Blinde Eltern: „Man wächst mit seinen Aufgaben“

Wie es ist als sehendes Kind bei blinden Eltern aufzuwachsen, war kürzlich Thema hier im Blog. Heute kommen wir zur Eltern-Perspektive: Ich freue mich sehr, dass die blinde Bloggerin Lydia Zoubek einen Gastbeitrag für Heikos.blog geschrieben hat. In ihm berichtet sie von gesicherten Schubladen und Steckdosen, von ihren selbstständigen Kindern und von aufdringlichen Miterziehern.

Herbst 2005 auf einem Bahnhof. Meine Kinder, fünf und sechs Jahre alt, und ich sind gemeinsam mit einer Freundin und deren Tochter unterwegs. Beim Umsteigen weist sie meine Kinder mehrfach an, ihre Mama mitzunehmen oder auf sie aufzupassen. Die Kids und ich sind eingespielt und nicht zum ersten Mal auf einem Bahnhof unterwegs. Ich nehme mir vor, das Gespräch mit der Freundin zu suchen, sobald wir wieder im Zug sitzen.

Seit ich mich für eigene Kinder entschieden hatte, wurde ich regelmäßig mit der Skepsis sehender Mitmenschen konfrontiert. Auch in den eigenen Reihen bekam ich Sätze zu hören wie „Also, ich finde es unverantwortlich, als Blinde Kinder in die Welt zu setzen“. Nun gut, da hat jeder seine Meinung, ich habe meine, fertig! Und wenn es Probleme gab, dann würde ich mich zu gegebener Zeit damit auseinandersetzen.

Und so war es auch. Da ich ein lösungsorientierter Mensch bin, fand ich die Lösungen, die ich brauchte, oder ich fand jemanden, der die entsprechenden Ideen hatte. Dazu gehören folgende Aufgabenstellungen:

  • mit dem Kind nach draußen gehen. Ich löste das durch ein Tragetuch. Das Baby war am Körper, und ich musste mir keine Gedanken über Ausflüge mit Kinderwagen machen. Später, als das Kind zu schwer wurde, hatte ich einen Kinderwagen, den ich gut hinter mir her ziehen konnte. Einfacher wurde es, sobald mein Kind gelernt hatte, zuverlässig an meiner Hand zu laufen. Das übten wir auf Wegen, die ungefährlich waren.
  • Gefahren in der Wohnung. Steckdosen waren gesichert, und alles, was für meine Kinder gefährlich werden konnte, für sie unerreichbar. Meine Putzmittel standen beispielsweise auf einem Regalfach in 2 m Höhe, die Küchentür stand nie unbeaufsichtigt offen, und Schubladen mit Messern usw. waren entsprechend gesichert.
  • Nahrung und Pflege. Ich habe, wie jede sehende Mutter auch, gelernt, mein Kind zum Stillen richtig anzulegen. Meine nachsorgende Hebamme zeigte mir die weiteren Handgriffe, die zur Säuglingspflege nötig waren. Sie war es auch, die mir den Kontakt zu zwei anderen Müttern vermittelte, die kein Problem mit meiner Sehbehinderung hatten. Der Erfahrungsaustausch rund um Baby und Kleinkind tat uns allen gut. Später meldete ich uns in Mutter-Kind-Gruppen an.

Man wächst mit seinen Aufgaben. Das ist auch bei Eltern mit Behinderung so. Auch ich habe mir nach und nach erarbeitet, wie ich welchen Brei zubereite, wie ich die Wäsche meiner Kinder auseinanderhalte oder wie ich sicher stelle, dass meine Kinder keine Defizite in Sachen Gestik und Mimik haben. Frühförderung habe ich nie bekommen, und so etwas wie Elternassistenz erst recht nicht. Die habe ich mir, wenn nötig, selbst finanziert.

