12 Tipps für blinden- und sehbehindertengerechte Events

Wie können Vorträge, Veranstaltungen, Kongresse und Messen für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglicher werden? Hier meine 12 Tipps für mehr Barrierefreiheit, Inklusion und Vielfalt in der Event-Branche.

Tipp 1: Visuelle Inhalte verbalisieren

Visuelles – meist in Form einer PowerPoint-Präsentation – gehört zu einem guten, überzeugenden, dynamischen Vortrag dazu. Fotos, Videos, Diagramme, all dies ist selbstverständlich. Ich als blinder Mensch dagegen muss mich auf das gesprochene Wort verlassen. Inwieweit kann ich das überhaupt? Spätestens wenn Referenten Formulierungen nutzen wie „wie Sie hier sehen“ oder „die Antwort sehen Sie hier“, wird es für mich schwierig. Daher mein erster Tipp: Wenn Sie blinde oder sehbehinderte Menschen im Publikum haben oder auch Menschen mit einer Leseschwäche oder wenn Sie per se barrierefrei vortragen möchten, dann verbalisieren Sie Ihre PowerPoint-Präsentation – mindestens das, was zum Verständnis Ihres Vortrags und zum Nachvollziehen Ihrer Kernaussagen erforderlich ist; denn ich weiß auch, dass manche visuelle Inhalte zu komplex sind, um sie während eines Vortrags bis ins letzte Detail zu beschreiben.

Tipp 2: Unterlagen digital zur Verfügung stellen

Und es macht daher ergänzend immer Sinn – und damit bin ich bei meinem zweiten Tipp -, dass blinde und sehbehinderte Teilnehmer die Möglichkeit erhalten, im Idealfall bereits vor der Veranstaltung, die Präsentation und evtl. verteilte Handouts, Flyer usw. in digitaler Form zu erhalten. Dann können die Teilnehmer dies vor, während oder nach dem Vortrag auch lesen. Mit entsprechender Hilfstechnologie ist das möglich. Sprich: sehbehinderte Menschen nutzen Vergrößerungssoftware. Blinde Menschen nutzen in der Regel eine Screenreader-Software, die es möglich macht, dass eine künstliche Sprachausgabe den Bildschirminhalt vorliest. Außerdem gibt es ein zusätzliches Gerät. Das heißt Braillezeile. Auf ihm wird der Bildschirminhalt zeilenweise in Blindenschrift ausgegeben.

Tipp 3: Websites barrierefrei gestalten

Womit wir bei einem weiteren wichtigen Thema wären, der Anmeldung zu Vorträgen, Kongressen, Messen usw. Wie melden sich sehende Menschen zu Veranstaltungen an, wie informieren sie sich vorab über die Inhalte? Die allermeisten tun dies heutzutage wohl über das Internet. Damit blinde und sehbehinderte Menschen – aber z. B. auch motorisch eingeschränkte Menschen, die keine Mouse bedienen können – das Web eigenständig nutzen können, sind beim Erstellen einer Website die Grundregeln der Barrierefreiheit zu beachten. Zum Beispiel brauchen Grafiken und Schaltflächen einen Alternativtext, der von der Sprachausgabe dann ausgegeben wird. Es braucht eine logische Überschriften-Struktur im HTML der Seite, damit sich mir die Website erschließt usw. Barrierefreie Websites müssen nicht langweilig aussehen, wie immer noch viele glauben. Barrierefreiheit muss aber von Anbeginn – am besten schon bei der Ausschreibung des Projekts – mitgedacht werden. Dann kostet sie auch nur wenig. Wenn Sie zu diesem Thema Beratung brauchen oder Sie Ihre Seite auf Barrierefreiheit testen lassen wollen, können Sie dies zum Beispiel durch den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg tun lassen, der hierzu eine Beratungsstelle betreibt. Abschließend zu diesem Thema lautet mein dritter Tipp: Gestalten Sie ihre Websites und digitalen Veranstaltungsdokumente so barrierefrei wie möglich.

