Erblinden eines Siebenjährigen: Leben in einer neuen Welt

Ich kann mich an keinen Traumatischen Moment erinnern. Mit sieben Jahren erblindete ich durch eine Operation. Das letzte, was ich in meinem Leben gesehen habe, waren meine Eltern, die an meinem Krankenhausbett standen. Und dann war da noch eine Frau – ich glaube, sie war die Mutter eines anderen Kindes von der Station – und eine Ärztin. Ich hatte damals große Angst vor Spritzen. Und so weinte ich auch jetzt wieder, weil ich die Narkose-Spritze nicht wollte. Aber hatte ich in diesem Moment Angst vorm Blindsein? Fürchtete ich, nie wieder auf einem Spielplatz toben zu können? War ich traurig, weil ich nie wieder würde Bilder malen können? Hatte ich doch kurz zuvor einen Malwettbewerb der Kleinstadt gewonnen, in der meine Eltern und ich damals lebten. Die Urkunde bekam ich einige Wochen nach meiner OP – als Blinder, der den ersten Preis in einem Malwettbewerb gewonnen hatte.

Meine Eltern hatten die Ärzte gebeten, mit mir raus gehen zu dürfen, in die Natur, damit ich noch einmal einen Baum sehen könnte. Damals konnte ich die traurige Schönheit dieses Wunsches nicht begreifen. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, diesen Wunsch geteilt zu haben. Zum Glück, denn er wurde nicht erfüllt. Die Zeit drängte. Die Operation musste schnell erfolgen. Alles Andere wäre lebensgefährlich gewesen. Als ich aus der Narkose erwachte, war ich blind.

War das ein Schock? Wenn ja, dann kann ich mich daran nicht erinnern. Ich erinnere mich ans Tasten, ans Neuentdecken der Welt. Ich stellte zum Beispiel fest, dass ich viele meiner Hörspielkassetten unterscheiden konnte. Manche Hüllen waren geriffelt, andere nicht, die Kassetten waren rau oder glatt, ihre Löcher waren eckig, andere rund, bei manchen konnte man in der Mitte das Band fühlen, andere hatten dort eine rechteckige Kunststoffplatte. So erkundete ich die Welt, erschloss mir meine kleine Kinder-Umwelt neu.

Und ich erinnere mich an die Traurigkeit meiner Eltern, meine Mutter, die fragte „konntest Du die Kassette sehen?“, nur weil ich die Drei-Fragezeichen-Folge auf Anhieb mit meinen Händen fand. Sie wollte nicht glauben, dass ihr Junge nichts mehr sah. Kinder wollen nicht, dass ihre Eltern traurig sind. Dieses Nichtwollen war wohl ein wichtiger Ansporn, schnell wieder selbstständig zu sein. Ich wollte meinen verunsicherten Eltern zeigen, dass ich auch als blindes Kind gut in der Schule sein, Freunde finden und fröhlich sein konnte.

All das geschah nicht bewusst. Es geschah einfach. Das Leben ging weiter. Die Blindenschule begann wenige Monate nach der OP. Ich lernte die Brailleschrift und verschlang schon bald Kinderbücher in Hülle und Fülle. Mit sieben, acht, neun Jahren will man die Welt entdecken. Ich entdeckte die Welt in der Literatur. Und ich wollte so gut lesen, wie die Menschen im Radio (in den 80ern wurde im Radio noch gesprochen). Ich las laut vor, selbst wenn niemand zuhörte.

Es soll hier keineswegs der Eindruck entstehen, dass Erblinden ein Ponyhof sei. Ich erinnere mich gut an mein erstes Jahr an der Hamburger Blinden- und Sehbehindertenschule, an das selbstständige Gehen über den Schulhof – tastend, unsicher, ängstlich – und an die Panik, die in mir aufstieg, wenn ich mich verlaufen hatte, an die Tränen, die Hilflosigkeit, die Scham. Ich war ein wilder Junge gewesen, als ich noch sehen konnte, war durch die Kleinstadt gerannt, hatte mich mit anderen Kindern gerauft. All das schien mir nach meiner Erblindung unmöglich, auch weil mein kompletter sehender Freundeskreis weggebrochen war. Es gab noch ein, zwei von unseren Eltern angeleierte Treffen mit dem Nachbar-Jungen. Sie waren bedrückend. „Jetzt können wir nicht mehr miteinander spielen“, sagte er. Ich wusste noch nicht, dass das Quatsch war. Ich suchte mir neue Freunde. Sie waren blind oder sehbehindert.