Was ich nicht lösen konnte, das waren das Mitleid meiner Mitmenschen und deren komische Denkweisen. Ich weiß noch, dass ich mit meiner acht Monate alten Tochter im Tragetuch auf eine U-Bahn wartete und sie mit meinem Blindenstock spielte. Eine Dame fragte mich doch tatsächlich: „Ist das Kind blind?“

Sobald meine Kinder an meiner Hand liefen, wurden sie regelmäßig dafür gelobt, dass sie der Mama so toll helfen. Hallo, welcher vernünftig denkende Mensch würde sich einem Kleinkind blind im Straßenverkehr anvertrauen? Eltern haben eine Aufsichts- und Fürsorgepflicht ihren Kindern gegenüber, unabhängig davon, ob mit oder ohne Behinderung.

Ich habe versucht, meinen Kindern so viel wie möglich selbst zu vermitteln. Für die anderen Dinge habe ich mir zuverlässige Hilfe geholt. Ich ließ meinen Kindern zeigen, wie man auf eine Ampel schaut, wie man einen Fahrplan liest und wie man herausfindet, welche S-Bahn da gerade einfährt. Während andere Kinder viel mit dem Elterntaxi unterwegs waren, wussten meine Kinder wie man wann welche Fahrkarte löste und wie sie sich verhalten müssten, wenn wir einander verlieren. Das schafften wir auch ohne Smartphone. Und mir tat das Wissen gut, dass meine Kinder sich selbst helfen können.

Wenn ich erzähle, dass ich Kinder habe, fragt garantiert jemand: „Aber Ihr Mann ist doch sehend?“ Nein, ist er nicht. Es folgt die Frage „die Kinder helfen Ihnen doch bestimmt?“, oder „die Familie hilft Ihnen doch?“. Ich kann inzwischen gut mit diesen Fragen umgehen. Leider gibt es genügend Menschen, die meine Kinder mit Fragen bombardieren, wie z. B. ob sie zuhause kochen müssen, oder ob wir Essen auf Rädern bekommen. Und, nein, ich habe keinen gesetzlichen Betreuer, und meine Kinder bekommen auch keine verdorbenen Lebensmittel angereicht.

Eine Grenze war erreicht, als meine Tochter sich ein Ohrloch stechen lassen wollte. Dazu war die Begleitung eines Elternteils nötig. Also gingen wir in das entsprechende Geschäft, und meine Tochter trug ihr Anliegen vor. Darauf entbrannte eine große Diskussion darüber, dass ich ja unterschreiben müsse und das nicht ginge. Nachdem die beiden Mitarbeiterinnen das lautstark durchdiskutierten, ohne mir überhaupt Beachtung zu schenken, verließen wir diesen Laden, der mein Geld einfach nicht verdient hat.

Ja, in manchen Bereichen brauche ich Hilfe. Und auch in Bereichen, die andere blinde Eltern besser bewältigen können. Denn auch blinde Eltern unterscheiden sich. Blind und Eltern sind nur zwei von ganz vielen anderen Eigenschaften. Und ich stehe zu meinen Stärken und Schwächen. Gemeinsam haben wir allerdings ein Problem, nämlich die vielen selbsternannten Miterzieher, deren Repertoire von gut gemeinten Ratschlägen bis hin zu übergriffigem Verhalten reicht. Gegen diese meist lernresistente Spezies ist kaum ein Kraut gewachsen, außer irgendwann auf Distanz zu gehen. Meine Kinder bekommen ihre Anweisungen von uns Eltern, und nicht von irgendwelchen Miterziehern, die ihnen erklären wollen, wie sie mit ihren Eltern umzugehen haben und was sie alles für uns tun sollen. Leute, wenn Ihr Euch in der Rolle der helfenden Hand gefallt, dann sucht Euch ein anderes Betätigungsfeld, und schont meine Nerven. Ich brauche Euer Mitleid nicht.

Aber es gibt nicht nur diese Menschen. Da ist die Freundin, die in der dritten Klasse an einem Nachmittag mit meinem und ihrem Kind für Diktate übte, die Freundin, die bei Kindergeburtstagen half, den Überblick über das Geschehen zu behalten, da ist die Freundin, die einmal in der Woche mit mir zum Einkaufen geht, ohne bestimmend in mein Leben einzugreifen. Diese Menschen sind es, die mich immer wieder an das Gute im Menschen und an das Missverständnis glauben lassen.

