Blindheit und der Glaube an die Wunderheilung

Christian Ohrens berichtete vor einigen Wochen in seinem Blog über eine Begebenheit, die wohl viele blinde Menschen so oder so ähnlich schon einmal erlebt haben:

Einmal, es ist schon etwas länger her, begegnete mir jemand auf der Straße, der im festen Glauben war, dass ich, durch sein Zutun, durch Gebete und den festen Glauben an Gottes Macht, wieder sehen könnte. Ob dies nun eher im übertragenen Sinne gemeint war lassen wir mal außen vor. Der gute Mann ließ sich nicht beirren und er wollte mich nicht mit dem Irrtum gehen lassen, dass genau dies einmal eintreffen sollte. Er bat mich, mir seine Hand auf meine Augen legen und dabei ein Gebet sprechen zu dürfen. Und in so einer Situation stehste da, überlegst, ob du ihn – entschuldigt die flapsige Wortwahl – zum Teufel jagen oder ihn einfach tun und reden lassen sollst? Sollte ich es also über mich ergehen lassen oder sein “Angebot” bestimmt, aber freundlich, ablehnen?

Ich hätte – so wie Christian es dann ja auch getan hat – bestimmt, aber freundlich abgelehnt. Das Problem in solchen Fällen: Anders als bei Vorurteilen aus Unwissenheit ist es mit dem Argumentieren ziemlich sinnlos, wenn es um Glaubensgewissheiten geht. Sprich: Menschen, die fest daran glauben, dass es Wunderheilungen gibt, dass Handauflegen oder Gebete dafür sorgen, dass blinde wieder sehen können, wird man nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über die eigene Erblindungsursache vom Gegenteil überzeugen können.

Und eigentlich will ich das auch gar nicht. Mir ist auch der Glaube an Wunder oder an Gott nicht suspekt – im Gegenteil. Was mich eigentlich an solchen Begegnungen stört, ist, dass meine Blindheit – und damit auch ich als Person – nicht akzeptiert wird, dass eine meiner wichtigsten Eigenschaften zu einem Symbol, zu einer Metapher, zu etwas degradiert wird, was mein Gegenüber nutzt, um seine Weltsicht, seinen Glauben bestätigt zu finden.

Das Motiv der Heilung Blinder ist in unserem Kulturkreis seit Jahrtausenden verankert. Da ist zum Beispiel die Heilung des blinden Bartimäus durch Jesus Christus.

Und sie kommen nach Jericho. Und als er aus Jericho ging mit seinen Jüngern und einer zahlreichen Volksmenge, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, der Blinde, bettelnd am Wege. Und als er hörte, dass es Jesus, der Nazarener sei, fing er an zu schreien und zu sagen: O Sohn Davids, Jesu, erbarme dich meiner! Und viele bedrohten ihn, dass er schweigen solle; er aber schrie um so mehr: Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und hieß ihn rufen. Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Sei gutes Mutes; stehe auf, er ruft dich! Er aber warf sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Jesu. Und Jesus hob an und spricht zu ihm: Was willst du, dass ich dir tun soll? Der Blinde aber sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Jesus aber sprach zu ihm: Gehe hin, dein Glaube hat dich geheilt. Und alsbald wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege. (Markus, 10, 46-52)

Ist die Heilung nur symbolisch zu verstehen? Hat Jesus einem verlorenen, sündigen Menschen hier sprichwörtlich die Augen geöffnet, oder hat er tatsächlich ein reales, medizinisch begründetes Nichtsehenkönnen geheilt? Und welche Lehren zieht man als Christ heute – in Zeiten der Inklusion – aus dieser Bibel-Geschichte?

Ich erinnere mich – ich war elf oder so -, da standen zwei Zeugen Jehovas in unserer Wohnungstür. Sie wussten, dass ich blind war (auf dem Dorf war das allgemein bekannt). „Du wirst wieder sehen können“, versprachen sie mir. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass das für ein Kind, das erst seit gut drei Jahren blind war, sehr irritierend gewesen ist.

Lustiger war da schon die Begebenheit vor einigen Jahren in der S-Bahn. Ich solle keine Lederarmbänder tragen und kein Fleisch mehr essen, hieß es da. Dafür seien Tiere qualvoll gestorben. Würde ich kein Leder tragen, würde auch mein Sehen wieder kommen. Eine erstaunliche Vorhersage, wenn man bedenkt, dass meine Augen durch zwei Operationen entfernt wurden.

Wie schreibt Christian zum Ende seines Artikels so schön?

Es gibt diesen schönen Spruch, dass der Glaube Berge versetzen kann. Richtig, das mag stimmen. Aber sehen können werden wir dadurch noch lange nicht.

Dem kann ich nichts hinzufügen.

Literatur-Tipp: Der Erwählte von Thomas Mann

Er schafft es immer wieder, mich zu überraschen, dieser Thomas Mann. Kürzlich bekam ich „Der Erwählte“ aus der Blindenschrift-Bücherei zugesandt. Die späte Erzählung stammt aus dem Jahr 1951. Eine Inhaltsangabe finden Sie bei Wikipedia. Ich möchte hier nur ein wenig die Werbetrommel für dies weniger bekannte Meisterwerk rühren. Wie gekonnt der Autor eine mittelalterliche Erzählung ausschmückt und ironisiert, ohne ihren religiösen und menschlichen Kern zu zerstören, das ist virtuos und zeitlos. Eine pathetische Geschichte von Inzest, Sünde, Selbstbetrug, Schuld, Buße und Vergebung wird durch den Mann’schen Erzählstil zu einer leichten Lektüre voller nachdenklicher Schmunzler und elementarer Gedanken über Moral und Religion. So zum Beispiel, als Sibylla – die einst ein Kind von ihrem Bruder bekam und unwissentlich nun dieses Kind heiraten möchte – zur heiligen Maria betet:

Des ist mein Herz von Zweifel voll und zage, ob ich’s dürfen soll. Nun ledige du meinen Geist, den du in Ängsten weißt, und hilf mir zu Gottes hulden ohn Achtung meiner Schulden! Du bist des Obersten Kind, wie alle Wesen sind, und bist doch seine Mutter, darum so tut er jedes, was du ihm sagst und ihn bedeuten magst. Ein Teil du mir’s schuldig bist, sag ich mit Frauenlist, dass du mir hilfst bei Gott, weil um der Sünder Not er in deinen reinen Bauch kam und dich zur Mutter nahm. Hätte nie niemand Sünd begangen, so wär das unergangen, was Gott mit Dir getan, hättest nicht ewiges Lob empfahn.