Ein Hürdenlauf

Relaunch ist ein beliebtes Wort im Web. Kündigt ein Onlineshop, ein Nachrichtenportal oder ein soziales Netzwerk einen Relaunch an, hält sich meine Begeisterung meist in Grenzen. Stattdessen frage ich mich, ob ich die Seite zukünftig noch werde nutzen können. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist das Bewegen im Netz nicht Surfen, sondern ein Hürdenlauf. Denn schließlich muss der Screenreader die Website so umsetzen, dass sie mit Vergrößerungssoftware, Braillezeile
oder Sprachausgabe gelesen werden kann.

Den letzten Teil meiner „Blind-im-Web“-Serie finden Sie bei den Blogpiloten.

Schwer vorstellbar: Sehen mit der Zunge

Wenn ich sehenden Menschen vom Alltag Blinder und Sehbehinderter berichte, ernte ich oft Erstaunen. Kochen ohne Augenlicht, ins Kino gehen, Arbeiten am PC, das Nutzen von Farberkennungsgeräten können sich viele nicht vorstellen. Manchmal stolpere ich aber auch über Innovationen, die selbst ich mir nur schwer vorstellen kann. Mehrere Medien – darunter die Märkische Allgemeine – berichteten in den vergangenen Wochen über den Brainport. Mit plakativen Überschriften wie „Sehen mit der Zunge“ informierten die Journalisten über ein System, das visuelle Eindrücke so umsetzt, dass sie mit der Zunge wahrgenommen werden können. Der blinde Bergsteiger Erik Weihenmayer gehört zu den ersten Amerikanern, die Brainport testen. Er berichtet, dass er dank des Hilfsmittels „Schere, Stein, Papier“ mit seiner Tochter spielen kann. Weiter gelingt es ihm, nach einem zugerollten Ball oder einer Kaffeetasse auf dem Tisch zu greifen. Und er sieht zum ersten Mal schemenhaft die Gesichter seiner Frau und seiner Kinder.

„Es ist dein Gehirn, das sieht – nicht die Augen“, erklärt Weihenmayer, der eine Sonnenbrille mit einer winzigen Kamera auf der Nase trägt. „Und wenn die Augen nicht funktionieren, müssen die Bilder einen anderen Zugang zum Hirn finden.“ Weiter heißt es in der Märkischen Allgemeinen: „Etwa über die Zunge, wie es beim „BrainPort“ geschieht. Das Gegenstück zur Kamera ist nämlich ein drei Quadratzentimeter großes Plättchen, das wie ein Lutscher in den Mund geschoben wird. „Die digitalen Kamera-Bilder werden in elektrische Signale umgewandelt und über bis zu 600 Elektroden als Pixel an die Zunge weitergegeben“, erklärt Programmleiter Michael Oberdorfer vom National Eye Institute. „Die Idee des BrainPorts ist es, defekte Sinne zu ersetzen.“ Bei der Blindenschrift Braille etwa, gelangen Zeichen durch den Zeigefinger ins Hirn. „Das Hirn ist formbar und es lernt, auch über Umwege an Informationen zu kommen. Und ein Organ, das sich wegen seiner extremen Sensitivität dazu eignet, ist die Zunge.““

Mir stellen sich viele Fragen: Wieviel Nutzen bringt Brainport im Alltag? Welche Details sind damit zu erkennen? Die Markteinführung soll nicht mehr lang auf sich warten lassen. Testen werde ich es gewiss.