Blinde Kino-Bloggerin: „Möchte einfach immer im Bild sein“

Barbara Fickert
Barbara Fickert

Barbara Fickert kann nicht sehen, was auf der Leinwand vor sich geht – und doch ist sie leidenschaftliche Kinogängerin. Im Interview mit mir spricht sie über ihre Lieblingsfilme, die Kunstform Hörfilm und über ihren Blog.

Heiko Kunert: Du bist leidenschaftliche Kinogängerin. Welcher ist Dein Lieblingsfilm und warum?

Barbara Fickert: Im letzten Jahr, meinem ersten als Bloggerin, habe ich mir ungefähr 55 Filme angeschaut. Unter diesen kann ich mich unmöglich nur für einen als Lieblingsfilm entscheiden. Dazu waren einfach zu viele zu gut! Aber zu meinen absoluten Favoriten gehören „Das brandneue Testament“ und „The Danish Girl“. Beide Filme starteten erst vor kurzem in den Kinos und deshalb ist meine Erinnerung an diese noch recht frisch.

„Das brandneue Testament“ ist eine ausländische Filmproduktion, für die es leider keine Audiodeskription gibt. Ich musste mich also an die Dialoge, die Filmgeräusche und die Musik halten, um mir halbwegs ein Bild von den unglaublichen Geschehnissen machen zu können. Unglaublich gut gefiel mir die Idee, den himmlischen Vater auf der Erde mit seiner Familie und den Mitmenschen zu konfrontieren und dass ihm dabei so viel Menschliches widerfährt. Besonders irre ist der Schluss! Viel geholfen hat mir die von meiner Freundin spontan erstellte und in mein Ohr geflüsterte Hörfilmbeschreibung. Aber ich kam bei den Dialogen schon auf meine Kosten. Die waren im wahrsten Sinne des Wortes einfach göttlich. Mit göttlich meine ich sehr witzig, oft auch böse und dabei immer geistreich absurd und sehr einfallsreich. Abgerundet hat das alles noch die außergewöhnliche, mit viel Liebe und Bedacht ausgewählte Filmmusik.

Auch „The Danish Girl“ kommt aus dem Ausland. Aber der Filmverleih Universal Pictures beauftragt von Hause aus für alle Filme eine barrierefreie Filmfassung und stellt diese über die App Greta und Starks zur Verfügung. Dieses außergewöhnliche Engagement ist in der Filmbranche einzigartig. Es gibt also eine Hörfilmbeschreibung und die hat mich genauso in den Bann gezogen wie der Film. Ohne diese wären mir die Details der schleichenden, aber unaufhaltsamen Wandlung des Mannes Einar hin zur Frau Lili entgangen, und damit der hochinteressante Schwerpunkt des Filmes. Die sehr angenehme Stimme des Sprechers der AD hat diesen dramatischen Prozess, der auch seine komischen Seiten hat, diskret und sensibel, aber trotzdem sehr aufmerksam begleitet.

„Das brandneue Testament“ brachte mich immer wieder herzhaft zum Lachen, „The Danish Girl“ eher zu einem nachdenklichen und mitfühlenden Lächeln. Beide Filme sind einfach großartig!

Heiko Kunert: Du bist stark sehbehindert. Wie erschließt Du Dir das Medium Film?

Barbara Fickert: An erster Stelle steht natürlich das gesprochene Wort und gleich danach kommen die Stimmen der Schauspieler. Die Stimme mit all ihren Nuancen hilft mir zuverlässig, mir den jeweiligen Gemütszustand und jede noch so kleine Veränderung der Mimik und kleine Gesten der Filmfiguren vorzustellen. Die Filmgeräusche vermitteln mir einen Eindruck von Raum und Zeit. Allerdings habe ich mich beim Geräusche Deuten schon das ein oder andere Mal auch verdeutet. Zusammengehalten und abgerundet wird für mich der Film durch seine Musik, wie das auch beim Stummfilm der Fall ist. Ob dramatische Orchesterklänge oder traurige Melodien auf dem Klavier ertönen, mit Musik kann genauso gut wie mit Bildern, Worten, dem Klang einer Stimme und den Filmgeräuschen die gewünschte Stimmung erzeugt werden. Wenn z. B. beim „Weißen Hai“ die tiefen Töne der Celli zu hören sind, weiß man auch ohne hinzusehen, dass jeden Moment das Ungeheuer auftaucht. Bei Hitchcocks „Psycho“ fiedeln die Geigen so lange in nervenzerreißend hohen Tönen, dass man sich das nahende Unglück schon fast herbeisehnt.

Die Dialoge, Stimmen, Geräusche und die Musik sind mir eine große Hilfe, einem Film folgen zu können. Meistens oder eigentlich immer ist für mich aber eine Hörfilmbeschreibung für das hundertprozentige Verstehen der Handlung unverzichtbar.

Heiko Kunert: Hörfilme sind eine eigene Kunstform. Was macht für Dich einen guten Hörfilm aus?

