Eine fragwürdige Konsequenz: Eine Replik auf Carsten D.

(Ergänzt am 18. Oktober 2010)

Anlässlich des heutigen Tags des weißen Stockes veröffentlichte die Welt einen Text. In ihm begründet der blinde Carsten D. seinen Austritt aus dem Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein:

Ich bin ausgetreten aus dem Kollektiv von Jammerlappen. Aus dem Blindenverband. Fast mein ganzes Leben war ich Mitglied, jetzt hat es mir gereicht. Ich habe ein Schreiben bekommen, mit dem ich gebeten wurde, gegen die Kürzung des Blindengeldes in Schleswig-Holstein mitzudemonstrieren. Das war mal wieder typisch: Die einzig sichtbare Aufgabe, die der Verband wahrnimmt, ist öffentliches Jammern. An das Mitleid der Gesellschaft appellieren. Die Schwächsten vorschicken, ihre Hilfsbedürftigkeit zur Schau stellen und sie abhängig machen von Almosen des Staates. Da will ich nicht mehr mitmachen. Ich will nicht jammern. Ich will ernst genommen werden. Ich will etwas leisten.

Carsten D. – warum er zu seiner harschen Kritik nicht mit seinem Nachnamen stehen möchte bleibt sein Geheimnis – spricht einen wichtigen Punkt an und zieht doch eine fragwürdige Konsequenz. In der Tat stehen die Organisationen der blinden und sehbehinderten Menschen vor der Herausforderung, dass sie einerseits die Potenziale blinder und sehbehinderter Menschen bekannt machen wollen, andererseits aber auch die Interessen derjenigen Betroffenen vertreten wollen, die auf Hilfe angewiesen sind. Ich kann zwar nicht für meine Kollegen in Schleswig-Holstein sprechen, kann aber sagen, dass wir in Hamburg nicht die Ansicht haben, dass es unsere einzig sichtbare Aufgabe ist, öffentlich zu Jammern. Ich nenne nur einige Beispiele aus der alltäglichen Arbeit unseres Blinden- und Sehbehindertenvereins: In Gesprächskreisen finden neu von einer Sehbehinderung Betroffene wieder Mut und Zuversicht. Wir halten Vorträge über den Alltag blinder und sehbehinderter Menschen vor Schulklassen, Auszubildenden oder Beratern der Arbeitsagentur und tragen damit zu mehr Verständnis gegenüber blinden und sehbehinderten Menschen bei. Wir setzen uns bei Rundfunkanstalten, Verkehrsbetrieben, Behörden und der Politik für eine barrierefreie Stadt ein und treten als Experten in eigener Sache auf – und nicht als Jammerlappen. Wir ermöglichen Zugang zu Kultur, indem wir z. B. Museen ansprechen, damit sie Angebote schaffen, die für sehbehinderte Menschen nutzbar sind, oder wir bringen selbst behinderte und nichtbehinderte Menschen in unserem Hause zusammen, damit sie Kunst für alle gemeinsam erleben und voneinander lernen können. Wir beraten Unternehmen, Agenturen und staatliche Stellen in Sachen barrierefreies Internet – selbstbewusst und nicht flehend. auch hier kann ich D.s Kritik nicht nachvollziehen. Er greift einen Punkt heraus – den Kampf ums Blindengeld – und reduziert das Engagement der Selbsthilfeorganisationen auf diesen Punkt.

Und auch beim Blindengeld irrt D. Es geht hier nicht um unzeitgemäße Almosen, sondern um einen modernen Nachteilsausgleich. Denn es gibt immer noch Barrieren in dieser Gesellschaft. Technische Hilfsmittel sind kostenintensiv, helfende Hände in Haushalt oder auf Reisen müssen finanziert werden. Die Städte sind nicht so gebaut, dass ich als blinder Mensch selbstständig überall hinkomme, sondern ein Taxi brauche. Indem es eine garantierte finanzielle Leistung wie das Blindengeld gibt, wird ein Großteil der von D. so hochgehängten Selbstständigkeit erst möglich. Gerade damit wir zukünftig nicht wieder auf Almosen im eigentlichen Wortsinn und auf Mitleid angewiesen sind, brauchen wir eine Leistung wie das Blindengeld. D. scheut nicht vor Halbwahrheiten zurück, um seine Thesen zu untermauern:

Als Antwort auf meinen Austritt schickte mir der Blindenverband einen Brief mit Gründen, warum ich doch Mitglied bleiben sollte. Einer davon lautete: Eine Ausgabe „Der Herr der Ringe“ in Blindenschrift kostet 400 Euro – welcher Blinde könnte sich so etwas ohne Unterstützung des Verbandes leisten? Also, ich habe eine Ausgabe von dem Tolkien-Klassiker. Sie hat 50 Euro gekostet. Als Hörbuch.

