Tödliche Unfälle: Riskante Mobilität

Immer wieder flattern mir diese furchtbaren Nachrichten auf den virtuellen Schreibtisch. Heute war es eine 64jährige sehbehinderte Frau in Brandenburg, die von einem Bus erfasst wurde und kurz darauf starb. Im Juni verwechselte eine blinde Münchenerin den Raum zwischen den U-Bahn-Waggons mit der Tür. Der Fahrer bemerkte nichts und fuhr los. Die 28Jährige war sofort tot. Und in der vergangenen Woche fiel ein 30jähriger Hamburger auf die U-Bahn-Gleise in der Station Lutterothstraße. Ich kannte ihn, nicht gut, aber ein wenig. Wir waren im Blindenjugendheim eine zeitlang auf einer Gruppe. Zuletzt hatte ich ihn im August dieses Jahres erlebt: fröhlich, witzig, schlagfertig.

Klar, auch sehende Menschen können ähnlichen Unfällen zum Opfer fallen. Das ist aber nur ein schwacher Trost. Mir ist momentan ein bisschen mulmig, wenn ich auf meine U-Bahn warte. Ich kann mich nicht gegen die grausame Vorstellung wehren, das Gleichgewicht zu verlieren, einen falschen Schritt zu tun, von dem lauten, schweren Zug zermalmt zu werden. Ich habe im Orientierungs- und Mobilitätstraining gelernt, wie ich mich auf Bahnsteigen verhalten sollte: mit dem weißen Stock immer auf dem Boden verbleiben, langsam gehen, auf die warnenden Rillenplatten am Bahnsteigrand achten (wenn sie denn vorhanden sind), beim Einsteigen immer mit dem Stock vortasten, damit ich sicher bin, dass ich die Tür erwischt habe. Aber auch blinde und sehbehinderte Menschen haben mal Stress, sind unkonzentriert, angetrunken oder hektisch. Das dürfen wir nicht sein – zumindest sollten wir dann lieber ein Taxi nehmen. Die vielgepriesene Selbstständigkeit kann sonst schnell tödlich enden.

Ein gutes Ende

Zwischen Weihnachtsgans und Süßigkeiten-Bergen einerseits und dem arbeitsreichen Start ins Jubiläumsjahr 2009 andererseits wollte ich nochmal raus. Ab ging es nach Berlin und Brandenburg: Theater, Hauptstadttrubel und Frischluft standen an.

Die bezaubernde Anna und ich schauten uns die Möwe von Anton Tschechow in der Volksbühne an. Ich kannte das Stück nicht, mein Fable für russische Autoren ließ mich aber optimistisch in die Vorstellung gehen. Und in der Tat verflogen die drei Stunden im Flug. Unglückliche Liebe, ländliche Tristesse und künstlerische Misserfolge ergeben bei Tschechow ein erstaunlich buntes, humorvolles und tiefgründiges Gemisch. Die Inszenierung war sehr schlicht, kaum Musik, eine kleine Bühne. Die Schauspieler standen eindeutig im Zentrum. Und sie spielten sehr emotional. Vielleicht würde manch ein Kritiker sagen zu emotional, mit zuwenig Zwischentönen. Nichtsdestotrotz hat sich die Reise schon für den Theaterabend gelohnt.

Am Dienstag zogen wir durch die trubelige Hauptstadt, in der es scheinbar keine Berliner gibt: Sachsen, Dänen, Holländer und vor Allem Spanier waren überall, aber Berliner… Unter Anderem gingen wir in die Kuppel der neuen Synagoge in Mitte. Es machte mich wütend und traurig, als ich dort von der Geschichte des Hauses und seiner Gemeinde hörte. Die Verwüstungen in der Pogromnacht 1938, das Herausreißen der Torarollen aus den Schreinen, das Unterdrücken der jüdischen Religion und Kultur. Und es ist ein Triumph der Zivilisation, dass die Synagoge 1988 wieder aufgebaut wurde und sich wieder ein Wahrzeichen von Berlin nennen kann. Aber wie fragil dieser Triumph der Zivilisation ist, zeigen die Sicherheitskontrollen am Eingang. Metalldetektoren und Kontrollen wie am Flughafen zeigen, dass Judentum auch heute kein ganz normaler Teil unserer Gesellschaft ist.

Sonnenschein satt begleitete uns von Montag bis Mittwoch. Ein Silvestermorgen in der Nähe von Königs Wusterhausen war ein winterlich-romantischer Ausklang für den Kurztrip. Klare Luft, Wald und ein See. Zart zwitscherten die daheim gebliebenen Vögel in den kahlen Baumkronen. In der Ferne knallte gelegentlich ein Feuerwerkskörper. An meiner Seite ein so wundervoller Mensch. 2008 endete großartig, ein Ende, das Kraft und Mut gibt für ein spannendes, kreatives und inspirierendes 2009! Selbiges wünsche ich auch allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs!