch höher. Ich bin blind und ich bin Frau, habe im Januar eine Arbeitserprobung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) im Berufsförderungswerk Mainz bestanden. Es ist keine utopische Fortbildung, bei der man nicht weiß, welche Erfolge sie bringt, da es norddeutschlandweit nur eine MTU gibt, ich wäre die zweite, hätte also sehr reale Jobchancen. Durch die vorläufige Ablehnung verzögert sich alles, ich hätte sonst am 01.08.10 beginnen können, wäre ende Mai nächsten Jahres in Arbeit, also nicht mehr in der Statistik der Agentur, und ich hätte eine Aufgabe. Auch würden Kosten durch die Zahlung des Arbeitslosengeldes gespart, auch wenn die Ausbildung auf den ersten Blick sehr viel kostet.

Heiko: Was wünscht Du Dir, für Deine berufliche Zukunft im Speziellen und für den Umgang zwischen blinden und sehenden Menschen im Allgemeinen?

Janine: Hm von den Arbeitgebern mehr Mut dazu, es mit behinderten menschen mal auszuprobieren, da wir oft mehr können als uns zugetraut wird. Für meine persönliche Zukunft wünsche ich mir sehr, MTU zu werden, da ich gemerkt habe, dass mir die Tätigkeit sehr großen Spaß macht und auch noch sinnvoll ist, ich könnte vielen Frauen helfen, da gut ausgebildete MTU’s schon sehr kleine Auffälligkeiten ertasten können. Hm, für den Umgang blinder und Sehender im allgemeinen wünsche ich mir einfach mehr Selbstverständlichkeit von beiden Seiten: Weniger Schüchternheit bei Sehenden, und weniger hm „Erwartungshaltung“ bei vielen Blinden (Die Sehenden müssen schon auf mich zukommen!) Ich glaube, wenn alle Seiten mitmachen, ist erst eine Integration möglich.

Shared Space in Hamburg: Ausgrenzung statt Inklusion

Es wird konkret: fünf Hamburger Straßen stehen fest, die zu Shared-Space-Flächen umgewandelt werden sollen. Geht es nach der grünen Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk, gilt in der Langen Reihe in St. Georg, in der Osterstraße in Eimsbüttel, in der Bahrenfelder Straße in Ottensen, in der Tangstedter Landstraße in Langenhorn und im Bergedorfer Weidenbaumsweg ab 2011 das Prinzip Blickkontakt. Statt Ampeln, Bürgersteigen, Zebrastreifen, Verkehrsschildern und vieler Regeln, soll es einen gemeinsam genutzten Verkehrsraum und gegenseitige Rücksichtnahme geben. Dass viele sehbehinderte und blinde Menschen das Konzept kritisch sehen, habe ich hier im blog bereits gepostet. In der vergangenen Woche hat sich der Blinden- und Sehbehindertenverein mit einer Pressemitteilung zu Wort gemeldet. Kobinet, Welt, Saarländer Online-Zeitung, Heimatspiegel, HH-Heute u. A. griffen das Thema auf. Auch die zuständige Behörde reagierte prompt und bot uns weitere Gespräche an. In der kommenden Woche werden BehördenVertreter und BSVH-Verkehrsexperten das Thema im Louis-Braille-Center erneut diskutieren. Gegenüber Altona.info sagte Enno Isermann von der Behörde für stadtentwicklung und Umwelt (BSU), Man habe ein Maßnahmenbündel mit den Verbänden, wie Tempobegrenzung, Leitelemente oder besser strukturierte Überquerungswege besprochen. “Wir werden Lösungen finden, damit die Gemeinschaftsstraße nicht zu Lasten behinderter Menschen geht”, so Isermann.

Das bleibt zu wünschen. Dennoch ist eines auch klar, Tempobegrenzungen, Leitelemente und besser strukturierte Überquerungswege lösen das Problem des fehlenden Blickkontakts nicht. Vielerorts regt sich Widerstand gegen die so genannte Gemeinschaftsstraße. Dabei kritisieren nicht nur Behinderten- und Senioren-Organisationen das Verkehrskonzept, sondern auch Anwohner und Gewerbetreibende. In St. Georg fordert der Stadtteilbeirat die BSU auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen. Die Linke in der Bürgerschaft verweist auf die vielen, vom Frost verursachten Schlaglöcher in der Stadt, die mit den Shared-Space-Millionen repariert werden könnten.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch ich bin für Verkehrsberuhigung und dafür, dass die Vorherrschaft des Autos im öffentlichen Raum in Frage gestellt wird. Das Ziel des schwarz-grünen Senats ist auch im Sinne der blinden und sehbehinderten Hamburger. Mir scheint Shared Space hierfür aber kein geeignetes Mittel. Das Konzept ist auf eine Großstadt wie Hamburg nicht übertragbar. Es grenzt behinderte Menschen aus. Ich hoffe, dass der öffentliche Druck gegen das Konzept anhält. Wir vom BSVH werden alles dafür tun, dass sehbehinderte und blinde Menschen in der Debatte um Shared Space nicht übersehen werden. Über den aktuellen Stand habe ich Ohrfunk.de in einem Interview Rede und Antwort gestanden.

Und was halten Sie von „Gemeinschaftsstraßen“? Ich freue mich auf Ihre Standpunkte und Anregungen in den Kommentaren.

Nabelschau: Interview, Blog-Awards und ein neuer Mitbewohner

Unter dem Motto „Kleiner Blogger interviewt große Blogger“ betreibt Robert Stögmann die sehr lesenswerte Site Blogger-antworten.com. Ich freue mich, dass er auch mich interviewt hat. Sie Finden unser Gespräch hier.

Und wenn wir gerade schon bei der Nabelschau sind: Blind-PR ist für die BOBs-Blog-Awards der Deutschen Welle vorgeschlagen. Drückt mir die Daumen, dass ich es in die Nominierungen schaffe. Diese werden Mitte März bekannt gegeben.

Soviel heute in aller Kürze. Ich entschwinde aus der virtuellen Welt und widme mich meinem realen neuen Mitbewohner.

Kater Igor
Kater Igor

Foto Copyright by Anna-Karina Handke