Tipp 4: Mit sehbehindertengerechter Schrift und Kontrasten arbeiten

Das gilt auch für nichtdigitale Dokumente – also für Flyer, Handouts, Plakate bei Events, aber auch Beschilderung etc. Achten Sie auf kontrastreiche Gestaltung, so dass sich die Schrift klar vom Hintergrund abhebt und somit für sehbehinderte Menschen lesbar ist. Zum Thema Kontraste gibt es z. B. auf der Website des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands ausführliche Infos. Sehr empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang auch die Seite leserlich.info, auf der Sie praxisnah Anregungen für sehbehindertengerechte Schriftarten erhalten – wichtig gerade für die Erstellung von Broschüren, Flyern, aber auch Websites. Und bei der Beschilderung sollte auch darauf geachtet werden, dass diese nicht zu klein ausfällt, damit sie von sehbehinderten Menschen – aber auch von Senioren mit Augenerkrankungen – gut wahrgenommen werden kann. Mein vierter Tipp lautet also: Arbeiten Sie mit sehbehindertengerechten Schriften, mit Kontrasten und gut lesbarer Beschilderung.

Tipp 5: Dokumente in Blindenschrift übersetzen

Blinde Menschen wie ich haben hiervon erst einmal nichts. Es gibt, wie gesagt, die Möglichkeit, dass schriftliche Dokumente vorab per Mail an die blinden Veranstaltungsbesucher versendet werden. Sie können – und damit sind wir bei Tipp Nr. 5 – aber natürlich auch Übertragungen in Blindenschrift vornehmen lassen. Solche Übertragungsarbeiten werden u. A. von speziellen Blindenschrift-Verlagen und auch von einigen Blinden- und Sehbehindertenvereinen angeboten. Da die Umsetzung je nach Vorlage sehr aufwändig sein kann und die Kosten für Brailledrucker und Blindenschrift-Papier recht hoch sind, entstehen hier in der Regel Zusatzkosten. Wenn das eigene Budget die Kosten nicht deckt, kann es unter Umständen sinnvoll sein, Förderanträge zu stellen, zum Beispiel bei Stiftungen.

Tipp 6: Unterlagen als Audioversion anbieten

Es ist super, wenn Sie Blindenschrift anbieten, auch als sichtbares Signal dafür, dass Sie es mit der Barrierefreiheit wirklich ernst meinen, allerdings muss hier auch gesagt werden, dass ein großteil der blinden Menschen die Blindenschrift nicht beherrscht. Das liegt daran, dass Erblindungen häufig erst im höheren Lebensalter eintreten, aufgrund altersbedingter Augenerkrankungen. Viele der Betroffenen erlernen als Senioren dann die Brailleschrift nicht mehr. Vor diesem Hintergrund ist die Umsetzung der Unterlagen in ein Audioformat eine alternative Option, womit wir bei Tipp 6 sind. Das ist in der Regel sehr viel günstiger als die Übertragung in die Blindenschrift, kann mit etwas Zeit sogar in Eigenregie vorgenommen werden. Wobei es natürlich auch hier professionelle Dienstleister gibt, die zum Beispiel auch Routine darin haben, Grafiken und Bilder zu beschreibben.

Tipp 7: Barrierefreie Veranstaltungsorte wählen

Wir haben bisher sehr viel über Information und Kommunikation gesprochen – im Zusammenhang mit einer Sinnesbehinderung wie Blindheit ein ganz relevantes Thema. Aber auch über Mobilität und über Barrierefreiheit müssen wir im Hinblick auf die Zielgruppe der blinden und sehbehinderten Menschen sprechen. Wie finde ich denn den Veranstaltungsort? Wie finde ich im Kongresszentrum den Saal 3, wie das Herren-WC, wie den Kaffee-Automaten, den Ausstellungsstand von Firma XY? Hier gibt es verschiedene Lösungsansätze, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich vielmehr ergänzen. Tipp 7: Wenn Sie die Wahl haben zwischen einem barrierefreien und einem nichtbarrierefreien Veranstaltungsort, nehmen Sie den ersten. Barrierefreiheit meint hier nicht nur rollstuhlgerechte Rampen, sondern auch ein taktiles und visuelles Leitsystem für blinde und sehbehinderte Menschen, Blindenschriftmarkierungen im Aufzug, eine Stockwerkansage im Fahrstuhl usw.