D. erwähnt nicht, dass es einen Unterschied gibt, ob man ein Buch selbst liest oder es sich anhört. Selbst lesen zu können, ist eine kulturelle Errungenschaft. Rechtschreibung lerne ich, wenn ich selbst teure Braillebücher lese. Ich kann mein eigenes Tempo bei der Lektüre wählen. Meine Fantasie wird beim eigenständigen Lesen stärker angeregt als bei der vorinterpretierten Audiofassung. Will D. blinden Menschen das Recht auf selbstständiges Lesen absprechen? Übrigens: wenn er das Blindengeld nicht braucht, ist er nicht gezwungen, es zu beantragen. Es gibt aber viele Betroffene, die darauf angewiesen sind.

D. will nicht auf seine Behinderung reduziert werden. Damit hat er Recht. Es ist so, dass blinde Menschen in den Medien fast ausschließlich über ihre Blindheit reden dürfen – das gilt ja selbst für D. im Welt-Artikel. Wann taucht denn mal ein behinderter Mensch in Straßenumfragen über Atompolitik auf oder in Talkshows über Alltagssorgen oder die Liebe? D. möchte lieber etwas leisten. Solang die Rahmenbedingungen und das Bewusstsein breiter Teile der nichtbehinderten Bevölkerung aber so sind, dass dem Leistungswillen blinder und sehbehinderter Menschen immer wieder Steine in den Weg gelegt werden, solang ist es Aufgabe von Selbsthilfe-Organisationen für die eigenen Belange zu streiten. „Das Wort „blind“ mochte kein potentieller Arbeitgeber“, sagt D. Meint er, dass sich das ändert, wenn wir nicht gemeinsam für unsere Rechte kämpfen?

Ergänzend zum Thema empfehle ich mein Interview mit Carsten Dethlefs über Kollektiv-Bilder.

Blindengeld: Großdemo in Kiel

Da es meinen heimischen PC nach allen Regeln der Windows-Kunst zerlegt hat, kann ich derzeit nur recht sporadisch bloggen. Ich möchte Ihnen aber zumindest schon jetzt den 16. Oktober ans Herz legen. Bitte kommen Sie an diesem Tag nach Kiel und unterstützen Sie die sehbehinderten und blinden Schleswig-Holsteiner in ihrem Kampf für den Erhalt des Landesblindengeldes. Lesen Sie hierzu im Folgenden den Demonstrationsaufruf des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein.

Aufruf zur Demonstration am 16. Oktober in Kiel!

wir rufen Sie zur Demonstration am 16. Oktober in Kiel gegen die geplante Halbierung des Blindengeldes in Schleswig-Holstein auf!

Es geht auf die Straße! Am Samstag, den 16. Oktober, findet in der Landeshauptstadt eine Demonstration im Rahmen der Kampagne „Hände weg vom Blindengeld“ statt, zu deren Teilnahme bundesweit aufgerufen wurde.

Die Teilnehmer der Demonstration sammeln sich ab 12 Uhr auf dem Vorplatz des Kieler Hauptbahnhofs. Gegen 13 Uhr startet der Protestzug und führt uns ca. 1 Km durch die Innenstadt zum Rathausplatz, wo eine Abschlusskundgebung geplant ist. Veranstaltungsende ist spätestens 17 Uhr.

Wir rufen alle Mitglieder, Freunde und Bekannte des BSVSH auf, Gruppenreisen per Bus oder Bahn zur Blindengeld-Demo nach Kiel zu organisieren. An der Seite des BSVSH werden unter anderem der Paritätische Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein und der Sozialverband Deutschland stehen. Um die Allianz der Blindengeldkämpfer noch zu verbreitern, laufen weitere Gespräche. Mit dem Rückhalt der Selbsthilfe aus ganz Deutschland möchte der Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein (BSVSH) den Druck auf die Politik erhöhen und lautstark gegen die drohende Halbierung des Landesblindengeldes protestieren.