Barbara Fickert: Entscheidend ist für mich zunächst, dass mir der Film an sich gefällt. Ist das nicht der Fall, kann das die beste Hörfilmbeschreibung nicht wettmachen. Für einen guten Hörfilm muss eben beides passen.

Das Erste, worauf ich achte, ist die Stimme, die mir die Hörfilmbeschreibung ins Ohr flüstert. Der Film gibt vor, ob sich ein Sprecher oder eine Sprecherin in das Dialogstimmgewirr besser mit einer eher jüngeren oder reiferen, einer ruhigeren oder energischeren Stimme einfügt. Im Idealfall erfahre ich durch die Sprecher all das, was sich mir durch die Dialoge, Geräusche und die Musik allein nicht erschließt. Grundsätzlich ziehe ich eine knapper gehaltene Audiodeskription einer zu ausführlichen vor. Es hängt von der Art des Films ab, ob mir beispielsweise die genaue Beschreibung der Kleidung wichtig ist und ob ich sehr detailliert erfahren möchte, wie die vorbeifliegende Landschaft aussieht. Auf den Punkt gebracht möchte ich einfach immer im Bild sein und mit den anderen Zuschauern zeitgleich lachen oder schlimmstenfalls auch weinen. Super, dass mir das die Hörfilmbeschreiber ermöglichen!

Heiko Kunert: Seit Januar 2015 lässt Du uns auf blindgaengerin.com teilhaben an Deinen Kinobesuchen. Warum hast Du mit dem Bloggen begonnen?

Barbara Fickert: Kino fasziniert mich schon so lange ich denken kann, und seitdem ich auf der Leinwand kaum noch etwas zu erkennen vermag, habe ich den Hörfilm für mich entdeckt. Mit meinen Versuchen, als Hörfilmbeschreiberin tätig zu werden, bin ich mehrmals gescheitert, das wollen wahrscheinlich einfach zu viele! Als ich im Dezember 2013 bei der ersten Kinovorstellung mit der App Greta und Starks in Berlin dabei sein durfte, begann es, in mir zu arbeiten. Ich wollte der ganzen Welt mitteilen, dass und wie man jetzt, auch ohne sehen zu können, genauso viel Spaß im Kino haben kann wie jeder andere auch. Nach ein paar ermutigenden Anstupsern aus meinem Umfeld habe ich dann, natürlich mit technischer Unterstützung, die Seite „Blindgängerin“ ins Leben gerufen. Bis jetzt bereue ich es keine Minute, mich unter die Blogger gemischt zu haben, im Gegenteil! Blogfrei wäre ich bestimmt nicht so oft ins Kino gegangen und hätte viele tolle Filme verpasst. Auch meine Scheu vor Facebook musste ich überwinden. Eine besonders große Bereicherung sind die vielen interessanten Leute, von denen ich sonst nie erfahren und die ich nie kennengelernt hätte. Einer davon ist übrigens mein Interviewpartner!

Über Barbara Fickert:

Seit Anfang des letzten Jahres schreibt Barbara Fickert (56) in ihrem Blog, www.blindgaengerin.com, über ihre Kinoerlebnisse. Sie lebt seit 32 Jahren glücklich in Berlin. Als gebürtige Mannheimerin wurde sie dort in eine Sonderschule für Sehbehinderte eingeschult und hat anschließend das Abitur an einem Regelgymnasium in Heidelberg absolviert. Nach dem Jurastudium in Heidelberg und Berlin, leider ohne erfolgreichen Abschluss, hat sie in Büros als Logistikerin gearbeitet. Vor 15 Jahren musste sie – anfangs widerwillig – das Training mit dem weißen Langstock absolvieren, den sie inzwischen keine Minute mehr missen möchte. Wenn sie nicht ins Kino geht, spielt sie akustische Gitarre und Percussion. Dazu versucht sie, sich durch Sport fit zu halten. Wer mehr über sie wissen möchte, kann das in voller Länge auf ihrer Seite unter „Über mich“ erfahren.

Typisch Almodóvar

Sollte sich ein blinder Mensch, einen Film anschauen, den der Tagesspiegel als „ein einziges großes visuelles Fest. Ein Rausch in Farben“ beschreibt? Ich habe es getan, weil es ein Film von Pedro Almodóvar ist – und in denen wird viel gesprochen, erklären sich die Szenen meist auch ohne die Beschreibung der Bilder. So ist es auch in „Zerrissene Umarmungen“. Im Zentrum stehen die Erinnerungen von Mateo, einem erblindeten Regisseur: Erinnerungen an Leidenschaft und Liebe.

