Thommie Bayers Romane: Die Suche nach dem Glück

Es gibt Bücher, die sind leicht im Ton und stellen doch die ganz großen Fragen. Das gilt zum Beispiel für die Romane von Thommie Bayer. Zwei von ihnen kenne ich inzwischen, und beide haben mich sehr berührt.

Bayers neuestes Werk hat den traurig-schönen Titel „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“. Alte Schulfreunde treffen sich in der Mitte ihres Lebens wieder. Ihre gemeinsamen Tage in Venedig sind nicht spannungsfrei. Sie haben sich teils auseinandergelebt, sind sich fremd geworden. Alte Konflikte aus jungen Jahren haben sich manifestiert. Und doch liegt über allem eine Vertrautheit, wie sie nur eine gemeinsame Jugend in Freundschaft schaffen kann. Alle Vier sind sie auf ihre jeweilige Art gescheitert, gescheitert an der Liebe. Aber selbstverständlich gibt es – und das kann man von einem Buch wie diesem ja wohl auch erwarten – Hoffnung, Mut und vielleicht sogar neues Glück.

Glück hat der Ich-Erzähler in „Heimweh nach dem Ort, an dem ich bin“ schon lang nicht mehr erlebt. Früh in dieser charmanten Geschichte spürt der Leser, dass in der Vergangenheit des Helden wirklich üble Dinge geschehen sein müssen. Heute ist sein Leben beruflich und privat eingefahren. Es gibt wenige emotionale Ausschläge. Erst als er vor einem drohenden Skandal – er sieht sich Plagiatsvorwürfen (wie aktuell) ausgesetzt – aufs Land flieht, in einen Bungalow inmitten von Weinbergen und Tabakfeldern, da löst sich seine Erstarrung. In Zwiegesprächen mit Einer ihm zugelaufenen Katze und in einer beginnenden Freundschaft mit den Vermietern des Ferienhauses, findet er zu sich, zu seiner Geschichte und zu dem was zählt im Leben. Das ist nicht nur für den Erzähler befreiend, es lohnt sich auch für den Leser.

Hörbuch-Sonntag: Drei Kurzrezensionen

Wo sind all die Emotionen hin? Diese Frage stellt sich manches Mal in unserer modernen Welt voller digitaler Zerstreuung, ökonomischer Zwänge und zivilisatorischer Behaglichkeit. Will man mal wieder so richtig sentimental werden, sich den existenziellen Fragen nach Leben und Tod stellen oder denen nach der Gestaltbarkeit des eigenen Daseins, dann nimmt man am Besten ein Buch zur Hand oder genießt ein Hörbuch – so wie ich es beinahe schon exzessiv am vergangenen Sonntag getan habe. Drei Bücher hab ich beendet oder gleich von vorn bis hinten gehört. Hier mein kurzes Fazit:

Melancholisch-sentimental und dennoch leicht kommt die kurze Erzählung „Ein geschenkter Tag“ von Anna Gavalda daher – optimal für einen Sonntagmorgen. Drei Geschwister, die einer garstigen Schwägerin, der steifen Hochzeit ihres Cousins und den starren Konventionen entfliehen und lieber ihren Bruder in einem einsamen Schloss besuchen. Wie immer schreibt Gavalda über die Suche nach dem Glück, über das Erwachsenwerden und die Möglichkeiten, sich dem Ernst des Lebens zu verweigern – zumindest für ein paar glückliche Momente im Kreise der Liebsten, der Menschen, die einem Wirklich etwas bedeuten. Katharina Wackernagel trifft den passenden Ton und leiht der unangepassten, einsamen Ich-Erzählerin schöne zwei Stunden lang ihre Stimme.

Während im vergangenen Jahr Jonathan Franzzens Roman „Freiheit“ gefeiert wurde, habe ich endlich eine Bildungslücke geschlossen und seinen Roman-Durchbruch „Die Korrekturen“ gelesen. Streng und konservativ wachsen drei Geschwister auf. Sie haben zu knabbern an ihren familiären Wurzeln und versuchen die Fehler der Eltern irgendwie zu korrigieren. Dass das gar nicht so leicht ist – zumal wenn der Vater an Demenz und Parkinson leidet und die Mutter in ihren Denk- und Verhaltensweisen erstarrt ist – wird in diesem Roman mehr als deutlich. Es tut weh, der gnadenlosen Erzählweise Franzens zuzuhören, ein Schmerz, der gut tut, der zum Nachdenken anregt: über all das, was wir seit unserer Kindheit mit uns herumschleppen, über die Möglichkeit, unserem Leben eine neue Richtung zu geben. Das Hörbuch wird von Ulrich Pleitgen nüchtern und angemessen vorgetragen. Leider ist der 700-Seiten-Roman auf lediglich zehn CD’s eingedampft.

