Kurz vor der Bundestagswahl habe ich meinen kleinen Accessibility-Test von Parteien-Websites erneut durchgeführt und im Hamburger Wahlbeobachter-Blog veröffentlicht. Im Vergleich zum Frühjahr hatten CDU und Linke ihre Websites hinsichtlich Barrierefreiheit verbessert. Auch die Seite der Grünen war optimiert. Allerdings hatte sich die Öko-Partei einen Groben Schnitzer geleistet und eine für blinde Menschen vollkommen unzugängliche Kampagnen-Seite vorgeschaltet, so dass ich mit Hilfe meines Screenreaders gar nicht zur eigentlichen Startseite gelangen konnte.
Inzwischen haben die Grünen diese große Hürde wieder entfernt. Daher würde meine Bewertung inzwischen wieder positiver ausfallen. Auch die CDU hat inzwischen noch einmal nachgebessert und eine akustische Version des Wahlprogramms online gestellt. Dennoch gibt es bei allen Parteien hinsichtlich Barrierefreiheit im Web noch viel zu tun. Und letztlich trifft zu, was xwolf in seinem Blog schreibt:
Der Prozess, die Website barrierefrei zu halten und den Stand zu bewahren -auch und gerade in Hinblick auf neue Medien und neue Geräte- ist jedenfalls etwas, was bei einer professionellen Website nie endet.
Das gilt auch für die Zeit nach der Wahl.
Ergänzend finden Sie einen ausführlichen Bericht zum Test auf welt.de.
Christian de Vries kenne ich schon seit einigen Jahren, besser gesagt: wir folgen uns seit einigen Jahren bei Twitter. Der Kommunikationsprofi hat ein lesenswertes Blog und ist inzwischen Manager Social Media bei der Online-Apotheke DocMorris.
Im DocMorrisBlog hat er mich interviewt. Unter der Headline „Barrierefreiheit ist nicht selbstverständlich“ berichte ich über Hürden und Chancen im Web, darüber wie blinde Menschen am PC arbeiten und nenne Positiv- und Negativ-Beispiele rund um Accessibility.
Ich danke Christian für seine Interview-Anfrage und hoffe, dass der Post viele Leser findet.
Dr. Johannes Wimmer ist Arzt und im Social Web aktiv. Im Interview mit mir gibt er Tipps zur Arztsuche, spricht über Chancen und Risiken von Diagnosen via Google und über seine Online-Projekte.
Dr. Johannes
Heiko: Immer wieder werden wir vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg von Augenpatienten gefragt: „Wie finde ich einen sehr guten Augenarzt?“ Wie lautet Deine Antwort?
Dr. Johannes: Jeder Mensch hat unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein sehr guter Arzt ist. Während die meisten Ärzte in Deutschland technisch und medizinisch auf einem hohen Niveau arbeiten, gibt es bei der Kommunikation große Unterschiede. Das liegt wohl auch daran, dass einige Menschen miteinander besser auskommen und andere nicht. Um einen guten Arzt zu finden lohnt es sich, mehrere, aber nicht zu viele Empfehlungen einzuholen. Danach sollte man zu zwei bis drei Ärzten gehen und diese ausprobieren. Am besten wählt man für diesen Probetermin einen Zeitraum, in dem es einem gut geht und man nicht in größter Not ist. So kann man in Ruhe erleben, ob die Chemie nicht nur mit dem Arzt, sondern mit dem gesamten Praxisteam stimmt. Manchmal kann sich aber auch ein Patienten-Arztverhältnis, welches zu Beginn gut war, über die Zeit verschlechtern. Dann sollte man sich trauen, auch einmal einen neuen Arzt auszuprobieren.
Heiko: Krankheiten googeln ist fast schon ein Volkssport – Symptome in die Suchmaschine eingeben, und fertig ist die Diagnose. Ist das Internet aus Mediziner Sicht Fluch oder Segen?