„Schleswig-Holstein ist überall“, sagt die DBSV -Präsidentin Renate Reymann. „Wenn wir uns hier nicht erfolgreich zur Wehr setzen, werden andere Landesregierungen folgen und ebenfalls versuchen, unseren Nachteilsausgleich zu stutzen. Das können wir nicht zulassen. Auf Deutschland rollt eine Sparwelle von nie da gewesenem Ausmaß zu. Deshalb müssen wir jetzt klarmachen: Das Blindengeld darf nicht zu einem Notgroschen für klamme Landesregierungen verkommen. Der Blindengeldkampf in Schleswig-Holstein geht uns alle an und fordert uns alle heraus. Lassen Sie uns gemeinsam kämpfen für eine soziale Leistung, die auch ganz aktuell von der Behindertenrechtskonvention gefordert wird.“

Die Farbe der Demo ist Gelb, so wie bei allen Aktivitäten der Kampagne „Hände weg vom Blindengeld“. Wer noch ein gelbes Protest-T-Shirt mit dem Kampagnenlogo oder eine gelbe Baseball-Kappe braucht, kann seine Bestellung an die Geschäftsstelle des BSVSH richten und damit auch die Kampfkasse des Vereins etwas aufbessern (für Mitglieder des BSVSH ist die Ausstattung kostenlos).

T-Shirts sollten möglichst bis 04. Oktober bestellt werden, damit keine Lieferengpässe entstehen (gern nehmen wir Ihre Bestellung auch auf unserer Messe „Einblick-Ausblick“ am 02. und 03. Oktober in Neumünster entgegen und teilen solange der Vorrat reicht, T-Shirt und Baseball-Kappe aus). Für Personen, die nicht Mitglied im BSVSH sind beträgt der Solidaritätsbeitrag je T-Shirt 10 Euro.

Wir zählen auf Ihre Unterstützung!

Für meine Hamburger Leser gibt es noch einige praktische Anreise-Infos auf bsvh.org. Also, wir sehen uns in Kiel!

Perspektiven (12): Von unsozialen Kürzungen und beruflichen Chancen

Schleswig-Holsteins Landesregierung aus CDU und FDP will das Blindengeld halbieren. Marc von Kopylow hat für die Lübecker Nachrichten eine 80jährige blinde Frau befragt, wofür sie den finanziellen Nachteilsausgleich benötigt. Dabei wird eines klar: Eine Kürzung bedeutet weniger Selbstständigkeit und weniger Teilhabe am gesellschaftlichen Leben:

Während die Kasse nur normale Lupen finanziert, braucht Wera Zimmermann spezielle Lupen, die sich auch noch schnell verbrauchen. Eine sprechende Körperwaage und sprechenden Uhren, ein Monokular, eine Fernsehlupenbrille und eine Brille mit Kantenfiltergläsern musste Zimmermann komplett selbst bezahlen. Das Bildschirmlesegerät erleichtert der Schwarzenbekerin vieles, doch länger als eine halbe Stunde schafft sie sich nicht durch die wackelig zu lesenden Großbuchstaben von normalen Texten zu hangeln. Oft sind ihr da schon zehn Minuten zu anstrengend. Und Bilder lassen sich nur dort anschauen. Von ihrer Kasse, so erzählt sie, hätte es nur ein Schwarz- Weiß-Gerät gegeben, mit schlechten Einstellmöglichkeiten. Zimmermann musste für bunte Bilder und bessere Bedienung des Gerätes 1000 Euro dazu bezahlen. Regelmäßige Kosten entstehen dadurch, dass Zimmermann eine Hilfe braucht, die sie zum Einkaufen fährt und ihre Wohnung reinigt. Und zweimal im Jahr gönnt sich die alleinstehende Frau für jeweils zehn Tage eine Fahrt in ein Blindenhotel in Timmendorf. Das kostet mit etwas Programm jeweils um die 750 Euro. Für Zimmermann, deren Töchter weit weg wohnen, ist das die Chance, ihre vier Wände zu verlassen und unter Menschen zu kommen, die Verständnis für ihre starke Sehbehinderung haben. Zimmermann weiß, dass immer mehr alte Leute von Blindheit betroffen sind. Sollte die Halbierung des Blindengeldes kommen, verbleiben ihr nur 83 Euro im Monat.

