Seit rund zwei Monaten rollen sie jetzt hierzulande über Straßen, Rad- und leider immer wieder auch Gehwege. Und sie stehen mitten im Weg. Ich habe mit Niclas Seydack über E-Scooter gesprochen und wie sie blinden Menschen den Alltag erschweren und sogar zu einer Gefahr werden. Ihr findet das Interview auf vice.com.
Schlagwort: Mobilität
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Leitstreifen für blinde Menschen: Bitte Weg frei!
Hamburgs Hauptbahnhof ist unübersichtlich: Täglich nutzen ihn 500.000 Menschen. Es gibt 14 Gleise, dazu die Stationen der vier U-Bahn-Linien. Ich behalte den Überblick dank der weißen Leitstreifen. Unterschiedliche Boden-Indikatoren weisen den Weg. Mit meinem Stock kann ich sie ertasten. Rillen- und Noppenplatten warnen vor Bahnsteigkanten und Treppen, leiten durch die Wandelhalle und führen zum gewünschten Gleis. Gerade in der großen Halle ist es schwer, Geräusche exakt zu orten. Auch kann ich mich nicht an Wänden orientieren, da hier Bäcker, Fahrkarten-Automaten und Menschenschlangen sind.
Die Leitstreifen sind ein Segen. Sie sind aber häufig versperrt. Menschen stehen plaudernd auf ihnen, Gepäck und Kinderwagen werden darauf abgestellt. Für mich ist das ein Problem. Habe ich den Streifen einmal verloren, um einem Hindernis auszuweichen, ist es nicht immer möglich, ihn in der wuseligen Halle wiederzufinden. Außerdem bin ich darauf angewiesen, die sog. Abzweigefelder mitzubekommen. Diese zähle ich, um zum richtigen Bahnsteig zu gelangen.
Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund hat anlässlich der Woche des Sehens eine Aktion am Münchener Hauptbahnhof durchgeführt. Blinde Aktivisten verteilten am 14. Oktober 2016 Postkarten an sehende Passanten, die über die Funktion der Boden-Indikatoren aufklärten. Das Motto sprach mir aus dem Herzen: „Bitte Weg frei!“
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Umgang mit blinden Menschen: Fasst uns nicht an!
Gestern war wieder so ein Tag: Beim Einsteigen in die U-Bahn, vor der Bahnhofstreppe und an einer Ampel. Dreimal wurde ich angefasst, von wildfremden Menschen, ohne meine Zustimmung, einfach nur weil ich blind bin.
Am Bahnsteig. Die U-Bahn fährt ein. Ich stehe zwischen zwei Türen. Ich steuere nicht sofort auf die sich öffnende Tür zu, sondern muss erst erlauschen, ob rechts oder links der nächste Eingang in den Wagon ist. Diese Geduld hat der junge, männliche Mitbürger nicht. Er greift grob nach meinem Arm, zerrt mich nach rechts. Ich erschrecke mich, zieh den Arm weg.
Nach der Bahnfahrt. Ich gehe zügig auf die abwärts führende Treppe zu. Vor mir pendelt der weiße Stock hin und her. Ich gehe diesen Weg jeden Werktag, seit über neun Jahren. Ich weiß genau wann es hinunter geht. Und selbst wenn ich es nicht wüsste, würde ich es mit dem Stock rechtzeitig ertasten. Dennoch fasst mir ein beherzter Senior an die Schulter. Er hat wohl Angst, ich könnte gleich die Treppe hinunterstürzen. Dabei ist es sein Eingreifen, das die Situation erst gefährlich macht. Ich bin im Gehfluss, im Gleichgewicht. Werde ich ohne Vorwarnung herausgerissen, steigt die Gefahr zu stolpern enorm.
Abends auf dem Weg zum Ampelpfosten. Ich steuere ihn gezielt an. Ein Knackgeräusch signalisiert mir seinen Standort. Ich muss an ihm einen etwas versteckten Knopf drücken, um das Akustiksignal zu aktivieren, das bei der nächsten Grünphase ertönt. Doch soweit komme ich gar nicht. Diesmal ist es eine Frau in mittleren Jahren, die mit einem resoluten „Es ist rot!“ und einem Greifen nach meiner Hand mein Vorhaben unterbindet.
Ich frage mich ernsthaft: Sehen diese vermeintlichen Helferinnen und Helfer eigentlich ständig blinde Menschen Treppen runterpurzeln, auf stark befahrenen Hauptstraßen herumirren oder unter U-Bahn-Wagen geraten? Meinen diese Leute denn, dass wir allein mit unseren Stöcken durch die Großstadt laufen würden, wenn das an jeder Kreuzung Lebensgefahr bedeuten würde? Sagt ihnen der gesunde Menschenverstand nicht, dass man seine Mitmenschen nicht ungefragt berührt? Ist der Gedanke für sie so abwegig, dass die persönliche Distanzzone auch für Menschen mit Behinderung einen Meter beträgt?
Gut, dass mir das dreimal an einem Tag passiert, ist die Ausnahme. Aber dreimal in der Woche passiert es mindestens. Dabei finde ich es absolut in Ordnung und freundlich, wenn ich von sehenden Mitbürgern gefragt werde, ob ich Hilfe benötige. Manchmal benötige ich sie sogar – und dann ist die Berührung auch OK. Aber allen anderen, die ständig ungefragt an, ihnen vollkommen fremden, blinden Menschen herumreißen, zerren, zupfen, sie tätscheln, ihnen eine körperliche Nähe aufdrängen, die sie nicht wollen, rufe ich zu: „Fasst uns nicht an!“