Ich befürchtete eine eindimensionale Darstellung von Blindheit. Nach dem Motto: Der seit vierzehn Jahren blinde Regisseur schwelgt immer noch in Selbstmitleid und in der Sehnsucht nach der sehenden Vergangenheit – und eigentlich ist er eh nur als Metapher zu verstehen. Aber nein. Mateo arbeitet als Drehbuch-Schreiber, er liest die Zeitung mithilfe seines sprechenden Computers, er hat Liebschaften. Und er hat eine Vergangenheit. Und die kommt aus heiterem Himmel mit voller Wucht zurück. Mateo setzt sich mit seinen Verlusten auseinander: der Verlust der Geliebten von einst wiegt dabei schwerer als der Verlust des Sehens. „Zerrissene Umarmungen“ ist ein typischer Almodóvar: Verluste, dazu Unausgesprochenes, das endlich ausgesprochen wird. In den Filmen des Spaniers stellen sich die Menschen der schrecklichen Wahrheit. Und das ist erleichternd und menschlicher als ein Leben in Ungewissheit. Der Film mit Penélope Cruz und Lluís Homar ist in dieser Hinsicht nicht so eindrucksvoll wie zum Beispiel „Alles über meine Mutter“. Aber ein Kino-Besuch lohnt sich allemal.

Das Kino der Blinden

„Die Stadt der Blinden“ läuft seit gestern im Kino. Der Film bringt die Frage nach der Verfilmbarkeit von Blindheit wieder auf die Agenda. Und die Frage nach den Film-Gewohnheiten blinder Zuschauer. Hierzu einige Auszüge aus meinem Gedankenaustausch mit Strider auf Zoomer.de:

HKunert: Blindheit auf die Leinwand zu bringen, das ist immer ein schwieriges Unterfangen. Ich selbst bin blind und weiß, dass das Bild der sehenden Menschen von
uns durch die Medien geprägt ist. Direkten persönlichen Kontakt mit Blinden haben dagegen die wenigsten. Somit kommt Filmen wie „Blindsight“, „Erbsen auf halb 6“ oder „der Duft der Frauen“ eine große Bedeutung zu. Nun geht es bei der „Stadt der Blinden“ – ich kenne bisher lediglich das grausam gelungene
Hörspiel – ja eigentlich nicht wirklich um die Behinderung Blindheit. Das Nichtsehen ist hier eine Metapher. Hoffentlich versteht das jeder Zuschauer auch so.

Strider: Wirst Du Dir dann den Film trotzdem im Kino ansehen, respektive anhören? Hab mal gehört, dass es in einigen Kinos den Service gibt, dass Sehgeschädigte eine Art Untertitel per Kopfhörer bekommen können, der ihnen erklärt, was gerade zu sehen ist? Von so einer Möglichkeit schon mal Gebrauch gemacht? Wenn ja, ist das hilfreich oder eher störend?

HKunert: Ich sehe mir gern Filme an (ich benutze übrigens auch diese Formulierung, da sie einfach umgangssprachlich so gebraucht wird, auch wenn ich den Film eigentlich ja höre). Für mich funktioniert ein Film mehr wie ein Hörspiel. Und in Dolby-Zeiten wird in Filmen ja auch immer mehr Wert auf guten Sound gelegt. „Die
Stadt der Blinden“ werde ich gewiss sehen. Den Service mit dem Kopfhörer habe ich schon einmal genutzt. Dabei wird die Audiodeskription – sprich: die Beschreibung von Mimik, Gestik usw. – übertragen. Diese sog. Hörfilme laufen ja auch gelegentlich im TV und sind eine tolle Sache. Da die Beschreibungen passend in die Dialogpausen gesprochen werden, entgeht mir kein Wort und meine sehende Kino-Begleitung kann sich voll auf den eigenen Filmgenuss konzentrieren und braucht mir nichts zu erklären. In Kinos ist
dieser Service aber sehr selten.

Strider: Dass Filme für Dich wie Hörspiele sind, habe ich mir schon fast gedacht, aber wie funktioniert das bei Komödien, die ja auch viel von Mimik und Gestik leben? Geht da insgesamt nicht auch einiges am Inhalt verloren?

HKunert: Es gibt tatsächlich Filme, die besser für mich geeignet sind, und es gibt Filme, die für mich kaum Konsumierbar sind. Für mich sind dialogreiche Streifen
natürlich ein wesentlich größeres Vergnügen als Filme, die ihre Spannung ausschließlich aus Bildern ziehen. So ist mir z.B. von den Coen-Brüdern ein „Big Lebowski“, in dem eigentlich nonstop gesprochen wird und der stark von seinem Wortwitz lebt, lieber als „No country for old Men“, in dem stumme Verfolgungsszenen
genial umgesetzt sein sollen. Aber klar: Wenn man es aus Sicht eines Sehenden betrachtet, geht mir bei jedem Film etwas verloren, da mir das Visuelle fehlt. Für mich ist ein Film etwas ganz anderes als für Dich. Für mich spielt viel mehr die Fantasie eine Rolle. Aus Geräuschen, Stimmen und Musik setze ich mir ein „Bild“ zusammen. Gelegentlich schließe ich das Geschehene erst aus der Folgeszene, weil rein akustisch z.B. nicht sofort klar war, wer jetzt wen erschossen hat. Nur: für mich ist es ja normal, ohne das Sehen zu leben, ob nun bei der Arbeit, am PC, in der U-Bahn oder im Kino. Somit würde mir ja noch mehr verloren
gehen, wenn ich mir die Gestik-Mimik-Komödie gar nicht anschauen würde.