Zweifellos, meint Peter Guckes in seinem neuen Kinderbuch „Wie Mama mit der Nase sieht“. Die darin vorgestellten Alltagserfahrungen stammen aus erster Hand: vom Sohn der Berliner Kindergärtnerin und Malerin Silja Korn.
„Meine Mutter kann man nicht beschummeln. Sie merkt einfach alles“, weiß dieser. „Eigentlich wundert mich das, denn sie selbst ist gar nicht so perfekt, sondern manchmal total hilflos, richtig peinlich … Mama ist blind – und trotzdem die beste Mutter auf der ganzen Welt!“
Mit einfachen Worten wird aus kindlicher Perspektive vom Alltag mit einer blinden Mutter erzählt: woher sie weiß, was Farben sind, wie sie die richtige Menge Mehl für den Kuchen abmisst, woran sie die Figuren vom Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel erkennt, und wie es ihr gelingt, farblich passende Socken zu finden. Viele witzige Illustrationen veranschaulichen Details, die man sich nicht gleich vorstellen kann. So werden gemeinsame Kinobesuche und Ausflüge auf dem Tandem nachvollziehbar, ebenso wie Mamas Arbeit, die Braille-Schrift und das Blindenfußballtraining. Seite für Seite versteht man besser, warum der Erzähler nicht mit einem anderen Kind tauschen möchte, auch wenn andere das vielleicht denken.
Und wie findet die „beste Mutter auf der ganzen Welt“ das Buch?
„Ich selbst bin Erzieherin und finde es wichtig, dass die Kinder sehr früh und auf sanfte Weise an das Thema Behinderung herangeführt, ermutigt werden und Eltern von betroffenen Kindern anschaulich erfahren, dass man auch mit Handicap viel erreichen kann“, sagt Silja Korn.
Das Buch ist für Kinder ab 4 Jahren gedacht, im Stachelbart-Verlag erschienen (ISBN 978-3-945648018) und kostet 11,90 €.
Maschenka Jennert und ihr Verein „Augen auf Ghana“ helfen blinden und sehbehinderten Menschen in Ghana. Im Gespräch mit mir beschreibt sie den Alltag blinder Menschen in dem afrikanischen Land, berichtet über das Schul- und Gesundheitssystem und erzählt, wie ihr Verein arbeitet.
Heiko Kunert: Wenn du und ich – wir sind beide blind – nicht in Deutschland, sondern in Ghana lebten, wie würde dann unser Alltag aussehen?
Maschenka Jennert: Wahrscheinlich wäre unser Alltag ziemlich langweilig, weil wir nichts zu tun hätten. Vielleicht wären wir zur Schule gegangen, aber nur die wenigsten blinden Menschen studieren. Ein Studium kostet in Ghana viel Geld, da stecken die Familien es natürlich lieber in ihre sehenden Kinder, weil diese eher einen Job bekommen. Mit etwas Glück hätten wir natürlich trotzdem studiert oder würden für die Ghana Blind Union arbeiten, aber wahrscheinlicher ist, dass wir betteln müssten. Es gibt allerdings auch ein paar Ausnahmen, so gibt es in Ghana zum Beispiel einen Nachrichtensprecher im Fernsehen und, soweit ich weiß, auch einen blinden Parlamentsabgeordneten.
Heiko Kunert: Was ist mit Kindern und Jugendlichen? Wie sieht die Beschulung blinder Menschen aus?
Maschenka Jennert: Es gibt in Ghana zwei Blindenschulen, die jeweils 360 Schüler aufnehmen können. Allerdings sind ungefähr 8.000 Kinder unter 15 Jahren blind oder sehbehindert. Wenige von ihnen werden integrativ beschult, die meisten sind zu Hause oder werden in ein Waisenhaus gegeben, im schlimmsten Fall ausgesetzt.
Heiko Kunert: In vielen ärmeren Ländern ist die Quote blinder und sehbehinderter Menschen sehr viel höher als bei uns. Grund ist oft ein unterfinanziertes Gesundheitssystem. Wie ist das in Ghana?
Maschenka Jennert: In Ghana gibt es eine Krankenversicherung, die im Jahr für einen Erwachsenen umgerechnet 8 Euro, für ein Kind 3 Euro kostet. Die Krankenversicherung deckt sogar viele Augenbehandlungen ab, aber viele Menschen in Ghana wissen das nicht und könnten sich die Transportkosten zum Augenarzt ohnehin nicht leisten. Gute Augenkliniken gibt es nur in Accra und Kumasi und eine in Akwatia.
Heiko Kunert: Du engagierst Dich schon seit vielen Jahren in Ghana. Wie bist du dazu gekommen und was fasziniert dich an diesem Land?
Maschenka Jennert: Ich habe im Rahmen meines Studiums 2006 ein Praktikum in der Akropong School for the Blind in Ghana gemacht und dabei festgestellt, dass es dort Schüler gab, die noch einen Sehrest hatten. Leider waren die Klassenzimmer so dunkel, dass ihnen ihr Sehrest dort nichts genützt hat. Außerdem waren dort Schüler, die zum Beispiel erblindet waren, weil sie Masern bekommen hatten, oder der graue Star nicht rechtzeitig entfernt worden war. An Ghana faszinieren mich die Menschen. Sie sind mir gegenüber sehr hilfsbereit. Außerdem gefällt mir die Musik. Und dann ist da noch die Ananas, die auf dem Feld reift und viel süßer schmeckt als bei uns.
Heiko Kunert: 2009 hast du einen Verein gegründet: Augen auf Ghana. Was genau tut ihr? Vielleicht kannst du uns von einigen eurer Projekte erzählen.
