Wie stellen Sie sich eine blinde Seniorin vor? Viele Menschen antworten auf diese Frage wohl mit „Hilfebedürftig“, „einsam“ und „unglücklich“. Diese Schlagworte treffen auf Ruth Wunsch nicht zu. Die 78jährige, blinde Hamburgerin bereist die ganze Welt, lacht viel, engagiert sich in der Kirche und im Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg, dessen Ehrenmitglied sie ist. Und sie schreibt: eine Biografie, Reisebücher und einen bewegenden Brief an die Zukunft. Mit ihrem Text gewann Ruth Wunsch den Senioren-Schreibwettbewerb von Aktion Mensch und Diakonie. Sie und ihr Co-Autor Matthias Brömmelhaus lesen am kommenden Mittwoch, 10. Juni, 19 Uhr, auf der Flussschifferkirche Hamburg. Mehr Infos zu dem Tour-de-Braille-Event finden Sie auf der Homepage des BSVH.
Kategorie: Kulturelles
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Ein Herz für Blogs
Heut hat die Web2.0-Welt ein Herz für Blogs. Das ist in Zeiten von Twitter ja schon oldschool, vielleicht gerade deswegen so charmant. Ich empfehle die folgenden Blogs:
- Biopolitik – wegen der ungewohnten Denkweisen und der zu unrecht vernachlässigten Themen rund um Behinderung.
- 49 Suns – Wegen der formidablen Rock-Expertise und eines fantastischen Musikgeschmacks.
- Indiskretion Ehrensache – wegen der spitzen Feder und der gnadenlosen Bestandsaufnahmen.
- J.A. Blog – Wegen der klugen Gedanken und des Mutes zum geschriebenen Wort
- Menschenbilder – Wegen der literarischen Form und des reflektierten Inhalts.
- PR-Blogger – Wegen der vielen nützlichen Web2.0-Tipps und des modernen PR-Verständnisses.
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Ein altväterlicher Rat
Warum geht eigentlich kaum ein Mensch unter fünfzig in ein klassisches Konzert? Die Bezaubernde Anna und ich waren in den letzten wochen beim NDR-Sinfonie-Orchester und in der Staatsoper. Sei es nun Debussy, Ravel oder Mozart. Von einem guten Orchester gespielt, von stimmgewaltigen Chören und von durchdringend-sanften Vokalsolisten gesungen, das ist eine Ohrenweide, das bewegt, das ist komplex und gleichzeitig wunderschön. Und das auch für Klassiklaien. Live ein Orchester vor sich zu haben, ist etwas ganz anderes als das seichtleise Gedudel aus dem Radio. Natürlich macht der durchschnittliche Musikunterricht an unseren Schulen nicht unbedingt Lust auf mehr. Auch ich hab den Zugang zur klassischen Musik erst Stück für Stück in den letzten Jahren gefunden. Ich empfehle, es mir gleichzutun, sonst geht der hohen Kunst irgendwann noch die Fan-Gemeinde aus. Das hätte sie nicht verdient.
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Angst in der Spaßgesellschaft
In den letzten Jahren höre ich immer häufiger von Freunden und Bekannten, dass sie einfach nicht mehr können, ihnen das Leben über den Kopf wächst. Viele beginnen eine Psychotherapie. Ängste und Depressionen sind keine Seltenheit. Der Alltag um das dreißigste Lebensjahr, die unsichere, moderne Gesellschaft verlangen viel, oft zuviel vom Individuum. Und wir leben in einer Spaßgesellschaft. Wer berichtet da schon gern von seinen Befürchtungen, von seiner Traurigkeit? Ausgerechnet die Gute-Laune-Moderatorin Sarah Kuttner hat sich des Themas Depression in ihrem ersten Roman angenommen.
In „Mängelexemplar“ lässt sie ihre Ich-Erzählerin Karo von Panik-Attacken, Selbstekel und Verzweiflung in einem lustigen Menschen berichten. Bei Karo kommen die Entlassung aus der Event-Agentur und das Ende einer ohnedies unglücklichen Beziehung zusammen. Diese Anlässe lassen Ihr Angstfass überlaufen. Karo landet in einer Therapie und beim Psychiater. Aus der Krise geht sie gestärkt hervor, muss aber auch einsehen, dass sie weiter auf unsicherem Boden laufen wird. Eine der beeindruckendsten Szenen im Roman ist der Moment, in dem die Erzählerin feststellt, dass sie nicht nur vor anderen Menschen die witzig-spritzige Sprücheklopferin spielt, sondern auch sich selbst belügt und betrügt. Wann hat man eine Krise überwunden und wann gaukelt man es sich nur vor?
Kuttners Roman ist kein tiefgründig-vielschichtiger Literatur-Meilenstein. Aber er passt in die Zeit. Und er ist – wie könnte es bei der Autorin anders sein – humorvoll und witzig. „Mängelexemplar“ liest sich zügig und lässt einen doch nachdenklich zurück. Das Hörbuch mit fünf CD’s liest die Autorin selbst und charmant.
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