Mehr Einblicke in ihren Alltag als blinde Mutter mit arabischem Hintergrund bekommt Ihr in Lydias lesenswertem Blog Lydias Welt und auf Twitter. An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön für Deinen spannenden Gastbeitrag, Lydia, und Dir weiter viel Erfolg mit Deinem Blog!

Neugier gegenüber behinderten Menschen: Eine Frage des Respekts

Raul Krauthausen hat in seinem Blog 10 Dinge, die alle Eltern ihren Kindern über Behinderungen beibringen sollten veröffentlicht. Hierin ermutigt er Eltern, mit den Fragen der Kinder offen umzugehen, den Menschen mit Behinderung diese sogar selbst zu stellen. Und er schreibt:

Auch wenn es toll ist, dass so viele Eltern nicht möchten, dass ihre Kinder mich beleidigen, sollten sie nicht wütend auf ihre Kinder werden, wenn sie Fragen zu meiner Behinderung haben. Angst, Scham oder Verlegenheit ist nicht das, was Kinder im Zusammenhang mit Behinderungen empfinden sollten. Kinder fragen ihre Eltern oft nach mir. Das stört mich nicht.

Was für Kinder erlaubt ist, gilt bei Erwachsenen als unhöflich. Das sagt zumindest der Deutsche Knigge-Rat:

Plumpe Neugier ist im Small Talk generell tabu. Fragen Sie Ihren Gesprächspartner nicht, warum oder seit wann er eine Behinderung hat. Wenn er will, wird er Ihnen die Geschichte von selbst erzählen. Anstarren gehört nicht zu den guten Umgangsformen. Bedenken Sie, dass auch blinde Menschen Blicke spüren.

Diesem Tipp stimmen nicht alle Menschen mit einer Behinderung zu. So empfand einer meiner Follower auf Twitter ihn als blödsinnig und fragte, warum der Interessierte die Behinderung nicht thematisieren solle, wenn es ihn interessiere.

Gerade weil der Umgang mit behinderten Menschen in Deutschland nicht selbstverständlich ist, haben viele Nichtbehinderte Fragen. Und wenn sie zum Beispiel – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – mit einer blinden Person zu tun haben, dann wollen sie diese gern stellen. Ich selbst ermutige Menschen sogar oft hierzu, informiere aktiv darüber, wie ich mich in der Stadt orientiere, wie ich das Internet nutze oder koche. In der Regel ergeben sich daraus weitere Fragen – und so kann ich Stück für Stück Vorurteile und Unsicherheiten abbauen.

Dennoch halte ich den Knigge-Tipp für richtig. Wir Menschen mit Behinderung müssen das Recht haben, auch mal nicht über unsere Behinderung zu sprechen. Erstens kann es nerven, ständig dieselben Fragen beantworten zu müssen, zweitens kann der Eindruck entstehen, dass wir permanent auf unsere Behinderung reduziert werden, und drittens können auch unangenehme Erinnerungen oder Gefühle hoch kommen. „Wieso bist Du blind?“ ist eine unschuldige Frage, kann aber die Erinnerung an lange Krankenhaus-Aufenthalte oder Ängste und Wut bei den Betroffenen wach rufen. Gerade Menschen, die ihre Behinderung noch nicht verarbeiten konnten, kann es schwer fallen hierüber zu sprechen. Insofern ist es eine Frage des Respekts, behinderte Menschen nicht mit plumper Neugier zu bombardieren.

Das sollte insbesondere in funktionalen und beruflichen Zusammenhängen gelten. Wenn mich zum Beispiel in einem geschäftlichen Termin mein Gegenüber plötzlich fragt, ob ich denn wirklich gar nichts sehen kann, finde ich das unpassend.

Barbara Sichtermann sagte während der Brüderle-Sexismus-Debatte einmal im Deutschlandfunk:

Männer müssen lernen, Frauen in funktionalen Zusammenhängen so wahrzunehmen, dass sie, während diese Zusammenhänge dominieren, nicht ans Geschlecht denken.

Übertragen auf das Thema dieses Artikels, heißt das: Nichtbehinderte müssen lernen, behinderte Menschen in funktionalen Zusammenhängen so wahrzunehmen, dass sie, während diese Zusammenhänge dominieren, nicht an die Behinderung denken – und diese erst recht nicht thematisieren.

Was denken Sie?