Dr. Johannes: Der Segen des Internets ist die unglaubliche Fülle an Informationen, der Fluch der Onlinemedizin ist die Orientierungslosigkeit. Die Masse an Inhalten der Webseiten kann den Benutzer erschlagen und auf die falsche Spur führen. Die Situation ist für Ärzte und Patienten schwierig, da in kurzer Zeit alle Informationen, die veraltet oder falsch sind, diskutiert werden müssen. Ein weiteres Problem ist, dass im Netz vor allem die schlimmsten Krankheiten und Diagnosen besonders stark vertreten sind. Wenn man abends im Internet nach einer medizinischen Antwort sucht, kann es passieren, dass man die nächsten Nächte nicht mehr schlafen kann und Todesängste durchstehen muss, weil das Internet Horrorszenarien geliefert hat. Ein absoluter Segen des Internets sind die sozialen Medien. Früher war es teilweise sehr schwer, Selbsthilfegruppen zu finden oder in Foren aufgenommen zu werden. Heute ist es leichter geworden, jemanden zu finden, der nicht nur das gleiche Problem hat, sondern sich sogar zum gleichen Zeitpunkt auf der Patientenreise befindet. Das heißt der andere User hat z.B. ebenfalls erst seit ein paar Tagen von einer Krankheit durch seine Ärzte erfahren. Twitter, Facebook, Google+ und die anderen Netzwerke bieten somit vielen Menschen emotionalen Halt und Sicherheit.
Heiko: Ärzte sind im Social Web immer noch eine Seltenheit. Warum hast Du ein Blog und eine Facebook-Seite gestartet und einen Twitter-Account eingerichtet?
Dr. Johannes: Ich wundere mich immer wieder, dass so wenige Ärzte in den sozialen Medien sind. Ich habe eine Vision, Menschen bereits während der Suche bei Dr. Google und auf dem Weg zum Arzt zu unterstützen. Über Twitter und Facebook kann ich schon mit kleinen Tipps und Tricks, den richtigen Fragen und Informationen meinen Followern helfen, für sich die beste Medizin zu bekommen. Das Feedback und die tollen Kommentare, die ich bekomme, sobald meine Videos online sind, zeigen mir, dass wir zusammen auf dem richtigen Weg sind!
Heiko: Wer steht hinter Doktor-johannes.de und was plant Ihr für die Zukunft?
Dr. Johannes: Dr. Johannes bin ich als echte Person. Ich habe nach einigen Jahren in der Medizin den Wunsch gehabt, die andere Seite des Gesundheitssystems kennenzulernen und bin in eine sehr große Werbeagentur gegangen. Dort durfte ich lernen, was die großen und kleineren Medikamentenhersteller und alle anderen Akteure im Gesundheitssystem machen und in Zukunft machen wollen. Die Arbeit war spannend, aber viel zu weit weg von den Menschen um die es geht. Ich habe nun für mich die perfekte Situation gefunden. Ich arbeite als Arzt in der Chirurgie in einem Krankenhaus in Hamburg mit einer halben Stelle und kann mit der anderen halben Stelle den Videoblog und meine Vision aufbauen. Ein Hamburger Verlag unterstützt mich dabei. Der Verlag Dumrath und Fassnacht ist nicht nur von der Idee des Blogs überzeugt, sondern auch von meiner Vision, dass Menschen bereits online den Grundstein für die beste Medizin legen können. Momentan drehe ich die Videos selbst, bearbeite Sie und stelle sie ins Netz. Die Mitarbeiter aus dem Verlag haben mir eine tolle Seite programmiert und sorgen dafür, dass die Videos online sind.
Heiko: Was gibt Dir die Arbeit im Social Web?
Dr. Johannes: Ich bin unglaublich dankbar für die Möglichkeit, Menschen wie Dich und die anderen Blogger, Follower und in den sozialen Netzwerken aktiven Menschen kennenzulernen. Das Gesundheitssystem in Deutschland wird sich verändern, wenn die Menschen, die es brauchen die Änderung gestalten. Zu sehen, wie dies online geschieht und wie Menschen mit schwersten Erkrankungen, deren Stimmen vorher nie gehört worden wären, heute zu den online Meinungsbildnern gehören, fasziniert mich.