Tipp 8: Nichtbarrierefreie Räume barrierefrei machen

Nicht immer findet man geeignete barrierefreie Räumlichkeiten. Tipp 8 lautet daher: Ist der Veranstaltungsort nicht barrierefrei, versuchen Sie, ihn barrierefrei zu machen, zum Beispiel indem Sie Treppenstufen kontrastreich markieren. Da tut es manchmal schon ein knallgelber Klebestreifen, den Sie um die erste und die letzte Stufenkante kleben. Das verringert die Sturzgefahr sehr. Ich habe eben taktile Leitstreifen erwähnt. Hier gibt es inzwischen auch Anbieter, die Bodenindikatoren anbieten, die flexibel aufgeklebt werden können.

Tipp 9: Wegbeschreibungen in Textform erstellen

Des Weiteren – und das ist Tipp 9 – ist es hilfreich, wenn Infos zum Veranstaltungsort und Wegbeschreibungen in Textform vorab zur Verfügung gestellt werden, z. B. im Internet. Idealerweise erstellen Sie diese Texte zusammen mit blinden und sehbehinderten Menschen, da diese als Experten in eigener Sache am besten beurteilen können, worauf es bei diesen Beschreibungen ankommt und welche Infos für uns relevant sind.

Tipp 10: Sehende Begleitung ermöglichen

Selbst wenn es Leitstreifen und Wegbeschreibungen gibt, kann die Orientierung in großen, weiten Räumlichkeiten oder auf offenem Gelände sehr schwierig sein, gerade für blinde und sehbehinderte Menschen, die vielleicht noch nicht so lang behindert sind, die vielleicht nicht so mobil sind. Hier ist – das ist Tipp 10 – sehende Begleitung sehr entlastend. Das kann Personal vonseiten des Veranstalters sein, das am besten eine kurze Schulung im Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen erhalten hat. Oder man sucht externe Helfer zu diesem Zweck. Manche Betroffene haben vielleicht auch gern eine eigene Vertrauensperson dabei. Daher sollte auch dies ermöglicht werden, z. B. über Freikarten für Begleitpersonen von Menschen mit einem Merkzeichen B (= Begleitperson) im Schwerbehindertenausweis.

Tipp 11: Mehr Vielfalt auf dem Podium ermöglichen

Bisher habe ich den Fokus auf blinde und sehbehinderte Menschen als Zielgruppe von Veranstaltungen gerichtet. Aber selbstverständlich gehört zu diesem Themenkomplex auch, dass Menschen mit einer Behinderung viel zu selten auf dem Podium, in Organisationsteams, ja ganz grundlegend, als Mitarbeiter in der Eventbranche vertreten sind. Wenn man bedenkt, dass 9,3% der Bevölkerung, also 7,6 Mio. Menschen in Deutschland schwerbehindert sind, dann wird das Missverhältnis noch klarer. Blind sind übrigens rund 150.000, sehbehindert rund 1,2 Mio. Menschen hierzulande. Vor diesem Hintergrund lautet mein Tipp 11: Sorgen Sie für mehr Vielfalt in Ihren Teams, auf Ihren Podien!