Philosophisch und nachdenklich ist schließlich Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“. Die Kurzbeschreibung auf Audible.de fasst den Inhalt so zusammen:

Raimund Gregorius, alternder Lateinlehrer, entdeckt in einem Antiquariat das Buch des Portugiesen Amadeu de Prado, dessen Betrachtungen über menschliche Erfahrungen, über Einsamkeit, Endlichkeit und Tod, Freundschaft, Liebe und Loyalität ihn nicht mehr loslassen und am Abend setzt er sich in den Nachtzug nach Lissabon. Er möchte herausfinden, wer dieser Amadeu de Prado war. Es beginnt eine rastlose Suche kreuz und quer durch Lissabon, die Suche nach einem anderen Leben, nach einem ungewöhnlichen Arzt und Poeten, der gegen die Diktatur Salazars gekämpft hat.

Gregorius lässt sein monotones Leben hinter sich, seine Arbeit, sein Land. Er lässt sich vollkommen auf Portugal, seine Menschen und seine Geschichte ein. Er taucht regelrecht in sie ab. Und doch findet er erst hier zu sich, stellt sich die Frage nach seinen eigenen Träumen und setzt sich mit seiner Vergangenheit auseinander. Walter Kreye trägt die gekürzte Lesung gewöhnungsbedürftig ruhig, märchenonkelmäßig vor. Wer eine tiefsinnige und nachdenkliche Lektüre zu schätzen weiß, für den lohnen sich die knappen acht Stunden aber sehr.

Kennen Sie eines der Bücher? Wenn ja, wie fanden Sie es?

Blind in einer visuellen Welt: Mut zur Schönheit

Menschen möchten einander gefallen. Sie verwenden viel Zeit damit, an ihrer Schönheit zu feilen: Haare stylen, schminken, passende Kleidung auswählen. Welchen Stellenwert hat Schönheit, wenn man erblindet oder blind ist? Die psychotherapeutische Heilpraktikerin Heike Herrmann hat sich dieser Frage gewidmet. In der Einleitung zu dem von ihr herausgegebenen Band „Blinde Schönheit“ schreibt sie:

Ich habe es innerhalb meiner persönlichen Auseinandersetzung mit meiner fortschreitenden Sehbehinderung und der langen Beschäftigung mit der Thematik der Benutzung des weißen Langstockes erlebt und mit vielen Betroffenen in Briefen, Mails und Telefonaten sowie in Gesprächen mitdurchlebt, wie tiefgreifend es eine Frau in ihrer persönlichen Identifizierung als Frau, als attraktive Frau, was immer dies für die Einzelne bedeuten mag, berührt, auseinander nimmt, durchwirbelt, wenn sie an der Stelle steht, sich als hochgradig sehbehinderte Frau mit dieser Behinderung outen zu müssen. Das Gefühl, dann keine anziehende, schöne Frau mehr zu sein, hindert sehr viele Frauen daran, diesen Schritt des Outens, des selbstständig und eigenständig lebens als Frau mit einer Behinderung zu gehen. Sie verzichten darauf, dieses doch geniale Hilfsmittel, den Langstock zu benutzen, der ja blinde Menschen erst in die Lage versetzt, ein völlig eigenständiges, mobiles und souveränes Leben zu führen und machen sich abhängig von Familienmitgliedern, Freunden, Nachbarn, die Besorgungen für sie oder zusammen mit ihnen erledigen. Allein um diesen Schritt des Outens nicht gehen und sich als blinde Frau nicht zeigen zu müssen. Für diese Frauen und all diejenigen, die von Kindheit an sehbehindert sind und durch ihre Familie und Schule das Gefühl vermittelt bekamen, Behinderung und Schönheit, Attraktivität, weibliche Strahlkraft, Erotik passen nicht zusammen und sollen eigentlich auch nicht zusammen passen, habe ich die Idee zu dem Thema „Mut zur Schönheit“ entwickelt.

