Blinde Hellseher

Mit einer Blindenschriftmaschine und dem Braille-Alphabet zum Mitnehmen ist man ein echter Blickfang. Am Freitag betreute ich einen BSVH-Infostand auf dem Altonaer Paul-Nevermann-Platz. Dort machten die Entwicklungshelfer von der Christoffel Blindenmission Halt. Sie luden den BSVH ein, und so erklärte ich in der Spätsommersonne Grundschülern die Sechs-Punkte-Schrift, schrieb Namen und Grußbotschaften in Braille auf kleine Kärtchen und traf so manch einen interessanten Hamburger: Da war die Kenianerin, die früher als Lehrerin in ihrem Land gearbeitet hatte und sich an einen sehbehinderten Schüler erinnerte, der immer Klassenbester gewesen war. Da waren die zwei fröhlichen Mädchen, die sich von mir „Stella und Fanina – Freundinnen fürs Leben“ in doppelter Blindenschrift-Ausführung tippen ließen. Und da war der Freak, der meinte, dass blinde Menschen hellseherische Fähigkeiten hätten und diese mit Psychopilzen und Cannabis noch steigern könnten. So bunt ist Hamburg. blinde und sehbehinderte Menschen sind ein Teil dieser bunten Stadt. Aktionen wie die am Freitag machen dies sehenden Bürgern bewusst.

Sehbehindert shoppen

Heute ist Sehbehindertentag. Deutschlandweit machen Organisationen auf die Lage sehbehinderter Menschen aufmerksam. Nach dem

Gesetz gilt man als sehbehindert, wenn man auf dem besser sehenden Auge weniger als 30 Prozent sieht. Schätzungen zufolge dürften

in Hamburg rund 50.000 Menschen dieses Kriterium erfüllen. Daher liebt es nah, dass wir von unserem Verein auch Aktionen zu diesem

Tag durchführen. Hunderte von Besuchern informieren sich seit gestern auf der Mini-CeBIT über elektronische Hilfsmittel. Und heute

haben wir, darunter der Verfasser dieser Zeilen, in der Galeria Kaufhof in der Mönckebergstraße zum Thema informiert. Die Presse

wurde benachrichtigt. Infomaterial für Kunden lag aus. Die Mitarbeiter erkundeten ihre vertraute Arbeitsumgebung mit einer Brille, die

eine starke Sehbehinderung simuliert. Warum ausgerechnet im Kaufhof? Kaufhof ist die erste Shopping-Kette, die einen Begleitservice

für blinde und sehbehinderte Kunden anbietet. Hoffentlich macht dieses Beispiel Schule. In unserer Konsum-Welt ist selbstbestimmt

einkaufen zu können eine Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Und wenn die Mitarbeiter der Geschäfte so offen und

interessiert sind wie die Kaufhof-Mitarbeiter heut Vormittag, dann ist Integration beim Shoppen bald kein Traum mehr.

Mini-Cebit für Blinde und Sehbehinderte

Noch drei Wochen: dann ist Mini-Cebit. Die Messe im Louis-Braille-Center dreht sich rund um elektronische Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte. Und es ist wirklich erstaunlich, was es alles gibt: mit RFID-Chips gespickte Stadt-Pläne, die ertastet werden können. Tippt man mit einer Art Stift auf einen bestimmten Punkt, bekommt man angesagt, welche Straße oder welches Bauwerk hier ist. Tippt man nochmal, gibt es akustische Hintergrund-Infos z. B. zum Rathaus oder einer Kirche. Mehr Eigenständigkeit verspricht auch eine Software, die es ermöglicht, mit dem Handy Texte – z. B. Speisekarten – zu fotografieren und sie sich dann von einer synthetischen Sprachausgabe sofort vorlesen zu lassen. Ein weiteres Highlight auf der Mini-Cebit: sprechende Apple-Rechner – bisher sprechen nur Windows-PC’s wirklich zuverlässig und umfassend.

Dann versuch ich mal, unsere Messe in den Veranstaltungskalendern der Zeitungen und Radiostationen unterzubringen. Termine sind der 5. Juni (14.00-20.00 Uhr) und 6. Juni (9.00-16.00 Uhr). Das Louis-Braille-Center des Blinden- und Sehbehindertenvereins ist im Holsteinischen Kamp 26, in der Nähe der U2 Hamburger Straße. Es stellen rund 25 Aussteller aus ganz Deutschland aus. Die Mini-Cebit findet anlässlich des Sehbehindertentages statt.

Alle Infos (incl. Ausstellerliste): http://www.bsvh.org/news/51/37/

Perforierte Ecken statt Stift und Kreuzchen

Was muss grandioses geschehen, damit man an einem Samstag Nachmittag – genau in dem Moment, in dem die Sonne sich endgültig gegen die Hamburger Wolken durchsetzt – seinen sympathischen Besuch aus der Ferne für fünf Stunden verabschiedet, um sich mit mehr als 100 anderen Menschen in einen stickigen Raum in Lurup zu setzen? Es ist Zeit für Demokratie und Diskussion: Am 19. April hat die General-Versammlung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg den Vorstand für die nächsten vier Jahre gewählt. Da wollte ich nicht fehlen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich Politikwissenschaften studiert und schon als kleiner Junge gern Wahlberichterstattung im Fernsehen geguckt habe (weil dort soviel Pannen passierten), Wahlen finde ich immer spannend. Und auch diesmal war es aufregend, wer wohl die Kampfabstimmung um den zweiten Vorsitz und um die zwei Beisitzer-Positionen gewinnt, wieviel Stimmen die Kandidaten erhalten. Die Wahl ist geheim. Damit blinde und sehbehinderte Mitglieder ohne Stift und Kreuzchen, ohne Lupe und Scanner ihre Stimme abgeben können, benutzen wir an den Ecken perforierte, Postkarten-große Zettel. Eine abgerissene Ecke bedeutet eine Stimme für Kandidat 1, zwei abgerissene Ecken eine Stimme für Kandidat 2 usw. Einfach, aber genial. Im Kern wurde der bisherige Vorstand bestätigt. Lediglich der Schriftführer hatte nicht mehr kandidiert und musste ersetzt werden. Somit hatte sich nach fünf Stunden nur wenig verändert, aber manchmal ist ja selbst das eine interessante Nachricht und einen Sonnen-Verzicht wert.

  • 1. Vorsitzende: Petra Meyer
  • 2. Vorsitzender: Hilding Kissler
  • Schriftführer: Carsten Albrecht
  • Beisitzer: Ivanka Kobsch und Riko Zellmer