Tipp 12: Einfach mal anfangen

Und schließlich der vielleicht wichtigste Tipp: Fangen Sie einfach mal an! Sie müssen nicht gleich alle Tipps perfekt umsetzen. Sie sollten aber anfangen. Anfangen, weil Sie damit neue Zielgruppen erreichen. Anfangen, weil Inklusion gemäß UN-Behindertenrechtskonvention ein Menschenrecht ist. Und anfangen, weil Inklusion und Vielfalt Spaß machen und Freude bereiten. Nicht nur für Menschen mit einer Behinderung, sondern auch für Menschen ohne Behinderung ist Vielfalt eine absolute Bereicherung. Das Engagement für Barrierefreiheit und Inklusion verlangt zwar Beharrlichkeit, Geduld und auch Renitenz. Es lohnt sich aber, weil nur eine inklusive Gesellschaft eine nachhaltige Gesellschaft sein kann, an der alle Menschen teilhaben und von der alle profitieren.

Von Kunsthalle bis HSV: Hamburger Museen machen mit beim #Sehbehindertentag

Blind durch ein Museum zu gehen, ist häufig nicht sehr erfreulich. An den Wänden hängen nur Fotos und Texte in Schwarzschrift. Und selbst wenn es Ausstellungsstücke gibt, die eigentlich ertastbar wären, sind diese in der Regel hinter Glas versteckt oder mit einem Schild „Nicht berühren“ versehen. Audioguides sind meistens für sehende Besucher gemacht – sprich: man kann sie ohne Hilfe nicht bedienen und die aufgesprochenen Texte sind mehr eine Ergänzung für den sehenden Besucher, erschließen aber dem blinden Zuhörer nicht die Ausstellung. Und auch eine geführte Tour arbeitet häufig mit Sätzen wie „Links sehen Sie jetzt…“.

Anders war das in dieser Woche in rund 70 Museen in Deutschland, allein sieben davon in Hamburg. Exponate wurden herumgereicht, gingen von Hand zu Hand. Gemälde wurden von Experten detailliert beschrieben. Anlässlich des diesjährigen Sehbehindertentags am 6. Juni fanden – initiiert vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und dem Deutschen Museumsbund – landesweit Aktionen zum Thema „Sehbehindert im Museum“ statt. In Hamburg gab es zum Beispiel einen Buchdruck-Workshop im Museum der Arbeit, eine blinden- und sehbehindertengerechte Führung durchs Polizeimuseum und eine durch das internationale maritime Museum.

Ich selbst war bei zwei Terminen dabei: zum einen bei einer Führung durch die Kunsthalle. Detaillierte Bildbeschreibungen von Edvard Munchs Madonna oder von Werken der Künstlergruppe „Die Brücke“ waren aufschlussreich und machten deutlich, warum diese Künstler zu ihrer Zeit einen Skandal nach dem nächsten verursachten. Gleichzeitig stellte die Kunsthalle eine barrierefreie Audio-Version ihres Ausstellungskatalogs vor, die zum Beispiel in der Norddeutschen Blindenhörbücherei ausgeliehen werden kann, aber auch in Zukunft online auf der Website der Kunsthalle veröffentlicht werden soll.

Für mich als Fan war zum anderen der Besuch im HSV-Museum ein Pflichttermin. Mehr als zwei Stunden lang führte uns Niko Stövhase, der Leiter des Museums und seines Zeichens wandelndes HSV-Lexikon, durch die 131jährige Vereinshistorie. Wir ertasteten Trikots und Fußbälle aus der Vergangenheit und verglichen sie mit den leichten Modellen von heute, erhielten detaillierte Beschreibungen des alten Stadions am Rothenbaum oder der Spind-Zeichnungen von Kevin Keegan und Franz Beckenbauer.