Zur Person:
Dr. Johannes Wimmer (30) ist Hamburger Jung. Nachdem er in der ganzen Welt auf der Suche nach der besten Medizin war, ist er wieder in Hamburg angekommen. Medizin ist für ihn die Möglichkeit, jeden Tag menschlich zu wachsen. Den Antrieb, ständig weiterzumachen und immer die beste Leistung, menschlich und handwerklich, zubringen, hat er seiner Mutter zu verdanken. Seine Kraft schöpft er aus der Zeit mit seiner Familie und seinen beiden Dackeln.
In der Regel sind die finanziellen und personellen Ressourcen von Selbsthilfe-Organisationen begrenzt. Das wirkt sich auch auf die Social-Media-Aktivitäten aus. Entweder stemmen ausschließlich ehrenamtlich Aktive die anfallenden Aufgaben, oder es gibt vielleicht einen hauptamtlichen Mitarbeiter, der neben der Pressearbeit, dem Marketing, der internen Kommunikation und den Messeauftritten auch noch Social Media macht. Unter solchen Umständen ist klar: Vieles, was sinnvoll oder wünschenswert wäre, ist nicht möglich.
Umso wichtiger ist es, klare Schwerpunkte innerhalb der Social-Media-Strategie zu setzen. Welche Möglichkeiten gibt es noch? Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter sind häufig ideale Content-Lieferanten und sollten unbedingt in die Social-Media-Aktivitäten eingebunden werden. Sie kennen aus ihrer täglichen Arbeit die Themen, die die Zielgruppe beschäftigen. Und Mitarbeiter und Mitglieder sind authentisch – ein großer Gewinn für die Social-Media-Arbeit. Daneben sind aber auch die Stakeholder der Organisation, das virtuelle und reale Netzwerk der eigenen Organisation einzubinden. Hierunter sind zumeist viele wertvolle Multiplikatoren.
Ein nicht zu unterschätzender Weg, auch mit einem kleinen Budget neue Zielgruppen erreichen zu können, sind Gastbeiträge. Ein Beispiel: Vor einigen Monaten habe ich einen Gastbeitrag im Hamburger Wahlbeobachter-Blog veröffentlicht. Es ging hierin um die Barrierefreiheit von Parteienwebsites. Hiermit konnte ich Leute erreichen, die ein spezielles „Blinden-Blog“ nicht lesen. Dank der guten Vernetzung des Blog-Betreibers führte der Post zu einer Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung. Und es entstanden Kontakte zu mehreren Parteien, die sich mit mir zum Thema Barrierefreiheit austauschten. Sprich: So ein Gastbeitrag kann das eigene Netzwerk bereichern. Mein Rat: Bieten Sie aktiv fundierte Gastbeiträge an und seien Sie offen bei Anfragen, auch wenn Sie vielleicht zunächst denken „da passen unsere Themen doch gar nicht hin“.
Ein weiterer und zunehmend beliebter Weg sind Online-Petitionen. So haben wir vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg kürzlich die blinde Sängerin Joana Zimmer für eine gemeinsame Kampagne gewonnen. Hierbei hat die Berlinerin auf Change.org von RTL eine Audiodeskription bei der Tanzshow Let’s Dance gefordert. Für uns bot dies die Chance, dass ein für uns wichtiges Thema in die Öffentlichkeit gelangte, und wir wurden als Experten zum Thema und als engagierte Streiter wahrgenommen, die offen sind für moderne Internet-Kampagnen. Die Petition zog Presseberichte nach sich – u.A. im Hamburger Abendblatt, dem OK-Magazin und den Wochenblättern in Hamburg. Knapp 2.400 Menschen haben Joana Zimmers Petition unterzeichnet – für ein vermeintliches Nischen-Thema durchaus beachtlich, dennoch weit entfernt von einer breiten Resonanz. RTL sitzt die Forderung zudem aus und bewegt sich nicht. Heißt: Viralität ist auch bei Onlinepetitionen nicht garantiert. Der Versuch lohnt sich aber allemal.