Taubblind Leben: Unterschriften-Aktion für mehr Eigenständigkeit

Über das Leben mit einer Taubblindheit wissen die meisten Menschen wenig bis gar nichts. Das Thema ist mit vielen Ängsten behaftet. Das Bild totaler Isolation der Betroffenen spukt in den Köpfen herum. Schon der Gedanke an eine Erblindung oder an den Verlust des Gehörs allein löst Furcht aus. Das Fehlen zweier Sinne, des Sehens und des Hörens, ist nur schwer vorstellbar. Taubblinde Menschen ertasten ihre Umwelt. Sie riechen und schmecken sie. Sie nutzen den weißen Stock. Vibrationsmelder kommen in der Wohnung zum Einsatz. Sie surfen mithilfe einer Braillezeile im Internet und chatten dort miteinander und mit nichtbehinderten Menschen. Sie lassen sich die Umwelt von Assistenten, Freunden und Familienangehörigen beschreiben. Dabei spielt die Kommunikationsform des Lormens eine zentrale Rolle. Der „Sprechende“ berührt beim Lormen die Handinnenfläche des „Lesenden„. Dabei sind einzelnen Fingern, sowie bestimmten Handpartien bestimmte Buchstaben zugeordnet. Taubblindheit ist nicht einfach die Addition zweier Behinderungen, sondern eine Behinderung eigener Art.

In DBSV-Direkt war im Dezember zu lesen:

Taubblinde Menschen haben in fast allen Lebensbereichen einen Assistenz-, Hilfsmittel- und Förderbedarf, der sich von dem blinder und gehörloser Menschen wesentlich unterscheidet. Das geht aus einem Gutachten hervor, das der Gemeinsame Fachausschuss Hörsehbehindert / Taubblind (GFTB) kürzlich veröffentlicht hat. Darin fordern der DBSV und weitere angeschlossene Verbände unter anderem, dass taubblinde Menschen Anspruch auf persönliche Assistenz im Umfang von 20 Stunden pro Woche haben, dass spezielle Hilfsmittel entwickelt werden und dass ein Taubblindengeld eingeführt wird, das den Bedarf an behinderungsbedingten Aufwendungen deckt.

Im System der Sozialleistungen ist der besondere Bedarf taubblinder Menschen bislang nicht verankert, so dass die Betroffenen unter einer dramatischen Unterversorgung zu leiden haben. Um die Situation taubblinder Menschen strukturell zu verbessern, muss zunächst anerkannt werden, dass Taubblindheit eine Behinderung eigener Art ist und nicht bloß die Summe von Blindheit und Taubheit. Deshalb setzt sich der GFTB seit 2007 für die Einführung eines Merkzeichens TBL im Schwerbehindertenausweis ein. Dieses Merkzeichen TBL soll den Verbänden als argumentative Grundlage dienen, um die gesetzliche Verankerung der in dem Gutachten beschriebenen Leistungen einzufordern. Ebenso kann es den Betroffenen helfen, ihre dann bestehenden Ansprüche gegenüber Behörden und Krankenkassen durchzusetzen.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, können sich für die Einführung des Merkzeichens TBL einsetzen, indem Sie eine Unterschriften-Aktion der Stiftung Taubblind Leben unterstützen. Sie können sich ganz einfach auf der Homepage der Stiftung in die Liste eintragen und damit helfen, das Thema Taubblindheit in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Aktion wird vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband unterstützt und läuft noch bis April 2011. Weiter sagen!

Berührungsängste: Tausend Worte können schön sein

Berührungsängste zwischen Behinderten und Nichtbehinderten sind häufig. Im Nachgang zu meinem Post über den Umgang mit behinderten Menschen wies mich Christian Ohrens via Twitter auf einen seiner Texte hin, den ich Ihnen gern ans Herz legen möchte. In ihm stellt der Autor seine Vorschläge vor, wie Berührungsängste gegenüber blinden Menschen abgebaut werden können. Er schreibt u. A.:

Die Tatsache, dass vieles in der menschlichen Kommunikation über Blickkontakt, Mimik und Gestik abläuft, trägt indirekt natürlich auch dazu bei, dass ein Ansprechen (beispielsweise auf einer Party) nicht stattfindet oder stattfinden kann, weil es im Vorfeld keine nonverbale Kommunikation via Augen-Blicke gegeben hat – und gezielt auch nicht geben kann.

Man kann also nur wissen, ob jemand Hilfe benötigt, ob jemand einer Unterhaltung nicht abgeneigt ist, ob man etwas fragen darf und so weiter, wenn man die Person wirklich anspricht. Auch wenn dies beim ersten Mal Überwindung kostet und vielleicht beim Angebot von Hilfe ein „Nein“ zurück kommen könnte, wer weiß, was eine zweite blinde Person antworten wird. Dies gilt ja nicht nur im Bezug auf Blindheit.

Und noch ein Wort zur nonverbalen Kommunikation und Blindheit. Was gesagt werden soll, kann man auch wirklich sagen und in Worte fassen, auch wenn viele der Meinung sind, dass ein Blick mehr als tausend Worte sagt, obwohl diese tausend Worte doch auch sehr schön sein können, oder?

Den vollständigen Artikel finden Sie auf christian-ohrens.de.