Und nicht nur die blinden und sehbehinderten Besucherinnen und Besucher waren begeistert. Sowohl in der Kunsthalle als auch im HSV-Museum hatte ich den Eindruck, dass die Museums-Mitarbeiterinnen und –Mitarbeiter den Sehbehindertentag als große Bereicherung empfanden. Und noch etwas wurde deutlich: Der 6. Juni war ein guter Anlass, aber die Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen sollen keine Eintagsfliege sein. Vielmehr werden die gemachten Erfahrungen in die Arbeit der Museen einfließen, es wird auch in Zukunft Touren für unseren Personenkreis geben. Museumsbesuche werden endlich auch für blinde und sehbehinderte Menschen eine Bereicherung, eine Freude sein.

Protest blinder und sehbehinderter Menschen: 7 Argumente gegen das Bundesteilhabegesetz

Am gestrigen Montag, 7. November 2016, demonstrierten mehrere Tausend Menschen mit Behinderung in Berlin gegen das Bundesteilhabegesetz. Anlass war die öffentliche Expertenanhörung des Bundestags. Allein zu der Protestkundgebung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes kamen rund 300 Betroffene.

Bereits im September hatten blinde und sehbehinderte Menschen für Schlagzeilen gesorgt. Unter dem Motto „Blinde gehen baden“ waren ca. 30 Aktivisten vorm Reichstag in die Spree gesprungen.

Doch wogegen richtet sich der Protest?

  1. Gegen die Ausgrenzung sinnesbehinderter Menschen: Zur gestrigen Expertenanhörung des Bundestags waren blinde, sehbehinderte, gehörlose und schwerhörige Menschen und ihre Organisationen gar nicht erst eingeladen. Das ist sinnbildlich für das Teilhabegesetz. Entweder wurden wir ganz vergessen, oder wir werden von der Politik gezielt gegen körperbehinderte Menschen ausgespielt.
  2. Gegen einen Nachteilsausgleich zweiter Klasse: Im Gesetz gibt es Verbesserungen bei der Anrechnung von Einkommen und Vermögen bei der Eingliederungshilfe. Diese Verbesserungen reichen bei Weitem nicht aus. Aber selbst diese kleinen Schritte in die richtige Richtung werden blinden Menschen vorenthalten. Die wichtigsten Nachteilsausgleiche – das Blindengeld und die Blindenhilfe – behandelt das Bundesteilhabegesetz einfach nicht.
  3. Gegen den Ausschluss sehbehinderter Menschen: Sehbehinderte Menschen (also Menschen die zwischen 2 und 30% Sehvermögen auf dem besseren Auge haben) haben bisher einen Rechtsanspruch auf Eingliederungshilfe-Leistungen, zum Beispiel wenn sie für ein Studium behinderungsbedingt besondere, zum Teil sehr teure Hilfsmittel benötigen. Dieser Anspruch entfällt im Teilhabegesetz komplett und wird durch eine willkürliche Regel ersetzt, wonach man nur Zugangsanspruch hat, wenn man in mindestens fünf von neun Lebensbereichen dauerhaften personellen oder technischen Unterstützungsbedarf nachweist.
  4. Gegen Diskriminierung bei der Bildung: Das Gesetz wird den Anforderungen an heutige Bildungs- und Berufsverläufe in keiner Weise gerecht. Unterstützende Leistungen für Hilfsmittel und Assistenz gibt es nur, wenn es zwischen den einzelnen Bildungsetappen einen engen zeitlichen und einen inhaltlichen Zusammenhang gibt. Lebenslanges Lernen und berufliche Umorientierung werden für blinde und sehbehinderte Menschen somit unmöglich.
  5. Gegen den Ausschluss aus der unabhängigen Beratung: Ein richtiger Schritt, den das Teilhabegesetz vorsieht, ist die Finanzierung einer unabhängigen Beratung für Menschen mit Behinderung. Der Haken: Diese berücksichtigt vergleichsweise kleine Gruppen von behinderten Menschen nicht. Z.B. taubblinde Menschen sind auf fachkundige Beratung angewiesen, die ihrer besonderen Behinderung gerecht wird. Solche dezentralen Beratungsangebote sind im Gesetz nicht vorgesehen.
  6. Gegen eine Aufweichung des Begriffs der Taubblindheit: Lange Zeit haben die 2.000 bis 6.000 Betroffenen für ein eigenes Merkzeichen TBL im Schwerbehindertenausweis gestritten. Die Einführung wäre ein Zeichen dafür, dass Taubblindheit endlich als Behinderung eigener Art anerkannt und nicht nur als Summe von Blindheit und Gehörlosigkeit verstanden wird. Während die Bundesregierung das Merkzeichen TBL endlich ins Teilhabegesetz aufnehmen will, will aber nun der Bundesrat aus unerfindlichen Gründen das Merkzeichen umbenennen, in aHS = außergewöhnlich hörsehbehindert.
  7. Gegen Diskriminierung im Alter: Im aktuellen Gesetzgebungsprozess wird überlegt, wie man die Leistungen der Eingliederungshilfe und die Leistungen der Hilfe zur Pflege voneinander abgrenzt. Hierbei gibt es Überlegungen sie ans Alter zu koppeln (bis zur Rente Eingliederungshilfe mit höheren Grenzen bei Einkommen und Vermögen, danach Pflegeleistungen, für die die bisherigen strengen Einkommens- und Vermögensgrenzen der Sozialhilfe gelten). Altersarmut ist vorprogrammiert, und womöglich gibt es keinen Zugang mehr zu Hilfsmitteln für Senioren. Das Menschenrecht auf Teilhabe scheint für alte Menschen nicht zu gelten. Der Begriff „Bundesteilhabegesetz“ ist eine Farce.