Aus dieser Idee entstand das Buch „Blinde Schönheit“. In der vergangenen Woche war Herrmann zugast in der Flussschifferkirche. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg hatte sie zu einer Lesung mit anschließender Diskussion in das schwimmende Gotteshaus in der Hafencity eingeladen. Neben ihr waren zwei weitere Autorinnen von „Blinde Schönheit“ dabei: Heidrun Köllner und Ruth Wunsch. Letztere greift in ihrem Blog eine Meinung auf, die sie mit Heike Herrmann teile:

Zum Beispiel sind wir beide der Überzeugung, dass ein blinder Partner unser Leben vereinfacht. Einem Sehenden mag das paradox vorkommen. Ist es nicht viel leichter, wenn wenigstens einer der beiden Partner sehen kann? Vordergründig vielleicht. In Wirklichkeit ist es anstrengender, denn die blinde Frau fühlt sich unter ständiger Beobachtung. Mache ich auch alles richtig? Was denkt er jetzt wieder von mir? Wie schaut er mich an? Mit einem blinden Partner hingegen lebt man in einer Art Schonraum.

Ich stimme längst nicht in allen Punkten mit den Meinungen in „Blinde Schönheit“ überein. Es sind bewusst subjektive Texte. Aber gerade diese Subjektivität, die Authentizität macht die Erfahrungsberichte, Prosa und Lyrik in dem Hörbuch lesenswert und anregend. Und das gilt nicht nur für betroffene Zuhörer. Nichtbehinderte Menschen bringt manch ein Text gewiss ebenfalls zum Nachdenken, über den Schönheitsbegriff in einer visuellen Gesellschaft, in der Schönheit und Behinderung immer noch viel zu häufig unvereinbar erscheinen.

Text- und Hörproben finden Sie auf der Homepage von Heike Herrmann.

„BLINDE-SCHÖNHEIT“ – AUTHENTISCHE TEXTE UND FOTOS VON BLINDEN FRAUEN, Kaufhörbuch Daisy (16,95€) und Audio Version (19,95€), Eigenverlag Heike Herrmann & Ulrich Hofstetter (Hrsg.), Marburg an der Lahn 2009, ISBN 978-3-00-028653-7

Angst in der Spaßgesellschaft

In den letzten Jahren höre ich immer häufiger von Freunden und Bekannten, dass sie einfach nicht mehr können, ihnen das Leben über den Kopf wächst. Viele beginnen eine Psychotherapie. Ängste und Depressionen sind keine Seltenheit. Der Alltag um das dreißigste Lebensjahr, die unsichere, moderne Gesellschaft verlangen viel, oft zuviel vom Individuum. Und wir leben in einer Spaßgesellschaft. Wer berichtet da schon gern von seinen Befürchtungen, von seiner Traurigkeit? Ausgerechnet die Gute-Laune-Moderatorin Sarah Kuttner hat sich des Themas Depression in ihrem ersten Roman angenommen.

In „Mängelexemplar“ lässt sie ihre Ich-Erzählerin Karo von Panik-Attacken, Selbstekel und Verzweiflung in einem lustigen Menschen berichten. Bei Karo kommen die Entlassung aus der Event-Agentur und das Ende einer ohnedies unglücklichen Beziehung zusammen. Diese Anlässe lassen Ihr Angstfass überlaufen. Karo landet in einer Therapie und beim Psychiater. Aus der Krise geht sie gestärkt hervor, muss aber auch einsehen, dass sie weiter auf unsicherem Boden laufen wird. Eine der beeindruckendsten Szenen im Roman ist der Moment, in dem die Erzählerin feststellt, dass sie nicht nur vor anderen Menschen die witzig-spritzige Sprücheklopferin spielt, sondern auch sich selbst belügt und betrügt. Wann hat man eine Krise überwunden und wann gaukelt man es sich nur vor?

Kuttners Roman ist kein tiefgründig-vielschichtiger Literatur-Meilenstein. Aber er passt in die Zeit. Und er ist – wie könnte es bei der Autorin anders sein – humorvoll und witzig. „Mängelexemplar“ liest sich zügig und lässt einen doch nachdenklich zurück. Das Hörbuch mit fünf CD’s liest die Autorin selbst und charmant.

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