Blinde können sehen, wenn man sie lässt: Hörenswertes Feature aus den USA

Mit der Berichterstattung über Blindheit ist das so eine Sache. Sie schwankt meist irgendwo zwischen Überhöhung und Mitleid. Häufig steht die Behinderung als rein medizinisches Phänomen im Mittelpunkt, nicht der Mensch, nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ausführlich habe ich hierüber bei Leidmedien.de geschrieben. Dass es auch anders geht, zeigt ein ganz hervorragendes Feature aus den USA. In der Senderreihe Invisibilia lief bereits im Januar eine Folge mit dem Titel „How To Become Batman“.

OK, der Titel klingt noch nicht sonderlich originell, der Inhalt und die Form der Sendung sind es aber allemal. In der Ankündigung zur Sendung heißt es:

Alix and Lulu examine the surprising effect our expectations can have on the people around us. Plus, the story of a blind man who says expectations have helped him see. Yes, see.

Im Zentrum steht Daniel Kish, der sich als blinder Mensch mit Hilfe von Klick-Lauten orientiert, Seine Umgebung erkundet, Fahrrad fährt. Das Feature zeigt, welch großen Einfluss die Erziehung auf die Entwicklung seiner Fähigkeiten hatte. Kish hatte das Glück, dass er sich als Kind allein und frei bewegen durfte, in Bäumen klettern, die Nachbarschaft erkunden durfte. Vielen blinden Kindern bleibt dies verwehrt, weil Eltern ängstlich sind, sie es ihren Kindern nicht zutrauen.

Ich selbst erinnere mich an Kinder, die mit zehn Jahren zu uns ins Internat für Blinde und Sehbehinderte kamen und die sich nicht einmal in geschlossenen Räumen eigenständig bewegen konnten, weil sie während ihrer gesamten Kindheit an der Hand der Eltern gegangen waren. Das sind zwar Extrembeispiele, dennoch: Behinderung ist nicht primär biologisch, sie ist ein gesellschaftliches Phänomen. Erwartungen unserer Eltern, unserer Mitmenschen prägen uns und unsere Fähigkeiten. Blinde Menschen können sehen – das sagt inzwischen sogar die Hirnforschung -, wenn man uns lässt.

Das NPR-Feature macht dies journalistisch hoch professionell und sehr unterhaltsam zum Thema. Warum hört man Vergleichbares eigentlich nie im Deutschen Radio? Dabei tappen die Macher nicht in die Falle, den Weg Daniel Kishs als alleinseligmachend zu verkaufen. Es wird auch die Frage gestellt, ob es nicht beinahe gewalttätig gegenüber blinden Kindern ist, wenn man von ihnen verlangt, dass sie so sein müssen wie sehende Kinder. Es kommt nicht nur Kish als Maßstab aller Dinge zu Wort, sondern auch andere blinde Menschen und Vertreter von Blinden-Organisationen. Großartig!

Das Feature kann auf npr.org nachgehört werden. Nehmen Sie sich die Stunde Zeit, und vielleicht denken Sie danach anders über Blindheit, Behinderung, den Menschen, die Welt.

Lieben Dank an Tina und Toby, die mich auf den Podcast aufmerksam gemacht haben!

Noch ein Hörtipp: Sehnsucht nach Bild

Es ist wahrscheinlich die größte Angst eines passionierten Fotografen: zu erblinden. Bildwelten zwischen Poesie und Fantastik schuf der Fotograf Hannes Wallrafen. Seine Arbeiten hängen in vielen Museen und Sammlungen. Durch eine seltene Augenkrankheit – Lebersche Optikusatrophie – erblindete er binnen weniger Monate. Die Erblindung nötigte ihn auch künstlerisch zu einem neuen Leben, das er sich mit Kraft und Nachdruck eroberte. Er tauschte die Welt der Bilder mit der Welt der Töne. Der Fotograf wurde Audiograf.

In einem sinnlichen und nachdenklichen Feature von Rogeria Burgers kommt Wallrafen ausführlich zu Wort. Er spricht über seinen Weg vom Sehen zum Hören. Und er spricht über die Kraft, die ihm sein neues Leben abverlangt. Die Sendung kann auf der Website von SWR2 nachgehört werden, oder Sie laden sich die MP3-Datei gleich hier herunter.

Was für die Ohren: Krach und Stille

Nach Tobys Blogwichtel-Beitrag gibt es heute erneut etwas auf die Ohren. Was haben ein Presslufthammer und ein schnarchender Ehemann gemeinsam? Warum ist Stille nicht still? Welche Geräusche prägen unseren Alltag? Welche Rolle spielen sie für blinde Menschen?

Robbie Sandberg begibt sich in seinem Beitrag auf eine Gradwanderung zwischen Krach und Stille (eine Sendung von Blinde & Kunst e.V. im Rahmen von “Ohrenblicke – Radiokunst von Blinden & Sehenden”). Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit diesem hörenswerten Beitrag und bedanke mich bei Robbie dafür, dass er auch mich zum Thema befragt hat.