Indien: Säure-Attacken und der Alltag erblindeter Frauen

Heute stolperte ich über einen DPA-Artikel auf dem Nachrichten-Portal Rolling Planet. Der Titel: „Die Rache der Verschmähten – Säureattacken in Südasien“. In dem Beitrag werden erschütternde Geschichten erzählt. Es geht um Frauen, die von Männern mit Salz- oder Schwefelsäure – die in Indien frei verkäuflich sind – schwer verletzt werden und nicht selten dadurch erblinden. Die konkreten Fälle sind schon erschütternd. Noch erschütternder ist aber, dass es sich hierbei keineswegs um Einzelfälle handelt.

Hunderte Frauen würden allein in Indien jedes Jahr auf diese brutale Weise entstellt, schätzt Avijit Kumar von der Stiftung für Säure-Überlebende in Indien. Schon allein die Tatsache, dass es einer solchen Stiftung bedarf, spricht für sich. Für Bangladesch sind – dem Artikel zufolge – für die letzten 13 Jahre mehr als 3.000 Säure-Attacken dokumentiert.

„In den meisten Fällen ist das Motiv Rache“, erklärt Kumar im Beitrag.

„Das aufgeblähte Ego der Männer, die von Kindesbeinen an als das bessere Geschlecht gelten und verhätschelt werden, verträgt es nicht, wenn eine Frau ,Nein‘ zu ihnen sagt.“ Wenn sie einen Heiratsantrag ablehnt, keine Mitgift mitbringt oder sich sonst widersetzt, griffen die Männer zu der heimtückischen Waffe, die sich innerhalb von Sekunden durch Haut und Gewebe bis auf den Knochen durchfrisst.

Mich hat noch etwas sehr bewegt, das in dem Artikel zwar erwähnt, aber nicht problematisiert wird. Er berichtet von Shanaz Begum aus einer Armensiedlung im indischen Kolkata. Sie ist seit 14 Jahren, aufgrund eines Säureangriffs ihres Mannes, blind.

Seitdem kümmert sich Begums alte, fragile Mutter um sie, hilft der 40-Jährigen beim Waschen, Toilettengang, kocht und putzt. „Wenn ich wenigstens ein Auge hätte, dann könnte ich arbeiten und meine Kinder versorgen“, sagt Begum verzweifelt.

Dieser kurze Textausschnitt zeigt, dass es neben der strukturellen Gewalt von Männern gegenüber ihren Frauen, zusätzlich das strukturelle Problem der Armut und einer schlechten Versorgung mit Rehabilitationsangeboten gibt. Schließlich sind blinde Menschen in den reichen Industriestaaten in der Regel nicht auf Hilfe beim Toilettengang, beim Waschen, Putzen oder Kochen angewiesen. Sie können all dies, weil sie in der Regel Zugang zu Trainings in Lebenspraktischen Fähigkeiten haben. Dass etwas Vergleichbares Shanaz Begum innerhalb von 14 Jahren anscheinend nicht ermöglicht wurde und dass sie als blinde Frau keine Job-Chancen hat, macht deutlich, wie dramatisch es ist, in Indien oder erst recht in einem Entwicklungsland zu erblinden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich bisher die meisten Frauen, aufgrund ihres vermeintlich entstellten Äußeren, nicht in die Öffentlichkeit trauen, wodurch der Zugang zu Hilfeleistungen zusätzlich erschwert wird.

Der DPA-Artikel berichtet aber auch davon, dass das Problem allmählich erkannt wird und dass es immer mehr Betroffene gibt, die sich öffentlich zeigen und damit auf dieses wichtige Thema in ihren Ländern hinweisen. Hoffentlich haben sie Erfolg.

Reiseziel Brüssel: Atmosphäre und Armut

Raus aus dem Alltag mit seiner Vorhersehbarkeit, hinein in den Westen Europas. Die bezaubernde Anna und ich setzten uns an einem Donnerstag in den Zug nach Köln und fuhren von dort weiter in die belgische Hauptstadt Brüssel (zusammen knapp sechs Stunden). Ich gebe zu, dass wir die Stadt nur als Zwischenstopp auf dem Weg nach England ansahen. Den Meisten geht es wohl so, dass Brüssel nicht auf Platz Eins der Reiseziele steht. Und doch ist es eine interessante Stadt, soweit man das nach 24 Stunden Aufenthalt fundiert beurteilen kann.

Die Atmosphäre im Zentrum der Stadt, vor Allem auf dem Grand-Place ist beinahe südländisch: Überall Menschen, ein Sprachen- und Stimmenwirrwarr, einige Straßenmusiker. Und überall die verführerische Schokolade: als kleine Täfelchen, Pralinen, Kaffeebohnen umhüllend oder über Bananen und Erdbeeren am Spieß gegossen, köstlich. Teuer ist es hier in den Restaurants, Kaffees und Geschäften – Touristen und EU-Beschäftigte haben es wohl.

Auf der anderen Seite waren wir überrascht von der großen Armut auf den Straßen und Plätzen. Überall begegneten uns bettelnde Menschen. Gerade rund um den internationalen Mega-Bahnhof Brüssel-Midi findet man die andere Seite der Hauptstadt Belgiens. Als wir nach 22 Uhr wieder im Südbahnhof ankamen, sprach uns ein völlig verängstigter asiatischer junger Mann an. Er werde von zwei Männern verfolgt und ob wir wüssten, wo hier die Polizei sei. Natürlich wussten wir es nicht. Zusammen suchten wir die Bahnhofsinformation auf. Sie war geschlossen. Der Mann versuchte via Handy die Polizei-Nummer zu erfahren. Immer wieder flehte er uns an, nicht zu gehen, ihn nicht allein zu lassen. Wir wussten nicht, wo wir hineingeraten waren. Es war uns zunehmend unwohl. Wir fanden Security-Personal, das nur sagte: „Da müssen Sie in die Innenstadt fahren. Hier haben alle Polizeiwachen um diese Zeit geschlossen.“ Sehr beruhigend.