Hörtipp: Leben und Sterben im Hospiz

Im Oktober habe ich erstmals ein Hospiz besucht, im Rahmen des Navigator-Programms von Common Purpose. Ich war angenehm überrascht: Über die freundliche Atmosphäre im Gebäude und über das lebensbejahende Engagement der Mitarbeiter. Und mir fiel die – innere – Ruhe auf, die das Personal ausstrahlte. Diese Menschen wissen, dass sie etwas Sinnvolles tun. Sie setzen sich mit der Endlichkeit unserer Existenz auseinander – und das jeden Tag. Anders als die Meisten von uns, verdrängen sie die Wahrheit des Todes nicht, im Gegenteil. Sie tragen dazu bei, dass das Sterben als Teil des Lebens verstanden wird. Sie helfen ganz konkret. Sie machen diese Welt menschlicher.

Meinen Eindruck bestätigt auch eine berührende und sehr hörenswerte Reportage des NDR-Reporters Jörn Straehler-Pohl über „Leben und Sterben im Hospiz“. Sie kann hier angehört werden oder hier direkt heruntergeladen werden.

Zwei an einem Tag: Kluge Literatur fürs Herz

Es gibt Bücher, die erfreuen den Verstand. Und es gibt Bücher, die erfreuen das Herz. Zumindest mein Herz ist von David Nicholls‘ „Zwei an einem Tag“ mehr als verzückt. In dem Roman begleitet der Erzähler seine zwei Hauptfiguren über knapp 20 Jahre. Dexter und Emma verbringen die Nacht nach ihrer Uni-Abschlussfeier im Jahr 1988 miteinander, plaudern über sich und die Zukunft, unsicher und neckisch. Sie haben ein paar Ideale, Wünsche und Vorstellungen. Aber eigentlich wissen sie nicht, was die Zukunft bringt. Was sie bringt, erfährt der Leser in Jahres-Etappen. Immer wieder beleuchtet Nicholls den 15. Juli. Emma versucht sich – ohne großen Erfolg – in politischem Theater. Sie wird Lehrerin, später Schriftstellerin. Bei Dexter geht die Karriere früher los. Er geht in die Medien, wird Fernsehmoderator, nimmt Drogen, säuft, hat eine Affäre nach der nächsten und treibt durch Londons Nachtleben der 90er Jahre.

Trotz aller Unterschiede kommen die Beiden immer wieder zusammen. Man erfährt, was sie aneinander schätzen und warum sie trotzdem kein Paar werden – vorerst nicht. Sie streiten sich, sprechen Jahre nicht miteinander. Die Unterschiede und Enttäuschungen waren zu groß. Nicholls gelingt es ganz hervorragend, das Älterwerden einzufangen: Dexter, der mit Mitte 20 von der weiten Welt, schönen Frauen und dem Erfolg träumt, ständig feiert und sich nach Verbindlichkeit sehnt; der einige junge schöne Jahre in der aufregenden Welt der Medien erlebt, um mit 30 auf dem Abstellgleis einer Extreme-Sport-Sendung im Nachtprogramm zu landen und sich ins vermeintliche Eheglück incl. Kind zurückzieht, um am Ende ohne Frau und mit der Entfremdung zu seiner Tochter dazustehen – enttäuscht, wütend, einsam. Emma, die die Welt verbessern möchte und ihre Vorurteile gegenüber dem Oberschicht-Sprössling Dexter pflegt und dessen Vater als Faschisten beschimpft; die nach Jahren in schmuddeligen WG’s ihre Freude an schönen Möbeln findet; die ihre 90er mit einem Job in einem schmierigen Mexican Imbiss vergeudet und im neuen Jahrtausend die Erfolgsautorin einer Jugendbuch-Reihe wird, schicke Kleidung und Handtaschen trägt und nach Paris zieht.

In Paris finden sie zusammen. Nach all den Entbehrungen, Reibereien und Jahren einer spannungsreichen Freundschaft beginnt ihre gemeinsame, glückliche Zeit. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir Dexters und Emmas mehr oder minder vernarbte Wunden. Nicholls hat sie uns so plastisch dargestellt, dass wir den Beiden das Glück so unendlich wünschen, wir uns für sie freuen. Die beiden haben es sich so verdient. Sie sind Umwege gegangen. Waren sie nicht von Anfang an füreinander bestimmt? Aber vielleicht waren es ja gerade die Umwege der Selbsterkenntnis, die die Mitdreißiger zunächst gehen mussten, um endlich da anzukommen, wo sie schon immer hinwollten. Doch selbst Ihr Glück hält nicht lang. Das Schicksal schlägt so grausam zu, dass es mir beim Lesen einen Schmerz versetzte. Glück ist zerbrechlich, gerade deshalb ist es so erstrebens- und beschützenswert. Und der Leser fragt sich, hätten sie doch früher zueinander finden sollen. Wären sie dann länger glücklich gewesen?

Nicholls‘ wunderbarer Roman macht durch den Kunstgriff, immer dasselbe Datum Jahr für Jahr zu schildern, eines so spielerisch deutlich: Jeder Tag ist wertvoll, und an jedem Tag – sei es uns nun bewusst oder nicht – fällen wir Entscheidungen für die Zukunft, für oder gegen etwas oder jemanden. Damit stellen wir die Weichen für morgen, den 16. Juli, das nächste Jahr, die nächsten zwei Jahrzehnte. Liebe und Freundschaft, die Höhen und Tiefen des Lebens von Menschen zwischen 20 und 40 entdeckt Nicholls sicher nicht neu, aber er beschreibt sie so liebevoll, humorvoll und klug, dass die Lektüre von „Zwei an einem Tag“ das Leben bereichert.

Die Hörbuchfassung (Hörbuch Hamburg) wird von Nina Petri und Andreas Fröhlich gelesen, denen es hervorragend gelingt die unterschiedlichen Perspektiven von Emma und Dexter, aber auch ihre Zuneigung zueinander auszudrücken. Gerade Andreas Fröhlich – bekannt als Bob Andrews aus den „Drei Fragezeichen“ – spricht den Dexter so vielschichtig und nahe am Menschen, dass man nicht anders kann als mitzufühlen. Leider ist die Lesung gekürzt, so dass einige Jahre fehlen. Sie bleibt aber dennoch stimmig,