Viele nichtbehinderte Menschen können sich nur schwer vorstellen, wie sehbehinderte und blinde Menschen Ausbildung und Beruf meistern. Dass mit den geeigneten Hilfsmitteln und in einem Klima der Offenheit sogar Topleistungen möglich sind, zeigt folgende Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung vom 3. September 2010:

Fachangestellter für Medien und Informationsdienste von der IHK ausgezeichnet Peter Hahling, sehbehinderter Auszubildender des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, hat den besten Abschluss als Fachangestellter für Medien und Informationsdienste (FaMI) seines Jahrgangs in Hessen erreicht. Für seine herausragenden Leistungen wurde er gestern Abend von der Industrie und Handelskammer (IHK) Frankfurt am Main ausgezeichnet. Im Rahmen eines Festaktes wurden insgesamt 230 Absolventinnen und Absolventen aller IHK-Ausbildungsberufe des Bezirks Frankfurt, die mit sehr gut bestanden haben, geehrt.

Schon seit 15 Jahren bildet das DIPF Blinde und Sehbehinderte aus und kooperiert dabei eng mit der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Die behinderten Auszubildenden sind bestens integriert und die Bedingungen sind hervorragend, beschreibt Peter Hahling die Grundlage des Erfolgs. Während seiner Lehrzeit profitierte er beispielsweise von Computern mit Spezialsoftware oder verschiedenen Vergrößerungshilfen. Seit 1995 haben am DIPF 18 Blinde oder Sehbehinderte ihre Ausbildung zum FaMI oder ihr Volontariat zum Wissenschaftlichen Dokumentar gemeistert.

2006 erreichte die blinde Auszubildende Ursula Hartmann sogar den besten FaMI-Abschluss in ganz Deutschland. Ob dies Peter Hahling möglicherweise erneut gelungen ist, steht noch nicht fest. Die Ehrung der bundesweit besten Auszubildenden erfolgt im Dezember in Berlin. Zunächst freut sich der FaMI aber erst einmal, dass er direkt im Anschluss an seine Ausbildung vom DIPF übernommen wurde.

In „Perspektiven“ stelle ich lesenswerte Beiträge rund um Augenerkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit vor. Viele weitere Linktipps erhalten Sie von mir via Twitter.

DBSV-Verbandstag: Signale für Barrierefreiheit und ein gerechtes Blindengeld

In der vergangenen Woche fand in Berlin der Verbandstag des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) statt. Er ist das höchste Gremium des Verbandes. Rund 200 Delegierte kommen alle vier Jahre zusammen, legen die Grundlagen für die Verbandsarbeit fest und wählen das neunköpfige Präsidium.

Über die unbefriedigende Lage beim Blindengeld habe ich in diesem Blog bereits häufig geschrieben, zuletzt über das Beispiel Schleswig-Holstein. Hier positionierte sich der Verbandstag eindeutig in einer Resolution. Hierin wird ein bundesweit einheitliches einkommensunabhängiges Blindengeld gefordert, das den wirklichen finanziellen Mehrbedarf der Betroffenen abdeckt. Außerdem wird eine entsprechende Leistung auch für sehbehinderte Menschen gefordert – diese gibt es bisher nur in sechs Bundesländern.

Mit der DBSV-Ehrenmedaille wurde der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz geehrt. Der Sozialdemokrat Kurt Beck hatte sich immer wieder für mehr Barrierefreiheit und mehr Hörfilme im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stark gemacht.

Mehr Barrierefreiheit verspricht auch das Projekt „Patienteninfo-Service“, das auf dem DBSV-Verbandstag vorgestellt wurde. Hierbei handelt es sich um eine Homepage, auf der Beipackzettel von Medikamenten für sehbehinderte und blinde Menschen, aber natürlich auch für jeden Internetnutzer, zugänglich gemacht werden. Das ist ein großer Fortschritt zu den kleingedruckten unübersichtlichen Zettelchen in den Medikamenten-Packungen. Endlich stehen diese wichtigen, oft lebenswichtigen Informationen sehbehinderten und blinden Menschen zur Verfügung. Bleibt nur zu hoffen, dass alle Pharma-Unternehmen ihre Beipackzettel dem Webangebot zur Verfügung stellen und dass ein Weg gefunden wird, auch den Betroffenen ohne Internet die Beipackzettel zugänglich zu machen.

Schließlich für die Szene-Kenner noch einige Namen: In den Wahlen wurden Präsidentin Renate Reymann aus Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident Hans-Werner Lange aus Niedersachsen mit jeweils 89% der Delegierten-Stimmen im Amt bestätigt. Neu in dem neunköpfigen Gremium sind Angela Fischer und Peter Brass. Im Amt bestätigt wurden Klaus Hahn, Dr. Thomas Kahlisch, Hans-Joachim Krahl, Helga Neumann und Rudi Ullrich.