Umstrittene Personalie: Blinde Bentele soll Behindertenbeauftragte werden

Es ist die behindertenpolitische Topmeldung dieser Woche: Verena Bentele soll Behindertenbeauftragte der Bundesregierung werden. Die blinde Biathletin und Ski-Langläuferin wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch ihre großen Erfolge bei den Paralympics bekannt. Insgesamt kann sie zwölf Paralympics-Gold-Medaillen ihr Eigen nennen. Nach ihrem Karriereende als Sportlerin 2011 arbeitete sie als freiberufliche Referentin im Bereich Personaltraining. 2012 trat sie der SPD bei. Bentele war Mitglied der Bundesversammlung, die Bundespräsident Joachim Gauck wählte. Im Oktober 2012 engagierte sie sich im Team des SPD-Kandidaten Christian Ude als Expertin für Sport und Behinderte beim Landtagswahlkampf in Bayern.

Die neue Bundessozialministerin Andrea Nahles hatte ihre Partei-Genossin Bentele für das Amt der Behindertenbeauftragten vorgeschlagen. Am Mittwoch wird das Kabinett über die Personalie entscheiden. Die 31jährige Bentele würde auf Hubert Hüppe (CDU) folgen.

Die Reaktionen auf diese durchaus überraschende Nominierung fallen unterschiedlich aus. Viele SPD-Politikerinnen und –Politiker äußern sich auf Twitter positiv:

Auch die Christoffel-Blindenmission und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband begrüßten die Personalentscheidung. In der Frankfurter Rundschau zeigt sich der Journalist Arne Leyenberg geradezu euphorisch. Er schreibt:

Bentele aber hat schon vor Amtsantritt viel für die öffentliche Akzeptanz von Menschen mit Behinderung getan. Mit dem Gewinn von gleich fünf Goldmedaillen bei den Paralympischen Spielen von Vancouver wurde sie als erste Behindertensportlerin überhaupt einem breiteren Publikum bekannt. (…)Die Grenzen, die ihr der Körper setzt, hat sie nie akzeptiert. Sie hat sie erst ausgereizt und dann verschoben. Wer sich im blinden Vertrauen auf seinen Begleitläufer auf die Skipiste wagt, wer sich mit dem Mountainbike Abfahrten hinunterstürzt, wer im Kilimandscharo den höchsten Berg Afrikas besteigt, wer in 23 Stunden einen Fahrradmarathon durch Norwegen absolviert und nebenbei ein wenig Bunjee-Jumping und Fassadenlaufen betreibt, der ignoriert seine Einschränkungen einfach.

Warum es positiv sein soll, wenn ein Mensch mit Behinderung seine vermeintlichen Einschränkungen ignoriert, lasse ich an dieser Stelle einmal unkommentiert, obwohl das Behinderten-Bild, das hinter diesen Formulierungen steht, durchaus einen eigenen Artikel wert wäre.

Kommen wir aber noch einmal auf die Reaktionen auf Benteles Nominierung zurück. Diese fallen nämlich keineswegs nur positiv aus. Insbesondere die Tatsache, dass sie als Quereinsteigerin über keinerlei politische Erfahrung verfüge wird im Netz kritisiert. Auch habe sie sich bisher nicht für Barrierefreiheit eingesetzt:

Ich kann diese Kritik nur schwer nachvollziehen. Zum einen kann man sich zwar wünschen, dass Leistungssportlerinnen mit Behinderung ihre Popularität dafür nutzen, sich für Barrierefreiheit und Inklusion stark zu machen, ihre originäre Funktion ist dies aber nicht. Ebenso müssten man Profi-Fußballern mit Migrationshintergrund einen Vorwurf daraus machen, wenn sie sich nicht bei jeder Gelegenheit gegen Rassismus aussprechen. Und auch Benteles fehlende Erfahrung im Politik-Betrieb muss kein Hindernis sein. Im Gegenteil: hieraus könnte sich sogar mehr Unabhängigkeit ergeben. Es gab früher eine hunderttägige Schonfrist für Politiker, die ein neues Amt antraten. Der Politiker sollte eine Chance haben, sich in seine neuen Aufgaben einzuarbeiten, sich mit den bestehenden Strukturen vertraut zu machen. Leider ist dies heute wohl in Vergessenheit geraten. Stattdessen wird schon vor der offiziellen Berufung Benteles fleißig drauflosgepöbelt – Empörung statt sachlicher Beobachtung. Dabei wird vergessen, dass sich Menschen in neuen Positionen auch entwickeln können. Ich jedenfalls finde es zunächst ein positives Signal, dass erstmals ein Mensch mit Behinderung den Posten der Behindertenbeauftragten übernimmt. Selbstverständlich ist das vor allem Symbolik, deren Bedeutung aber nicht unterschätzt werden sollte.

Und was sagt Bentele selbst zu ihrer Nominierung? Auf ihrer Website heißt es wenig konkret:

Die aufregendsten Herausforderungen kommen immer dann, wenn man sie gar nicht erwartet. Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, hat mich kürzlich angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung zu werden. Nach einer kurzen Bedenkzeit, die ich bei einer so großen Aufgabe für völlig normal halte, habe ich zugesagt. Ich möchte mich ausdrücklich für das Vertrauen bedanken, das da in mich gesetzt wird. Zu Details meiner Arbeit kann und möchte ich derzeit noch nichts sagen, da erst in der kommenden Woche im Bundeskabinett über meinen neuen Posten beraten wird. Sollte es so kommen wie geplant, freue ich mich sehr auf diese neue Aufgabe und die Möglichkeit, mich als Behinderte für Behinderte einzusetzen. Ich freue mich schon jetzt auf ein spannendes Jahr 2014. Es wird definitiv kein Jahr zum Ausruhen. Aber das macht mir gar nichts – ich freue mich auf meine neuen Herausforderungen. Voriges Jahr habe ich den Gipfel des Kilimandscharo bezwungen, nun möchte ich mir Berlin genauer ansehen.

Ich wünsche Verena Bentele viel Erfolg in ihrem neuen Amt und hoffe, dass es ihr gelingt, sich für die Interessen aller Menschen mit Behinderung stark zu machen. Ich bin gespannt.