Maschenka Jennert: Wir gehen in Dörfer und Kleinstädte und klären die Menschen über Blindheit auf. Das tun wir in Zusammenarbeit mit Augenkliniken, die ein medizinisches Team zur Verfügung stellen. Viele Menschen in Ghana glauben, Blindheit sei eine Strafe Gottes und akzeptieren ihr Schicksal deshalb, anstatt erstmal eine Augenklinik aufzusuchen. Viele gehen auch zu einem Pastor, der ihnen Heilung durch Gebet verspricht. Wenn das nicht klappt, liegt es natürlich nicht am Pastor, sondern am nicht vorhandenen Glauben des Patienten. Aber es gibt auch Pastoren, die uns ihre Kirche zur Verfügung stellen. Dorthin kommen dann alle, die Hilfe wollen. Wir verteilen Lesebrillen, Sonnenbrillen und Augentropfen und bringen diejenigen, die eine Operation brauchen, nach Accra in eine Augenklinik. Einmal kam eine Frau zu einer Untersuchung, die in einer Kirche stattfand. Sie war schon etwas älter und brauchte eine Lesebrille. Wir hatten eine dabei, die zu ihr passte. Als sie ihre Bibel endlich wieder lesen konnte, tanzte sie vor Freude durchs Dorf. Dadurch wurden noch mehr Menschen ermutigt, sich untersuchen zu lassen.
Heiko Kunert: Eine ganz ähnliche Ausrichtung scheint die große Christoffel-Blindenmission zu haben. Wie unterscheidet sich eure Arbeit voneinander?
Maschenka Jennert: Wir sind viel kleiner und haben deshalb nicht die Möglichkeit, Augenärzte auszubilden. Ansonsten, denke ich, machen wir ganz ähnliche Arbeit.
Zur Person:
Maschenka Jennert ist 34 Jahre alt, hat die Blindenschule und später integrativ die Heinrich-Hertz-schule in Hamburg besucht und dann Sonderpädagogik studiert. Sie ist Musikerzieherin und sucht aktuell Arbeit. 2009 gründete sie den Verein „Augen auf Ghana“, der sich der Bekämpfung von Blindheit in Ghana widmet. In ihrer Freizeit singt sie in zwei Chören. Außerdem liest sie gern oder trifft Freunde.
Mit der Berichterstattung über Blindheit ist das so eine Sache. Sie schwankt meist irgendwo zwischen Überhöhung und Mitleid. Häufig steht die Behinderung als rein medizinisches Phänomen im Mittelpunkt, nicht der Mensch, nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ausführlich habe ich hierüber bei Leidmedien.de geschrieben. Dass es auch anders geht, zeigt ein ganz hervorragendes Feature aus den USA. In der Senderreihe Invisibilia lief bereits im Januar eine Folge mit dem Titel „How To Become Batman“.
OK, der Titel klingt noch nicht sonderlich originell, der Inhalt und die Form der Sendung sind es aber allemal. In der Ankündigung zur Sendung heißt es:
Alix and Lulu examine the surprising effect our expectations can have on the people around us. Plus, the story of a blind man who says expectations have helped him see. Yes, see.
Im Zentrum steht Daniel Kish, der sich als blinder Mensch mit Hilfe von Klick-Lauten orientiert, Seine Umgebung erkundet, Fahrrad fährt. Das Feature zeigt, welch großen Einfluss die Erziehung auf die Entwicklung seiner Fähigkeiten hatte. Kish hatte das Glück, dass er sich als Kind allein und frei bewegen durfte, in Bäumen klettern, die Nachbarschaft erkunden durfte. Vielen blinden Kindern bleibt dies verwehrt, weil Eltern ängstlich sind, sie es ihren Kindern nicht zutrauen.
Ich selbst erinnere mich an Kinder, die mit zehn Jahren zu uns ins Internat für Blinde und Sehbehinderte kamen und die sich nicht einmal in geschlossenen Räumen eigenständig bewegen konnten, weil sie während ihrer gesamten Kindheit an der Hand der Eltern gegangen waren. Das sind zwar Extrembeispiele, dennoch: Behinderung ist nicht primär biologisch, sie ist ein gesellschaftliches Phänomen. Erwartungen unserer Eltern, unserer Mitmenschen prägen uns und unsere Fähigkeiten. Blinde Menschen können sehen – das sagt inzwischen sogar die Hirnforschung -, wenn man uns lässt.
Das NPR-Feature macht dies journalistisch hoch professionell und sehr unterhaltsam zum Thema. Warum hört man Vergleichbares eigentlich nie im Deutschen Radio? Dabei tappen die Macher nicht in die Falle, den Weg Daniel Kishs als alleinseligmachend zu verkaufen. Es wird auch die Frage gestellt, ob es nicht beinahe gewalttätig gegenüber blinden Kindern ist, wenn man von ihnen verlangt, dass sie so sein müssen wie sehende Kinder. Es kommt nicht nur Kish als Maßstab aller Dinge zu Wort, sondern auch andere blinde Menschen und Vertreter von Blinden-Organisationen. Großartig!
Das Feature kann auf npr.org nachgehört werden. Nehmen Sie sich die Stunde Zeit, und vielleicht denken Sie danach anders über Blindheit, Behinderung, den Menschen, die Welt.
Lieben Dank an Tina und Toby, die mich auf den Podcast aufmerksam gemacht haben!
„Aufbruch zu neuem Denken – Herausforderung Inklusion“, unter dieser Überschrift stand gestern das alpha-Forum extra auf ARD Alpha. In der Sendung diskutierten die Diversitätssoziologin Prof. Dr. Elisabeth Wacker, der Präsident des Bayerischen Bezirkstags Josef Mederer und ich über Inklusion in Deutschland. Die Moderation hatte Zuhal Soyhan. Aktuell können Sie die Sendung in der BR-Mediathek ansehen oder hier nachlesen.